Würzburg

Lockdown und kein Ende: Wie geht es bildenden Künstlern?

Alle reden von der Bühne. Doch wie geht es bildenden Künstlern? Unser Autor hat zwei Ateliers höchst unterschiedlicher Künstler besucht – die eine große Gemeinsamkeit haben.
Anfang November rollte die Künstlerin Angelika Summa eine aus Plastikrohren geformte Kugel durch die Würzburger Innenstadt, um auf die missliche Lage der Kunst im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.
Foto: Wolf-Dietrich Weissbach | Anfang November rollte die Künstlerin Angelika Summa eine aus Plastikrohren geformte Kugel durch die Würzburger Innenstadt, um auf die missliche Lage der Kunst im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.

Recht haben sie, die bildenden Künstler: Sie sind zu kurz gekommen in der öffentlichen Berichterstattung der vergangenen Monate. Weiß der Teufel, warum. Haben passionierte Individualisten (Vorsicht, Klischee!) zwar große Fans, dafür aber nur kleine Lobbys? Oder schweigen die Künstler lieber öffentlich, als dass sie sich der Vielzahl kollektiver Lamenti anschließen? Solche sind nun Woche für Woche allerorten zu hören und zu lesen. Zu Recht. Die Gefahr ist nur, dass der Mensch auf zu viele Schreckensmeldungen eher mit Verdrängung oder Ausblendung reagiert und weniger mit Tatkraft.

Was nun? Am besten beherzigen, was die Redaktion in „nummereinhundertdreiundfünfzig“ der "Zeitschrift für Kultur in Würzburg und anderswo" feststellt: „Jeder hat Anspruch, für seine künstlerische Arbeit wertgeschätzt und auch entsprechend bezahlt zu werden. Bloß, warum vergisst man hier, dass auch Maler, Bildhauer, Zeichner, Graphiker eine Wohnungs- und eventuell Ateliersmiete bezahlen müssen, normale Lebenshaltungskosten haben, durch geschlossene Galerien keinerlei Ausstellungsmöglichkeiten hatten und noch haben, durch bereits geplante, aber kurzfristig abgesagte Ausstellungen teilweise hohe Vorbereitungskosten einfach abschreiben müssen … Nicht jeder von ihnen ist ein gutverdienender oder pensionierter Kunsterzieher.“

Der Bildhauer Jan Polacek in seinem Atelier in Urspringen in der Rhön.
Foto: Siggi Seuß | Der Bildhauer Jan Polacek in seinem Atelier in Urspringen in der Rhön.

Und sich einen Eindruck vor Ort verschaffen. Vielleicht lässt sich bei einem, nein, besser bei zwei Atelierbesuchen ergründen, in welchem Zustand bildende Künstler im Augenblick verharren. Wohl wissend, dass zwei Porträtierte nicht für die Lage der Zunft sprechen können, sondern erst einmal für sich selbst. Noch dazu unter der Prämisse, dass sich das Klischee „eigenwillige Einzelkämpfer“ häufig bewahrheitet.

Besuch dort, wo Fuchs und Hase grußlos aneinander vorübergehen

Spontan fallen mir zwei Bildhauer ein. Erstens, weil sie das Bild der Eigenwilligen aufs Allerschönste erfüllen. Zweitens, weil sie sie sich mit ihrer Kunst über Jahrzehnte weit über den Tellerrand Frankens hinaus einen Namen gemacht haben. Drittens, weil der Eine tagtäglich in der tiefsten Rhön seiner Leidenschaft nachgeht, dort wo Fuchs und Hase grußlos aneinander vorübergehen. Viertens, weil die Andere mitten im quirligen Künstlermilieu einer kleinen Großstadt ihre Nische gefunden hat und vor kurzem eines ihrer Kugelobjekte durch die Würzburger Innenstadt rollte, um auf die missliche Lage der Kunst im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.

Jan Polacek, 68 Jahre alt, lebt seit Jahr und Tag in der vorderen Rhön, im Dörfchen Oberwaldbehrungen (Lkr. Rhön-Grabfeld). Tagtäglich fährt er morgens ins benachbarte Urspringen. Dort hat er vor einiger Zeit das alte Schulhaus gekauft, um es als Atelier zu nutzen. Der gelernte Holzschnitzer und akademische Bildhauer ist einer von drei Repräsentanten der Künstlergruppe „Institut Heinz“, deren provokativ-ironische Werke und satirische Performances vor kurzem am Kunstort Kloster Wechterswinkel zu sehen waren. Polacek arbeitet je nach Lust und Inspiration mit Holz, oder er formt fantastisch bunte, nicht selten erotische Kunststoffobjekte in Abgusstechnik.

Vielleicht steckt auch noch ein Stück Bürgerschreck in ihm

Wer Jan Polacek an diesem tristen Novembermorgen in seiner Werkstatt besucht und dabei an gefühlt hunderten Holzrohlingen und anderen Versuchsobjekten vorüber defilieren muss, die noch auf Vollendung warten – wer Polacek also sein altes Bolleröfchen im Atelier mit Abfallholz anschüren sieht, der denkt unwillkürlich an die Worte eines Rundfunkjournalisten, der den Künstler mit sehr irdischen Substantiven beschreibt: „Er hat die Energie der Erde, das Ungestüme des Bauern, die Kraft eines Schmieds, das Geschick eines Tischlers.“

Jan Polacek und eines seiner Holzobjekte.
Foto: Siggi Seuß | Jan Polacek und eines seiner Holzobjekte.

Ja, das könnte alles zutreffen. Dazu dürfte noch ein kleines Stück Bürgerschreck in ihm stecken. Jan Polacek fühlt sich wohl in der Abgeschiedenheit. Und er ist seit Kindheit in der Rhön verwurzelt. Hier auf den staubigen Brettern seines Ateliers – einst der Schwungboden des Turnsaals –, hier spürt er Freiheit und Unabhängigkeit, die er braucht. Als es warm geworden ist im Raum, richtet er seinen Blick fest auf eine schon bearbeitete aber unfertige Holzskulptur, die aus seiner afrikanischen Phase übrigblieb (er lebte zeitweise im westafrikanischen Togo). Da scheint sich ein spannender Dialog zwischen Künstler und Werk anzubahnen, an dessen Ende etwas Neues entstehen könnte: „Jedes Stück Holz spricht zur mir. Da schlummert was drin.“

Der Bildhauer macht sich eher Sorgen um die Situation im darstellenden Gewerbe

Bei so inniger Beziehung zu den Objekten seines Begehrens ist es nicht verwunderlich, dass Polacek immer wieder auf der Bedeutung autonomen Arbeitens insistiert und gleichzeitig eine bodenständige Einstellung zum Geldverdienen kundtut: „Im Prinzip ist es scheißegal, wo was steht. Ich brauch das Geld. Wohlsituierte Menschen haben das Geld. Ich weiß, dass ich ne gute Arbeit rauslasse, eine, die mir entspricht. Und dafür soll man mir gutes Geld zahlen. Aber ich bin nicht auf dem Kunstmarkt etabliert. Leute, die an meiner Handschrift interessiert sind, kommen zu mir. Und damit kann ich ganz gut leben.“

Grund zum Jammern sieht er nicht. Er hat seine Handschrift. Er hat sein Klientel, zu dem wohlhabende Menschen gehören, auch solche, die gerade in Krisenzeiten in Kunst investieren. Der Bildhauer macht sich eher Sorgen um die Situation im darstellenden Gewerbe als um sein berufliches Überleben: Tänzer, Schauspieler, Bühnenaufbauer, Soundmixer. Polacek lebt offensichtlich in bescheidenen Verhältnissen. Er hat, nicht zu vergessen, eine Ehefrau mit regelmäßigem Einkommen. Und er liebt seine künstlerische Freiheit über alles. Kein Grund zur Klage, was seinen selbstgewählten Künstlerweg betrifft. Ideen und die Energie, sich ans Werk zu machen, hat er genügend, egal, ob's draußen stürmt oder schneit.

Metall ist ihr Material: Angelika Summa bei der Arbeit. 
Foto: Wolf-Dietrich Weissbach | Metall ist ihr Material: Angelika Summa bei der Arbeit. 

Das dürfte bei der Metallbildhauerin Angelika Summa aus Würzburg, Autodidaktin mit Hochschulabschluss in Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik, nicht anders sein. Ein ähnliches Gefühl der Geborgenheit wie in Jan Polaceks Werkstatt entsteht, wenn man die Atelierräume der 68-jährigen Künstlerin betritt, mitten in der Ödnis eines Gewerbegebiets. Auch ihr Mann Wolf-Dietrich Weissbach, Fotograf, Journalist, Verleger, hat in dem Gebäude eines ehemaligen Fischgroßhandels sein Domizil aufgeschlagen. Man spürt: Hier geht es im produktiven Chaos Ideen an den Kragen, bevor sie sich wieder verflüchtigen. Vermissen könnte man höchstens die Urspringer Heimeligkeit. Angelika Summa arbeitet mit Schutzanzug, Schutzbrille und Schweißbrenner sommers wie winters im ungeheizten Raum.

Eines haben beide gemeinsam: Sie passen ihre Bedürfnisse an die Verhältnisse an

Wir unterhalten uns in der kleinen, mit einem Elektroöfelchen erwärmten Küche. Die Künstlerin stellt gleich klar: „Ich gehöre nicht zu den Jammerern. Mir geht’s gut.“ Sie selbst, sagt sie, komme mit der augenblicklichen Situation klar, aber „es läuft nur deswegen, weil ich meine Kunden habe und meine Fans.“ Sorgen machen ihr eher die immer knapper werdenden Kassen öffentlicher Auftraggeber. Nur eins weiß sie – und da widerspricht sie Jan Polacek heftig: „Die bildenden Künstler – und gerade die Bildhauer – sind die Ärmsten der Armen. Stahl, Messing, Kupfer, Edelstahl – das fällt nicht vom Himmel. Wir haben immense Vorinvestitionen. Die haben weder Musiker noch Theaterleute. Und wir bekommen kein Honorar für Ausstellungen. Wir schwimmen im eigenen Saft oder in dem Beziehungsklüngel, den wir uns geschaffen haben. Der funktioniert. Oder auch nicht. Egal, wie gut die Künstler sind.“

Obwohl Angelika Summas Umgang mit den Objekten ihres Begehrens ein ganz anderer ist als der von Jan Polacek mit den seinen, verbindet die beiden etwas Fundamentales: „Ich muss halt meine Bedürfnisse an die Verhältnisse anpassen. Ich vermisse nichts, solange ich arbeiten kann, wie ich will.“ Die Aussage Angelika Summas könnte auch vom Bildhauer aus der Rhön stammen. Da spürt man sie, diese für Außenstehende nur schwer begreifbare, ungestüme, schier grenzenlos erscheinende Energie, die Leidenschaft, Können und Beharrlichkeit anfacht, Träume, Fantasien, Ideen zu Kunstwerken zu gestalten. Gelegentliches Scheitern inbegriffen. Hartnäckig, trotzig, eigenwillig, Tag für Tag – ohne Zugeständnisse an Publikumsgeschmäcker jeglicher Couleur. Vielleicht liegt gerade darin eine wesentliche Ursache des Erfolgs, selbst unter widrigen Umständen beruflich zu überleben.

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