Würzburg

Mehrfach unerhört: Samira Spiegel bei den Bachtagen

Die Pianistin und Geigerin spielt erstmals beide Instrumente gleichzeitig. Zuvor beweist sie, dass sie der konventionellen Literatur auf höchstem Niveau gewachsen ist.
Das Foto, aufgenommen aus der Perspektive des Tonmeisters, täuscht: Samira Spiegel, Interpretin des Werks 'Spukhafte Fernwirkung' von Henrik Ajax, tritt durchaus nicht in den Hintergrund.
Foto: Mathias Wiedemann | Das Foto, aufgenommen aus der Perspektive des Tonmeisters, täuscht: Samira Spiegel, Interpretin des Werks "Spukhafte Fernwirkung" von Henrik Ajax, tritt durchaus nicht in den Hintergrund.

Wer von Berufs wegen über Konzerte schreibt, bekommt oft Bekanntes zu hören, gelegentlich Neues, selten Unerhörtes. Für das Solorecital der Geigerin und Pianistin Samira Spiegel im Rahmen der 51. Würzburger Bachtage im nahezu ausverkauften Toscana-Saal der Residenz gilt die dritte Kategorie – und das in mehrfacher Hinsicht.

Junge Musikern mit Doppelbegabung

Samira Spiegel, Jahrgang 1994, weigert sich seit früher Kindheit erfolgreich, sich für eines der beiden Instrumente zu entscheiden. Sie arbeitet und konzertiert mit beiden gleichermaßen, meist allerdings nicht im selben Konzert und bislang noch nie im selben Stück. Mit der Auftragsarbeit "Spukhafte Fernwirkung" des in München lebenden schwedischen Komponisten Henrik Ajax (Jahrgang 1980) gibt es nun ein Werk, das dies möglich macht.

Samira Spiegel am Klavier und mit Geige, zweimal belichtet von Anand Anders.
Foto: Anand Anders | Samira Spiegel am Klavier und mit Geige, zweimal belichtet von Anand Anders.

Das geht freilich nicht ohne elektronische Hilfe: Samira Spiegel spielt abwechselnd Klavier und Geige. Per Fußpedal bedient sie eine Loop-Station, mit der sie Abschnitte aufnehmen, über Lautsprecher als Schleife abspielen und miteinander kombinieren kann. So legt sie Klangschicht über Klangschicht, verdichtet, dünnt wieder aus, eskaliert und befriedet, bündelt und entwirrt. Am Mischpult unterstützt sie dabei ein Kommilitone aus Detmold: Ernst-Lukas Kuhlmann, Masterstudent im Fach Tonmeister.

"Das passt gut. Ich bin ein beharrlicher Mensch."
Samira Spiegel zu ihrer Zugabe mit dem Titel "Beharren"

Der Titel bezieht sich auf ein von Albert Einstein entdecktes, unerklärliches Phänomen aus der Quantenmechanik: Elementarteilchen können zeitgleich identische Eigenschaften entwickeln, egal, wie weit sie im Raum voneinander entfernt sind. Auch die Wirkung des Stücks ist spukhaft: Je stärker die gestischen, mal klirrenden, mal wuchtigen Klänge sich ineinander verschieben, desto schwieriger wird es, sie dieser einen schaltenden und gestaltenden Person da vorne zuzuordnen. Unerhört faszinierend.

Schwierigste Werke der Musikliteratur

Zuvor hat Samira Spiegel drei der schwierigsten Werke der jeweiligen Literatur gespielt: Liszts Phantasie und Fuge über B-A-C-H und Busonis Bearbeitung von Bachs Chaconne aus der d-Moll-Partita für Violine solo am Flügel und danach eben diese Partita auf der Geige. Die Klavierwerke sind ein Fest selbstbewusster Meisterschaft – zupackend, pointiert und höchst sensibel schält Spiegel aus dem virtuosen Geklingel Werke von unerhörter Tiefe.

Die Partita auf der Geige braucht danach ein wenig, um sich Raum zu verschaffen, aber spätestens ab der Sarabanda beherrschen Klarheit und Größe den Saal. Das Publikum applaudiert hingerissen und ausdauernd einer unerhört begabten Künstlerin, die sich mit einer bezeichnenden Zugabe bedankt: "Beharren" von Henrik Ajax. "Das passt gut", sagt sie, "ich bin ein beharrlicher Mensch."

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