Würzburg

Kabarettmacher Mathias Repiscus: "Belehrend kommt nicht mehr gut an"

Mathias Repiscus und Monika Wagner-Repiscus überblicken fast 40 Jahre Kabarettgeschichte, 20 Jahre davon im Kulturspeicher, und erklären, warum Satire heute auch mal Spaß machen darf.
20 Jahre im Kulturspeicher: Monika Wagner-Repiscus und Mathias Repiscus betreiben die Kabarettbühne Bockshorn.
Foto: Thomas Obermeier | 20 Jahre im Kulturspeicher: Monika Wagner-Repiscus und Mathias Repiscus betreiben die Kabarettbühne Bockshorn.

Vor 20 Jahren ist das Bockhorn aus dem kuschligen Keller in Sommerhausen in den großen Saal im Kulturspeicher umgezogen. Hier wie dort spielte und spielt die erste Liga des deutschen Kabaretts. Ein Gespräch mit den Leitern Mathias Repiscus und Monika Wagner-Repiscus über die Vergangenheit und Zukunft des Genres und warum man auf den Bühnen kaum mehr Verrücktes oder Schräges sieht.

Wie sah es hier aus, als Sie vor 20 Jahren aufs Kulturspeicher-Gelände zogen?

Mathias Repiscus: Im Haus liefen die Handwerker rum. Draußen lagen jede Menge Schlamm und Dreck. Oft bin ich mit der Schaufel rumgegangen, und habe Sand in die Pfützen gestreut, damit die Gäste trockenen Fußes ins Theater kamen.

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Wie war denn die Umstellung vom kleinen, kuscheligen Keller in Sommerhausen auf das große Haus?

Repiscus: Es war eher eine Umstellung für die Zuschauer. Viele hatten sich in den 17 Jahren in Sommerhausen an das Kuschelige gewöhnt, und dann kamen sie hier in eine Black Box rein. Das haben viele bedauert, sie haben sich aber dran gewöhnt. Und es kamen neue Zuschauer hinzu. Am Anfang allerdings war es etwas schwierig. Viele waren unsicher, ob man hier überhaupt schon herkommen kann. Aber: Es hat uns dazu gebracht, dass wir einen Förderverein gründeten. Das war notwendig, um finanzielle Unterstützung zu bekommen.

"Das Fernsehen wollte von den Kabarettisten immer plattere Auftritte. Ihre richtigen Programme habe sie dann hier gespielt."
Mathias Respiscus
Hatten Sie das Gefühl, okay, jetzt haben wir einen großen Saal, den müssen wir jetzt immer vollkriegen?

Repiscus: Wir hatten schon in Sommerhausen viele Kabarettisten der ersten Garde. Diese haben uns die Treue gehalten, weil sie durch unsere jahrelange Förderung mit uns freundschaftlich verbunden sind. Dann kamen die Agenturen ins Spiel, die zum Beispiel einen Georg Schramm und andere Kabarettgrößen nicht mehr nur vor 100 Leuten spielen lassen wollten. Da kam also der Umzug genau zur richtigen Zeit. 

Es fand damals auch immer mehr Kabarett im Fernsehen statt, die Leute wurden bekannter.

Repiscus: Das hat sich immer weiter gesteigert. Allerdings hat das Fernsehen von den Kabarettisten immer seichtere, plattere Auftritte abverlangt. Ihre richtigen Programme haben sie dann hier gespielt.

Dieter Hildebrandt (1927-2013) gehörte zu den Stammgästen im Bockshorn.
Foto: Markus Scholz, dpa | Dieter Hildebrandt (1927-2013) gehörte zu den Stammgästen im Bockshorn.
Kabarett hat immer einen gesellschaftlichen Anspruch. Sie blicken auf fast 40 Jahre Arbeit zurück, oft auch als Entdecker und Regisseur neuer Talente. Wo stehen wir denn heute als Gesellschaft? Sind wir ein Stück weiter, oder haben wir eher Rückschritte gemacht?

Repiscus: Inhaltlich, würde ich sagen, sind eher Rückschritte zu vermerken. Man darf nicht vergessen: In den 1980er Jahren, als wir mit Kabarett begannen, hatten Politiker ganz anderes Format als heute. Außerdem hat sich das Kabarett durch die immer mehr aufkommende Comedy verändert. Es ist unterhaltsamer geworden, nicht mehr so puristisch streng. Belehrend kommt nicht mehr gut an. Trotzdem: Selbstverständlich ist Lachen etwas Wunderbares und von allen Kreaturen einzig dem Menschen vorbehalten. Aber wenn ich aus dem Theater gehe, möchte ich mich nicht schämen über das, worüber ich gelacht habe.

Heißt es, dass Menschen heute über andere Dinge lachen als vor 20, 30 Jahren?

Repiscus: Es wurde weniger gelacht. Es wurde viel mehr geschmunzelt über die Frechheiten, die etwa ein Dieter Hildebrandt gesagt hat. Oder ein Georg Schramm. Das war kein Schenkelklopfen. Aber heute geht das Publikum nicht mehr ins Kabarett, wenn keine Unterhaltungseffekte zu erwarten sind.

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Wie sieht denn dann politisches Kabarett mit Unterhaltungseffekt aus?

Repiscus: Es ist heute kaum mehr tagesaktuell. Matthias Tretter zum Beispiel, bei dem ich auch Regie führe, hat immer das Globale im Blick. Das ist mir wichtiger als das, was da jeden Tag von den Herrschaften aller Fraktionen durchgeleiert wird. Diese Auseinandersetzung findet inzwischen im Netz statt.

Wie sieht es denn mit dem Nachwuchs aus?

Repiscus: Wenn ich heute junge Künstler suche für das Newstar-Festival, dann müssen das Leute sein, die noch nie im Bockhorn waren. Die muss ich hauptsächlich im Comedy-Bereich rekrutieren. Was heißt das? Kabarett wird langsam zur raren Ware.

Monika Wagner-Repiscus: Aber das ist inzwischen kaum mehr zu trennen, das hat sich vermischt.

Mathias Tretter, einer der Kabarettisten, mit denen Mathias Repiscus regelmäßig zusammen arbeitet.
Foto: Johannes Kiefer | Mathias Tretter, einer der Kabarettisten, mit denen Mathias Repiscus regelmäßig zusammen arbeitet.
Mussten Sie als Purist sich auch umstellen? 

Repiscus: Ja, natürlich. Aber das war fließend. 

Wie war das? Die Comedians haben angefangen, ein bisschen mehr Inhalt reinzunehmen, und die Kabarettisten haben gesagt, ich habe keine Lust, nur noch vor drei unentwegten Altfans zu spielen?

Repiscus: Ja, ungefähr so war das. 

Monika Wagner-Repiscus: Es soll ja auch Spaß machen.

Repiscus: Der gute Kabarettist ist ja immer in der Lage, für Pointen zu sorgen. Daran mangelt es ja nicht. Und wer das nicht kann, der muss dann halt Lesungen machen.

"In Sommerhausen hatten wir die Möglichkeit zu experimentieren. Egal, ob da unten 20 oder 30 Leute saßen, es war nie leer."
Mathias Repiscus
Auffällig finde ich, dass es im Kabarett kaum mehr verrückte Formen, verrückte Formate gibt. Schräge Persönlichkeiten wie Miki Malör oder Poeten wie Franz Hohler trifft man kaum noch.

Repiscus: Da haben Sie genau den richtigen Punkt getroffen. In Sommerhausen hatten wir viel mehr die Möglichkeit zu experimentieren. Es war egal, ob da unten 20 oder 30 Leute saßen, es war nie leer. Wobei übrigens immer die Schweizer die Spezialisten fürs Besondere waren. Aber stellen Sie sich das mal hier vor. Ich würde gerne solche Besonderheiten herholen, auch Experimentelles. Aber das würde hier nicht funktionieren.

Monika Wagner-Repiscus: Das Publikum ist weniger neugierig als früher.

Wie läuft der Neustart nach Corona an?

Repiscus: Das Publikum ist noch zurückhaltend. Da wird noch sehr viel Arbeit nötig sein.

Monika Wagner-Repiscus: Da sind wir nicht die einzigen, das berichten derzeit alle.

Was können Sie tun?

Repiscus: Weitermachen!

Das Newstar-Festival des Bockshorn findet am 3. und 4. November jeweils ab 20.15 Uhr statt. Am ersten Abend mit Sulaiman Masomi & Goldfarb Zwillinge, am zweiten mit Jonas Greiner & Fee Badenius. Infos und Karten:  www.bockshorn.de

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