Würzburg

So macht Stammtisch Spaß

In der Kneipe diskutieren Sozis, draußen marschieren Nazis. Im Theater Ensemble wird Horváths "Italienische Nacht" zum spannenden Polittheater. Mitmachen erwünscht.
Szene aus 'Italienische Nacht' von Ödön von Horváth im Theater Ensemble
Foto: Karolin Benker | Szene aus "Italienische Nacht" von Ödön von Horváth im Theater Ensemble

Sie gehen gerne ins Theater und bringen sich schon mal ein beim Diskutieren brenzliger Fragen unserer Tage bei gleichzeitigem Interesse an geschichtlichen Parallelen? Klingt nach staubtrockener Bühnenperformance? Weit gefehlt! Das beweist jetzt das Würzburger Theater Ensemble mit der Inszenierung von Ödön von Horváths "Italienische Nacht"

Ein beschaulicher Sonntag im politisch bewegten Jahr 1931. In ihrem Stammlokal sitzt eine Gruppe Sozialdemokraten, spielt Schafkopf und plant ihre "italienische Nacht", gedacht als zwangloses Beisammensein. Dass sich zur gleichen Zeit draußen die Nationalsozialisten mit strammem Marsch und Gesang für ihren "Deutschen Tag" rüsten, stört die, sich in schablonenhaftem Polit-Salbader ereifernden, Genossen da noch wenig. Ein politisch motivierter Farbanschlag auf das Denkmal eines früheren Landesvaters bringt das braune Fass der Faschisten endgültig zum Überlaufen, die Sprengung der linken Versammlung steht kurz bevor...

Charmant hintersinnig

Regisseur Andreas Büettner kam es bei seiner Inszenierung der "Italienischen Nacht" weniger auf eine Eins zu Eins Umsetzung des Stücks als auf eine diskursive Umsetzung voll spontaner Brüche an. Ganz im Sinne von Brechts Idee des Epischen Theaters. Charmant hintersinnig führt Denise Wieser als Moderatorin durch das Stück, während sich die Darsteller, ganz im besten Sinne der Verfremdung, zeitgenössische Fotografien von August Sander vors Gesicht halten, ein grandioser Einfall.

Da gibt es den bärbeißigen Wirt (Brigitte Weber), die groß aufsprechenden Martin (Alexander Zamzow) und Karl (Alexander Handschuh), den honorig biederen Stadtrat (Harald Brumberg), die brave Anna (Julia Wohlfahrt) und die quirlige Leni (Roya Dengler). Und über allen thront urkomisch Franziska Wirth als Paradefaschist.

Immer wieder unterbricht Büettner munter das Spiel, stellt gezielt Fragen zu Themen wie dem Erstarken der Rechten und des Populismus, Kapital und Moral, Marxismus und Feminismus und folgenloser Empörung im Theater der bloßen Bestätigung. Die Darsteller diskutieren, erzählen selbst Erlebtes, kommentieren und werten. Und das Publikum darf und soll dabei auch gerne mitmischen. Die Diskussionsthemen ändern sich zu jeder Aufführung. So macht Stammtisch Spaß.

Nächste Aufführungen am 24., 25., 30. und 31 Mai. Vorverkauf: (0931) 445 45.

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