BAYREUTH

Parsifal wird zum Missionar gegen jede Religion

Die beiden zentralen Figuren: Georg Zeppenfeld als Gurnemanz und Andreas Schager als Parsifal.
Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath | Die beiden zentralen Figuren: Georg Zeppenfeld als Gurnemanz und Andreas Schager als Parsifal.

Zum Schluss ist alles Licht. Die engen, schäbigen Klostermauern fahren auseinander, die Lampen im Saal leuchten lange vor dem letzten Ton. Enlightenment, Lumieres – im Englischen oder im Französischen wäre die Anspielung auf die Aufklärung augenfälliger. Doch die Botschaft ist auch ohne wörtliche Übersetzung überdeutlich: Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des „Parsifal“ für die Bayreuther Festspiele ist eine getreue Umsetzung einer Weisheit des Dalai Lama, die in diesem wie im vergangenen Jahr das Programmheft einleitet: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen hätten.“

Nur noch vereinzelte Buhs für die Regie, Jubel für die Sänger

Dafür gibt es bei der Wiederaufnahme am Donnerstag nur noch sehr vereinzelte Buhs und sehr viel Beifall für Chor, Orchester und Solisten, einmal mehr vor allem für Georg Zeppenfelds Gurnemanz. Dieser Gurnemanz ist und bleibt eine rätselhafte Figur, rätselhafter vielleicht sogar als Parsifal.

Richard Wagner hat ihm keine eigenen musikalischen Motive mitgegeben, er steht als Erzähler („Titurel, der fromme Held“) am Rande und bekommt in Laufenbergs Regie in diesen Momenten durchaus etwas Statuarisches. Und doch erleidet er alle Unbill, die auch die Gralsritter trifft. Zeppenfeld legt ihn stimmlich etwas breiter an als im vergangenen Jahr, zur Klarheit kommt eine romantische Wärme, die wiederum den empathischen Anteil der Figur betont: „Durch Mitleid wissend“, eigentlich eine Eigenschaft Parsifals, könnte auch für Gurnemanz gelten.

Was wiederum zur Neubesetzung der Titelrolle passt. Klaus Florian Vogt, der in diesem Jahr als Stolzing in den „Meistersingern“ Furore macht, hatte 2016 einen kraftvollen aber eher statischen Parsifal gegeben.

Auch Andreas Schager, der an der Berliner Staatsoper in der Regie von Dmitri Tcherniakov und unter der Leitung von Daniel Barenboim einen agilen, fast flatterhaften Parsifal spielt, muss in Bayreuth deutlich behäbiger agieren. Dennoch bringt er eine Art Grundnervosität mit, die der Rolle guttut: Sein Parsifal ist kein unbedarfter reiner Tor, sondern ein von Anfang an Getriebener, unberechenbar und sprunghaft bis fast zuletzt.

So wird das Mitleid eben zu einer Sache des Gurnemanz, denn Parsifal hat eine andere Mission. Alle seine Erlebnisse, seine Fahrten, seine Erfahrungen können nur auf eines hinauslaufen: Die Abschaffung aller Religion.

Die Gralsenthüllung als grausames, erniedrigendes Ritual

Die Gralsenthüllung etwa, ein grausames, erniedrigendes Ritual, in dem Amfortas (Ryan McKinny als beklemmend verbitterter Schmerzensmann) zum Heiland wider Willen wird, als müsste er Jesu Moment der Hoffnungslosigkeit am Kreuz in alle Ewigkeit am eigenen Leibe erfahren. Oder die Leiden der ihrerseits in Ewigkeit verdammten Kundry (anrührend und beunruhigend machtvoll zugleich: Elena Pankratova), die sich einst aus jeder Gemeinschaft selbst ausschloss, weil sie den Heiland am Kreuz verlachte.

Und schließlich der Fanatismus des Klingsor, der in seinem glanzlosen Wellnesstempel (Bühne: Gisbert Jäkel) über reichlich harmlose Zaubermädchen wahlweise in Tschador oder Bauchtanz-Glitter gebietet. Derek Welton gibt ihn mit wuchtiger und dennoch nonchalanter Präsenz, was sängerisch schön, dramaturgisch aber eher unlogisch ist.

„Die Lanze muss schweben!“, wettert ein orthodoxer Wagnerianer

Orthodoxe Wagnerianer echauffieren sich freilich weniger über freie Einfälle wie die Szene zum Schluss, in der Christen, Juden und Muslime sich ihrer Glaubenssymbole entledigen, sondern über den Frevel, dass Parsifal die Lanze zerbricht: „Die Lanze muss schweben!“, wettert einer.

Dirigent Hartmut Haenchen, bekannt für akribische Vorgaben an seine Orchester, im Vorjahr kurzfristig eingesprungen, hatte nun mehr Zeit, sein Konzept umzusetzen. Nicht, dass seine Leitung im Vorjahr unfertig gewirkt hätte. Nun aber werden seine Intentionen noch deutlicher: Sein „Parsifal“ ist straff, transparent, mitunter kantig, dennoch sehr homogen. Aber leider weiterhin auch recht unmagisch.

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