Bad Mergentheim

Simply Red halten die Zeit an

Rotschopf und Bassist: Mike Hucknall und Steve Lewinson beim perfekten Soulpop-Konzert in Bad Mergentheim.
Foto: FABIAN GEBERT | Rotschopf und Bassist: Mike Hucknall und Steve Lewinson beim perfekten Soulpop-Konzert in Bad Mergentheim.

Bedauernswerterweise meint Mick Hucknall das politisch. „Wir haben dafür gestimmt zu bleiben!“, ruft er in den Bad Mergentheimer Abend, der begeisterten Menge entgegen. Er dreht sich zu seiner Band um, erntet kollektives Nicken. Ja, die Musiker von Simply Red wollen bleiben. Und die Tausende im Schlosshof wollen das auch: Zu fabelhaft ist dieses Konzert, als dass man die Briten nach 90 Minuten gerne wieder ziehen ließe. Zu gut ist diese Parade der Hits. Ja, bitte bleibt! Spielt! Gerne einfach so weiter.

Vom Mann aus Manchester ein politisches Statement

Leider aber, der Brite sagt es als politisches Statement. Warum die Mehrheit seiner Landsleute raus will aus der EU? „Wir verstehen?s nicht.“ Hucknails Hoffnung: Dass das mit den Verhandlungen lange dauert, dass die Leute vergessen, was sie wollten und was eigentlich passiert ist . . . und dann könnte Großbritannien doch einfach Mitglied bleiben. So wie diese Band formidabel bleibt, ihre Songs immerwähren. Aber leider, es bleibt nur noch ein Song. Anfangsakkord, Riesenjubel, ein einziger großer Chor: „If You don?t know by Now“.

Frisch, bunt, kraftvoll

Man kennt diese Walzerballade, man kennt alles – jetzt und an diesem lauen Abend von Mergentheim. „Look at You now“, mit diesem Song vom allerersten Album „Picture Book“ startet der immer noch rotgelockte Mick Hucknall in Bad Mergentheim mit hellrauchiger Stimme die kleine Deutschlandtournee seiner Band. Kaum zu glauben, dass diese Platte schon 31 Jahre alt ist, so frisch, so bunt, so kraftvoll kommt der Song daher – und alle 17, die folgen. Man muss die Setlist nur mal runterlesen: „Come to my Aid”, “A new Flame”, “Shine on”, “Night Nurse” . . . . . . . “Your Mirror”, “Stars”, “It?s only love”, “The right Thing” . . . Songs von stupender Zeitlosigkeit. Ein Hit jagt den anderen, eine Riesennummer folgt auf die nächste, und kraft- und energiestrotzend lassen der 56-jährige Sänger und seine Musiker kaum einen Schlussakkord verklingen, da setzen sie schon zum nächsten Popklassiker an. Paah!!! Eine Powerparade der großen Balladen.

Dass sich Entscheidungen revidieren lassen – Simply Red haben?s gezeigt. 2010 verabschiedeten sie sich auf einer Abschiedstour. Gesättigt, ermattet nach silbernen 25 Jahren gemeinsam auf der Bühne. Die große Zeit war ja auch vorbei. Ihre Hymnen und sahnig gewordenen Liebeslieder dudelten in Fahrstühlen, der softe Soulpop lief gefühlt nicht mehr nur in Discos, sondern selbst in Einkaufsläden rauf und runter. Aber irgendwie – 2014 erschien mit „Big Love“ ein neues Album, 2015 gingen „Simply Red“ auf Comeback-Tour und machten einfach so weiter wie in den 80er und 90er Jahren.

Lieblingssong jagt Lieblingssong

„Wir hoffen, wir spielen ein paar Eurer Lieblingssongs“, kokettiert Hucknall. Und dann gibt es fürs textsichere, begeisterte Publikum 90 Minuten lang eine leidenschaftliche musikalische Retrospektive, eine Aneinanderreihung bewährte Songs, makellos gespielt im satten Feuerrot und strahlenden Ozeanblau der Bühnenscheinwerfer. Mal ein bisschen funkig, mal im Reggaerhythmus, mal zum Tanzen, mal soulig fürs Mitsummen, mal für die Gänsehaut.

Perfekte geschmeidige Musik

„Holding Back The Years“ . . . Es war einer der allerersten Songs, den der Brite schrieb. Über drei Jahrzehnte später singt er ihn immer noch mit bemerkenswerter Innigkeit. Ganz sanft und schlicht beginnend, allein mit sich und der akustischen Gitarre. Irgendwie hat es Hucknall geschafft, die Zeit aufzuhalten, der Vergänglichkeit zu trotzen. 90 Minuten lang im Mittelpunkt des Lichtkegels, fetzt er mit geballter Faust über die Bühne, der Gesang unverändert intensiv, mit dynamischer Phrasierung, soulig und hell. Zur schönen Illumination kommt die perfekte, kantenlos geschmeidige Musik: „Simply Red“, das sind nicht nur der Rotgelockte mit dieser unverwechselbaren Stimme, sondern auch überragend gute Instrumentalisten wie Trompeter Kevin Robinson, Saxofonist Ian Kerkham oder Kenji Suzuki an der Gitarre.

Nach einer guten Stunde Powerplay wird die Bühne schwarz, „Simply Red“ verschwinden hinter der Bühne.

Nur um gleich wieder ins knallbunte Licht zu treten. Ein zorniges „Money?s too (Tight to Mention)“ mit starkem Saxofonpart und „Ain?t tha a lotta love“ gibt?s als Zugaben. Dann – nach großem Applaus – noch das „Something got me started“ und – nach dem politischen Bekenntnis – jene Walzerballade, bei der alle, alle mitsingen.

Aber leider, leider bleibt die Band nicht an diesem Abend. Auf den ewigen Hitparaden der Welt aber bestimmt.

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