Würzburg

Necla Kelek, Kämpferin für eine Kultur des Einmischens

Emotional zugespitzter Vortrag: Die meinungsstarke Publizistin und Soziologin war zu Gast bei MainLit in der Würzburger Posthalle.
Bei der Literturveranstaltungsreihe MainLit las die Autorin Necla Kelek in der Posthalle in Würzburg aus ihrem Buch  'Die unheilige Familie'.
Foto: Silvia Gralla | Bei der Literturveranstaltungsreihe MainLit las die Autorin Necla Kelek in der Posthalle in Würzburg aus ihrem Buch "Die unheilige Familie".

Unterhaltsame Anekdoten und hübsche Wohlfühl-Bilder lieferte dieser 14. Abend des Literaturfestival MainLit nicht. Konnte es vielleicht auch gar nicht an diesem beinahe historischen Tag, an dem neue Maßnahmen rund um das Corona-Virus immer stärker auch im (kulturellen) Veranstaltungsalltag ihre Auswirkung zeigten.

Konnte es aber auch dehalb nicht, weil MainLit mit der Einladung der streitbaren Publizistin und Soziologin Necla Kelek auch gesellschaftspolitisch Farbe bekannte und die kontroverse Debatte suchte. Ist die promovierte Sozialwissenschaftlerin und Terre-des-Femmes-Aktivistin doch in ihren bisher sieben Büchern als thesen- und meinungsstarke Autorin hervorgetreten, die sich überaus kritisch mit dem Islam auseinandersetzt.

Emotional zugespitzter Vortrag

Dieses konfliktträchtige Thema führt sie auch in ihrem im vergangenen Jahr erschienenen neuen Buch „Die unheilige Familie“ fort. Dieses stellte sie vor rund 100 Zuhörern in der für diese Veranstaltung doch etwas überdimensionierten Würzburger Posthalle vor. Leicht irritiert von der relativ großen Distanz zu ihrem Publikum und der Einsamkeit auf der großen Bühne stürzte sich Kelek nach der Begrüßung durch MainLit- Geschäftsführer Wolfgang Heyder sofort in die Lesung aus ihrem Buch.

Wobei der Begriff "emotional zugespitzter Vortrag" die Situation viel besser beschreibt. In den zwei ausgewählten Kapiteln stellt Kelek rhetorisch geschickt in beispielhaften Momentaufnahmen zwei Lebenswirklichkeiten der bundesdeutschen Gesellschaft aus dem Jahr 2016 vor: zum einen die vermeintliche Idylle eines Winzerdorfes an der Mosel, das im Spannungsfeld zwischen Wegzug der im Dorf aufgewachsenen Jugend und dem Zuzug von jungen männlichen Flüchtlingen lebt.

Unvereinbare Formen von Familie stehen einander gegenüber

Auf der anderen Seite erzählt sie die Geschichte der Mädchen Samima und Nuria, deren Eltern vor über 20 Jahren aus Marokko nach Berlin gekommen sind. Detailliert beschreibt sie deren familiäre Situation, die letztlich in einer vom Vater befohlenen und von der Mutter angebahnten Zwangsverheiratung mit Cousins endet.

Die Zuschauer lauschten nicht nur konzentriert Autorin Necla Kelek, sondern stellten auch viele Fragen zu deren kontroversen Ansichten.
Foto: Silvia Gralla | Die Zuschauer lauschten nicht nur konzentriert Autorin Necla Kelek, sondern stellten auch viele Fragen zu deren kontroversen Ansichten.

Mit deutlichen Worten und scharfen Bildern stellt Kelek zwei unvereinbare Formen von Familie einander gegenüber: hier das liberale westliche Modell, in dem die Familie als multifunktionale Kernzelle einer emanzipierten Gesellschaft dient; dort das hierarchisch strukturierte und männlich dominierte Modell, das von religiösen Regelungen und Gesetzen bestimmt wird. Zugespitzt spiegelt für die Autorin die partnerschaftliche Familie die offene Gesellschaft des Westens, die patriarchalische Familienstruktur die politisch autoritären oder gar diktatorischen Systeme des Orients wider.

Reichlich Gesprächs- und Diskussionsstoff für das Publikum, das die Möglichkeit zur Nachfrage und Vertiefung ausgiebig und mit hohem Niveau der Wortmeldungen nutzte. Nicht immer ging Kelek dabei auf die konkreten Anliegen der Fragesteller ein, sondern präsentierte sich als vehemente Kämpferin für eine Kultur des Hinschauens und Einmischens der Behörden, wenn diese von Kinderehen oder Zwangsverheiratungen hierzulande erfahren.

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