Würzburg

Rathauskonzert in Würzburg: Menschliche Abgründe, wie sie nur die Oper bietet

Mit Alessandra di Giorgio und Federico Longhi erkundete das Philharmonische Orchester die dunklen Seiten des Repertoires. So paradox es klingt: Schöner geht es kaum.
Der böse Bariton und der liebende Sopran: Federico Longhi und Alessandra di Giorgio.
Foto: Fabian Gebert | Der böse Bariton und der liebende Sopran: Federico Longhi und Alessandra di Giorgio.

Eine italienische Operngala ohne Tenor – das muss man sich erstmal trauen. Das geht nur, wenn man einen herausragenden Bariton und natürlich einen überragenden Sopran zur Verfügung hat. Beides war mit Federico Longhi und Alessandra di Giorgio bei den Saisonabschlusskonzerten des Philharmonischen Orchesters im Würzburger Rathausinnenhof am Samstag und Sonntag der Fall.

Und beide haben in Würzburg bereits beeindruckt: Federico Longhi hat am Mainfranken Theater den Guy de Montfort in Verdis "Sizilianische Vesper" gesungen, vor allem aber die Titelrolle im umjubelten "Rigoletto" der Spielzeit 2019/2020, Alessandra di Giorgio den Mezzosopran-Part in Mahlers dritter Sinfonie im Februar 2020. 

Ein Innenhof mit überraschend brauchbarer Akustik.
Foto: Fabian Gebert | Ein Innenhof mit überraschend brauchbarer Akustik.

Nun also ein Freiluft-Programm mit denkwürdigen Passagen von Verdi, Puccini, Bellini und Giordano. Die berühmte Arie der Tosca – "Vissi d'arte" (ich lebte für die Kunst) – lieferte das Motto: Leben für die Kunst, leben für die Musik, und das in Zeiten, in denen sich Künstlerinnen und Künstler "rastlos und ratlos um ein Weiterkommen bemüht" hätten, wie es Konzertdramaturgin Beate Kröhnert in ihrer ebenso unterhaltsamen wie informativen Moderation formulierte.

In der italienischen Oper ist der Bariton meistens der Böse

So kam es zu einer inspirierenden Diskrepanz: Hier die Freude auf allen Seiten, dass wieder Musik mit großem Orchester und zahlenmäßig nennenswertem Publikum – 199 Plätze – möglich ist, dort die Düsternis, die zwangsläufig entsteht, wenn der Bariton zur prägenden Figur wird. Denn in der italienischen Oper (anders als etwa bei Mozart) ist er fast immer der Böse, der ungeliebte Mächtige, der zu kurz Gekommene, der Intrigant, der Mörder. Der, der die Liebe zwischen Tenor und Sopran verhindert.

Sopran mit vielen Nuancen: Alessandra di Giorgio und Enrico Calesso
Foto: Fabian Gebert | Sopran mit vielen Nuancen: Alessandra di Giorgio und Enrico Calesso

Aber das ist ja gerade das Schöne an diesem Repertoire: Die Dramatik, die Tiefe, die Unausweichlichkeit. Wenn Federico Longhi als Renato in Verdis "Maskenball" einen finsteren Mordplan schmiedet oder sich als Rigoletto binnen sechs Minuten vom ätzenden Spötter zum flehenden Vater wandelt, dann tun sich Abgründe menschlicher Nöte auf, wie sie nur die Oper bieten kann. Longhis Bariton hat immer genau die richtige Mischung aus Klarheit und Fülle, seine Präsenz ist so unausweichlich wie die Charaktere seiner Rollen.

Ideale Partnerin und idealer Widerpart ist Alessandra di Giorgio, deren warmer, dynamischer Sopran über ungeheuren Farbenreichtum verfügt: Ihr "Casta diva" aus Bellinis "Norma" ist ein Wunder an Intimität, ihr "Vissi d'arte" gestaltet sie als allgemeingültige Trauer über das Scheitern aller Hoffnungen.

Nach 44 Jahren im Ruhestand: Paul Reichart spielte am Sonntag sein letztes Konzert im Philharmonischen Orchester.
Foto: Fabian Gebert | Nach 44 Jahren im Ruhestand: Paul Reichart spielte am Sonntag sein letztes Konzert im Philharmonischen Orchester.

Und wenn die beiden dann auch noch als Conte Luna und Leonore aus Verdis "Troubadour" ebenso leidenschaftlich wie verzweifelt aneinander vorbeiverhandeln, dann sind wir mittendrin im Grundproblem menschlicher Kommunikation. Allerdings auch im Grundproblem menschlicher Ethik: Wir können als egoistische Lügner leben oder als selbstlose Liebende. Es liegt bei uns.

Generalmusikdirektor Enrico Calesso und sein Orchester tragen in diesem Innenhof mit der überraschend brauchbaren Akustik ihre Solisten auf Händen, geben ihnen mit vielen schönen Soli von Cello bis Flöte die Impulse und verabschieden sich zum Schluss nicht nur selbst in die Ferien, sondern auch ihren Kollegen Paul Reichart in den Ruhestand. Nach 44 Jahren in der Gruppe der Zweiten Geigen. "Als du 1977 hier angefangen hast, war ich zwei", sagt Calesso, sichtlich beeindruckt. Und Reichart, sichtlich gerührt, erwidert: "Es war ein wunderbares Glück bei euch zu sein." Die Wandlung zum Staatsorchester wird er nun von außen mitverfolgen. Und er ist sicher, dass sie gelingen wird: "Mit so einem Dirigenten ist das gar kein Problem." 

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