Rottendorf

Neues vom Bestsellerautor: Bas Kast schreibt einen Roman

Sein "Ernährungskompass" steht immer noch auf den Bestsellerlisten, doch nur der Ernährungsguru wollte er nicht mehr sein: Wie der Rottendorfer Autor sich selbst neu erfand.
Bas Kast in einer Wiese bei Rottendorf. Sein Roman über eine Selbstfindung soll ein 'Feelgood-Buch' sein. 
Foto: Gene Glover / Diogenes Verlag | Bas Kast in einer Wiese bei Rottendorf. Sein Roman über eine Selbstfindung soll ein "Feelgood-Buch" sein. 

Die Superkurzversion: Ein Wissenschaftsjournalist schreibt ein Sachbuch, das Bestseller wird. Danach schreibt der Bestsellerautor nicht noch ein Sachbuch, sondern einen Roman.

Die etwas weniger knappe Geschichte lautet so: Ein Wissenschaftsjournalist schreibt erfolgreiche Sachbücher über Liebe und Leidenschaft, Kreativität, Gehirn und Intuition. Er frühstückt Schokolade, ernährt sich von Kaffee, Kartoffelchips und Bier und hat eines Tages beim Joggen Herzattacken. Er ist 40, schlank, gerade Vater geworden und als die Angina-Pectoris-Anfälle auch nachts kommen, kriegt er es mit der Angst.

Eine lebensphilosophische Erzählung

Er will was ändern. Und wissen: Welches Essen ist gut für das Herz? Der Autor liest Tausende wissenschaftliche Studien aus der Alters-, Stoffwechsel und Ernährungsforschung, stellt seinen Speiseplan komplett um. Und nach drei Jahren Recherche schreibt er den "Ernährungskompass", der sofort die Bestsellerlisten anführt, über Wochen und Monate in den Buchhandlungen in meterhohen Stapeln gleich am Eingang liegt und bestverkauftes Sachbuch des Jahres wird.

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Der Wissenschaftsautor ist inzwischen mit der Familie von Berlin in die unterfränkische Provinz gezogen, das Ernährungsbuch steht auch nach zwei Jahren noch auf den Bestsellerlisten. Dann hat der Wissenschaftsautor keine Lust mehr, nur noch als Ernährungsexperte gehandelt zu werden. Er fängt eine lebensphilosophische Erzählung an und wendet sich an seinen Lieblingsliteraturverlag. Der Roman erscheint, die Kritik ist freundlich. Die Buchhandlungen werden wieder stapeln können.

Die längere Geschichte über die Entstehung von Bas Kasts neuem Buch könnte man im Zug von Würzburg nach Leipzig beginnen. Frühjahr 2019, der Erfolgsautor aus Rottendorf ist auf dem Weg zur Buchmesse, um ein bisschen in Töpfen zu rühren. Gerade ist zum Ernährungsbuch ein Kochbuch erschienen. Ein Auftrag vom Verlag, die Leser hatten sich von Kast Rezepte zu all den goldenen Regeln aus seinem Ernährungkompass gewünscht. Während der Fahrt liest der 47-Jährige das neue Buch eines anderen Bestsellerautors: Sebastian Fitzeks "Fische, die auf Bäume klettern".

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Auch ein Kompass übrigens – "für das große Abenteuer namens Leben".  Fitzek schreibt da, wie ein Lebensweg glücklich werden kann, eine Art persönliches Vermächtnis und Lebensratgeber an seine Kinder. Und Bas Kast, Vater zweier kleiner Söhne, der dritte gerade unterwegs, fragte sich: Warum macht Fitzek nicht eine Geschichte daraus? Bildung, Erziehung und das Aufwachsen der Kinder beschäftigten Bas Kast nachhaltig seit der Geburt des ersten Sohnes. Und irgendwas wie ein Erziehungskompass nach dem Ernährungskompass hatte ihm als Buch-Idee schon seit längerem vorgeschwebt. Aber wäre es indirekter nicht besser? Nicht so ratgeberisch?

Forschungslage zum Thema Erziehung noch zu dünn

Was ist gelingendes Leben? Was steckt in einem Kind? Wie kann ich es unterstützen, damit es seinen eigenen Weg findet? Spätestens, wenn man zwei Kinder habe, die völlig unterschiedlich seien, glaube man ja nicht mehr an die Macht der Erziehung – "da glaubt man an die Macht der Gene", sagt Kast und lacht. "Es gibt ja ein genetisches Programm, das zur Entfaltung drängt."

Wie bei den Themen Stoffwechsel, Alterung, Diäten wollte sich der Wissenschaftsjournalist durch die neuesten Erkenntnisse arbeiten, möglichst viele Studien lesen. Doch die Forschungslage? "Immer noch zu dünn", sagt der studierte Psychologe und Biologe, der mal Hirnforscher werden wollte. "Mir hat das nicht gereicht." Während es zur Ernährung viel zu viele, sich oft widersprechende Studien gebe, finde man über Erziehung wissenschaftlich zu wenig, auf magerer Basis aber könne man verzweifelten Eltern keinen Rat geben. "Empirisch kann man nicht sagen, worauf es bei der Bildung ankommt."

Was also darüber schreiben, ohne sich "hinter der Wissenschaft zu verstecken"? Und wie? Da war die Idee aus dem ICE. Zurück von der Buchmesse, setzte sich Bas Kast hin – "ziemlich naiv" - und fing an, "einfach mal runterzuschreiben". Eine Erzählung. Über den Chef einer vom Vater geerbten Pharmafirma, der eigentlich Schriftsteller hatte werden wollen wie der verehrte und geliebte Onkel . . . "Werde, der du bist" – der Untertitel für das Romandebüt war schon mal da. "Ich dachte, das ist ein gutes Motto."

Begeisterter Anruf der Cheflektorin

Ihm sei klar gewesen, dass das Manuskript "noch geknetet" werden musste, sagt Kast. Er überarbeitete immer wieder, hatte irgendwann auch "eine kleine Schreibkrise". Dass da der dritte Sohn zur Welt kam, sei eine "willkommene Abwechslung" gewesen. Der Verlag, C.H. Bertelsmann, hoffte indes nach fast einer Million verkaufter Ernährungskompasse auf das nächste Sachbuch und sah den belletristischen Ausflug des Erfolgsautors eher skeptisch. "Die waren mit der Idee Roman nicht ganz so glücklich", sagt Kast. Irgendwann schickte er eine simple Mail nach Zürich, zu Diogenes. Er würde es sich, fügte er seiner kleinen Anfrage an, "nie verzeihen, wenn ich es nicht versucht hätte".

"Geht einem Laien zur Hand, gebt mir einen Roman-Kurs!"
Bas Kasts Bitte an den Diogenes Verlag

Die Antwort aus Zürich kam am nächsten Tag: begeisterter Anruf der Cheflektorin. "Der Knaller!", sagt Kast. "Diogenes war für mich immer DER Belletristik-Verlag". Und Diogenes ließ sich auf die Bitte des 47-Jährigen ein: "Geht einem Laien zur Hand, gebt mir einen Roman-Kurs!" Es folgte eine persönliche Einweisung ins Genre und Anleitungen fürs literarische Schreiben. "Ich habe noch nie ein so sorgfältiges Lektorat erlebt", sagt Kast. "Am Ende haben wir um jedes einzelne Wort gerungen."

Kast ist mit Literatur aufgewachsen. Sein Vater arbeitete beim Goethe-Institut und mit Hans Magnus Enzensberger zusammen. "Bis heute finde ich ihn eine sehr eindrucksvolle Person", sagt der Neu-Romancier über den Schriftsteller, "auch weil er immer wieder die Genres gewechselt und viel ausprobiert hat". Ohne Enzensberger, sagt Kast, "hätte ich den Versuch nicht gewagt".

In dieser Woche war er mit seinem Romandebüt auf der Frankfurter Buchmesse: Bas Kast.
Foto: Gene Glover/Diogenes Verlag | In dieser Woche war er mit seinem Romandebüt auf der Frankfurter Buchmesse: Bas Kast.

Und ja, die Enzensberger'sche Leichtigkeit und Gelassenheit, die Kunst, "Schwieriges auf leichte Weise rüberzubringen", die habe ihm immer gefallen. Den Versuch, so einfach wie möglich zu schreiben, hat sich der Wissenschaftsjournalist selbst auf die Fahnen geschrieben. "Auch bei komplexen Themen wie Cholesterin soll es jeder verstehen!"

Die Leser sollen sich nach der Lektüre "ein bisschen besser fühlen"

Und die Leichtigkeit . . . "Ist intendiert als Feelgood-Buch", sagt Kast über "Das Buch eines Sommers". Die Leser sollen sich danach "ein bisschen besser fühlen". Auf den Buchumschlag hat Diogenes geschrieben: "Eine lebensphilosophische Erzählung, die einen wachrüttelt." Die Hauptfigur, Vater eines Jungen im Grundschulalter, entwickelt mit seiner Pharmafirma eine Anti-Aging-Pille und steckt gehetzt zwischen Meetings und mehr oder weniger erfolgreichen Probanden-Studien. Der Tod des Onkels, der zu leben und zu genießen verstand, wirft ihn aus der Bahn . . .

Kasts Erzählung, 240 Seiten lang, ist die Geschichte einer Selbstfindung, ein Entwicklungsroman im Kleinen. Kein Ratgeber. Der Autor regt allenfalls an, das eigene Leben zu hinterfragen. Und zu wagen, bevor es zu spät ist.

"Ich habe es nicht eilig. Wenn sich nichts aufdrängen sollte, schreibe ich halt nichts mehr."
Bas Kast über die schriftstellerische Zukunft

Gerade hat Kast sein Belletristik-Debüt in Essen auf dem internationalen Literaturfest lit.RUHR vorgestellt, auf dem Harbour Front Literaturfestival in Hamburg und an diesem Freitag noch in Frankfurt auf der Buchmesse. Ob "Das Buch eines Sommers" auf die Bestseller-Listen komme, für ihn sei das nicht entscheidend, sagt Kast. "Erfolg lässt sich nicht reproduzieren." Er habe nur ein klein wenig vor den Feuilletons gezittert. Und gehofft, bei der Kritik nicht auf Ablehnung zu stoßen. "Die Zeit" zog ein bisschen über den Wissenschaftsjournalisten her: Halb Deutschland habe seinetwegen die Ernährung umgestellt, jetzt habe er sich "an einem Roman versucht". Aber ja, doch, dass "Der Spiegel"-Feuilletonist von "verzauberndem Buch" schrieb, freut Kast. Sehr. "Da ist eine Last von den Schultern gefallen."

Neues vom Bestsellerautor: Bas Kast schreibt einen Roman
Foto: Diogenes Verlag

Und jetzt? Noch ein Roman, doch wieder ein Sachbuch, vielleicht mal ein Drehbuch? "Ich habe es nicht eilig", sagt Kast. Ein "bisschen leergeschrieben" sei er. "Wenn sich nichts aufdrängen sollte, schreibe ich halt nichts mehr." Aber seine drei Jungs, die Arbeit seiner Frau als Stammzellforscherin am Institut für Molekulare Infektionsbiologie der Uni Würzburg, die eigene wissenschaftliche Neugier – vermutlich wird sich Kast wieder was aufdrängen. Für die nächste kurze oder lange Geschichte.

Bas Kast, "Das Buch eines Sommers - Werde, der du bist", Diogenes Verlag, Hardcover, 240 Seiten, 22 Euro.  

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