WÜRZBURG

Rosenstolz ist wieder da - Interview

Comeback: AnNa R. und Peter Plate alias Rosenstolz.
Foto: dpa | Comeback: AnNa R. und Peter Plate alias Rosenstolz.

Rosenstolz waren Deutschlands erfolgreichste Band – bis Songschreiber Peter Plate Anfang 2009 mit Erschöpfungssyndrom auf der Bühne zusammenbrach. Das Duo, das sich in 20 Jahren bis in die Stadien emporgespielt hatte, war verwelkt. Nach fast dreijähriger Pause aber blühen AnNa R., 41, und Peter Plate, 44, jetzt mit dem programmatischen Album „Wir sind am Leben“ (Universal) wieder auf. Ein Gespräch über Stress, Liebe und das Leben an sich.

Frage: „Wir sind am Leben“ heißt Ihr neues Album. Um aus der Single zu zitieren: Habt Ihr alles getan und alles probiert? Und fangt Ihr jetzt auch erst richtig an?

Peter Plate: Ich glaube, dass es jetzt losgeht, dass es weitergeht. Damit meine ich nicht nur Rosenstolz. Sondern vor allem das Leben an sich. Das Leben ist und bleibt aufregend – was ja die Grundaussage von „Wir sind am Leben“ ist.

Wie haben Sie die Lust am Leben wiederentdeckt?

Plate (überlegt): Im Nachhinein ist es leicht, weil im Nachhinein alle diese Sprüche immer stimmen. Sprüche wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder „Jede Krise ist eine Chance“. Aber wenn du mittendrin steckst, dann geben dir diese Sätze gar nichts. Ich glaube, ich habe jetzt diese Lieder geschrieben, und das ist das, was ich zu diesem ganzen Thema sagen kann und möchte.

Hat sich Ihr Burnout über längere Zeit abgezeichnet?

Plate: Für mich hat sich das damals unmittelbar so angefühlt, als wäre es total überraschend gekommen. Als ich dann versucht habe, für mich klarzukriegen, was da überhaupt passierte, fielen mir erst die Warnzeichen auf, die es gab. Ich nenne mein Leiden lieber „chronische Erschöpfung“ als „Burnout“, denn Burnout gibt es als Krankheit gar nicht.

Welche Anzeichen gab es?

Plate: Ich konnte die ganz kleinen Entscheidungen, von denen es jeden Tag Hunderte gibt, nicht mehr treffen. Ob ich Zucker im Kaffee möchte oder nicht. Wenn so etwas noch mal passiert, wüsste ich jetzt, dass ich sofort Pause machen muss.

Sie waren auf großer Tournee, als die Krankheit im Januar 2009 akut wurde.

Plate: Ja. Ich bin während eines Konzerts in Hamburg zusammengebrochen. Dann habe ich mich fit spritzen lassen, das Konzert haben wir noch hinbekommen, aber am nächsten Morgen ging gar nichts mehr. Ich saß beim Frühstück und habe nur noch geheult. Ich konnte einfach nicht mehr.

Anna, haben Sie gemerkt, dass es ihm nicht gut ging?

AnNa R: Nee. Natürlich habe ich bei Peter, wie auch bei mir und allen anderen, gemerkt, dass wir auf dem Zahnfleisch kriechen und dass es nicht mehr lange gut geht, wenn wir in dem Tempo weitermachen. Aber wir haben alle gedacht, wir schaffen noch die Tour und machen danach die Pause, die wir sowieso geplant hatten und dringend brauchten. So kam die Pause halt ein bisschen früher. Wir sind deutlich an unsere Grenzen gegangen. Wir hätten eher die Notbremse ziehen müssen.

Wie ging es Ihnen in dieser Phase?

Anna R.: Ich war ein Roboter, der seinen Job zwar gut gemacht hat, aber auch nur noch das. Mir ging es am Ende alles andere als gut. Das war kein Zustand mehr – weder für unser Publikum noch für uns.

Erschöpfungskrankheiten, Burnouts, Depressionen und ähnliche Leiden sind momentan in den Medien sehr präsent. Wird das Leben als solches immer stressiger?

Plate: Ja, das ist wohl so. Ich möchte aber aufpassen: Nur weil ich in der Öffentlichkeit stehe, maße ich mir nicht an, kluge Ratschläge zu geben. Ich kann auch nur wie alle anderen beobachten. Ich denke aber auf jeden Fall, dass uns dieses Ding des Immer-und-überall-erreichbar-sein-Müssens und der scheinbare Zwang, auf alles gleich eine Antwort parat haben zu müssen, auf lange Sicht nicht gut bekommt.

Wer hat sich denn um Sie gekümmert, als es Ihnen schlecht ging? Wer hat auf Sie aufgepasst?

Plate: „Aufgepasst“ hat keiner. Ich bin ja ein erwachsener Mann. Wer für mich da war? Natürlich mein Mann, der Ulf. Und selbstverständlich Anna. Gemeinsam haben wir analysiert und überlegt, was man besser machen kann. Wie wir den Spaß zurückbringen konnten.

Was haben Sie konkret geändert?

AnNa R: Ab und zu mal Nein sagen hilft.

Plate: Pläne mal zu ändern, nicht mehr alles um jeden Preis durchzuziehen, hilft auch.

Sie und Ihr langjähriger Lebenspartner Ulf Leo Sommer, mit dem Sie auch viele Songs schreiben, sind kein Liebespaar mehr. Wieso sind Sie nach der Trennung für ein Jahr nach London gezogen?

Plate: Das war so eine Kurzschlusshandlung. Jedes Mal, wenn Ulf und ich in einem Zimmer waren, stand die Elektrizität im Raum. Wir wollten uns gegenseitig nicht weh tun, und dann ist Abstand eine gute Lösung. London hat mich außerdem schon immer fasziniert. Dass ich in einer WG landete, war Zufall, aber im Nachhinein tat mir das sehr gut.

Wie kann ich mir die WG vorstellen?

Plate: Sehr studentenmäßig. Eine herrliche Frau aus Polen, ein Typ aus Wales und ich. Das erdet. Vielleicht hatte ich einfach so einen Abschnitt im Leben vermisst, in dem man sich morgens wieder ums Bad kloppt und man Rücksicht nehmen muss.

Wussten die Mitbewohner, wie berühmt Sie in Deutschland sind?

Plate: Überhaupt nicht. Das hat die auch nicht interessiert.

Ist die Spannung zwischen Ihnen und Ulf inzwischen abgebaut?

Plate: Ja. Es ist wunderbar. Wir alle haben in unserem Leben Situationen kennengelernt, vielleicht auch bei den Eltern, dass sich Paare zerstreiten, nicht mehr miteinander reden – und auf einmal hasst man sich. Ulf und ich waren kurz davor, uns zu hassen. Es ging nicht in meinen Kopf, wie man sich so viele Jahre lieben konnte, und auf einmal ist da keine Liebe, keine Leidenschaft mehr. Sondern fast Hass.

Wie ist der Stand in der Beziehung jetzt?

Plate: Wir verstehen uns gut. Wir sind Nachbarn.

Nachbarn?

Plate (lacht): Nachbarn. Er ist in die Wohnung gegenüber gezogen.

Anna, was haben Sie gemacht, während Peter in London lebte?

AnNa R.: Ich war erstmal ganz normal im Urlaub. Mein Mann und ich waren auf St. Lucia in der Karibik, übrigens im selben Hotel wie Amy Winehouse, die kurz vorher dort war. Da habe ich festgestellt, dass ich total runter war, die ersten 14 Tage haben wir gar nichts gemacht, außer auf dem Balkon zu liegen und zu lesen. Ansonsten habe ich Dinge getan, die man so tut, wenn man frei hat: Ausflüge, Freunde bekochen, ich habe mir eine Nähmaschine gekauft, ganz normal gelebt.

War Ihnen beiden immer klar, dass es mit Rosenstolz weitergeht?

AnNa R.: Im Prinzip schon. Wir wussten nur nicht, wann und wie. Plate: Mir auch. Wir haben liebevoll um Rosenstolz gekämpft.

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