Unwörter des Jahres: Warum "Corona-Diktatur" ein Kampfbegriff ist

Der Sprachwissenschaftler Helmut Glück beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Wörter das Potenzial haben, Diskurse zu verändern und die Gesellschaft zu gefährden.
'Corona-Diktatur' ist eines der beiden Unwörter des Jahres 2020.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa | "Corona-Diktatur" ist eines der beiden Unwörter des Jahres 2020.

Die Jury des Unwort des Jahres hat in diesem Jahr erstmals zwei Begriffe gewählt. Neben der "Corona-Diktatur", die es wegen der großen gesellschaftlichen Bedeutung der Pandemie auf das Siegertreppchen geschafft hat, steht auch das Wort "Rückführungspatenschaften". Helmut Glück ist Professor für Sprachwissenschaft und hat vor seiner Emeritierung an der Universität Bamberg gelehrt. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Lexikologie, also die Lehre von den Wörtern. Ein Gespräch über Wörter und Unwörter und die Frage, inwiefern sie Diskurse verändern.

Frage: Können Sie erklären, warum genau der Begriff "Corona-Diktatur" so problematisch ist?

Helmut Glück: Bei "Corona-Diktatur" handelt es sich um einen Kampfbegriff, gegen den die Jury vorgehen will, einen polemischen Begriff. Das Wort wird als sogenanntes Fahnenwort verwendet. Das ist ein Begriff, hinter dem man, wie hinter einer Fahne, Menschen versammeln möchte. Wir sehen das hier bei den Gegnern der Corona-Maßnahmen, die die Einschränkungen als "Diktatur" bezeichnen – auch auf Demonstrationen. Eine Diktatur ist etwas anderes. In einer Diktatur ist aber beispielsweise die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Wir hatten in der Nazi-Zeit eine Diktatur, aber auch in der DDR. Aber doch nicht jetzt. Der Vergleich ist unangebracht.

Helmut Glück ist Professor für Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit Wörtern und deren Bedeutung.
Foto: Maja Glück | Helmut Glück ist Professor für Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit Wörtern und deren Bedeutung.
"Rückführungspatenschaften" ist ein neuer Begriff aus der Migrationspolitik. Damit ist gemeint, dass EU-Staaten anderen Staaten bei Abschiebungen unterstützen. Laut der Jury des Unworts des Jahres ist dieser Begriff "zynisch" und "beschönigend".

Glück: Das ist ein klassischer Euphemismus, es wird durch eine schöne Formulierung eine unschöner Sachverhalt überkleistert. "Optimierung von Abschiebungen" klänge nicht so schön. Die Kritik insinuiert in diesem Fall, dass Abschiebungen schreiendes Unrecht sind. Aber die Frage, wie man zu Abschiebungen steht, ist eine politische Frage.

Werden wir durch Begriffe wie "Corona-Diktatur" eigentlich manipuliert?

Glück: Solche Begriffe stoßen vor allem da auf offene Ohren, wo ohnehin das Gefühl da ist, wir würden in der Corona-Krise von dunklen Mächten geknechtet und versklavt. Bei der großen Mehrheit der Bevölkerung, die einsieht, warum die aktuellen Maßnahmen notwendig sind, wird es nicht verfangen. Eben ein klassisches Fahnenwort. Solche Begriffe sind dazu da, um Auseinandersetzungen ruppig zu führen.

"Die AfD wird immer wieder versuchen, Skandale durch Wortwahl zu provozieren."
Helmut Glück, Sprachwissenschaftler
Anti-Abschiebeindustrie, alternative Fakten, Volksverräter, Gutmensch, Lügenpresse… Sehen Sie die Unwörter der vergangenen Jahre als eine Art Galerie einer Verschiebung des Diskurses nach rechts?

Glück: Diese Verschiebung beobachte ich derzeit nicht. Es ist doch die Frage, wie man sich informiert, was man liest und was man hört. In den großen Medien sehe ich keine Verschiebung nach rechts. Es gibt aber auch lautstarke rechte und rechtsradikale Medien. Und das Internet, vor allem die Sozialen Medien, sind ein riesiger Lautsprecher, das es möglich macht, dass auch kleine Gruppen eine Stimme bekommen. Der relevante Diskurs ist die veröffentlichte Meinung, wie es an Stammtischen im Internet aussieht, ist eine andere Frage. Aber auch in der Politik sehe ich keine große Verschiebung des Diskurses nach rechts, zumindest nicht bei den wichtigen Parteien – mit Ausnahme der AfD.

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2019 hat der SPIEGEL konstatiert, dass die AfD – vor allem im Osten Deutschlands – den Diskurs dauerhaft nach rechts verschoben habe. Teilen Sie die Einschätzung, dass durch ständige Tabubrüche die Grenzen des Sagbaren verschoben werden?

Glück: Es gibt es immer wieder kleine Skandale, die auf einer Wortwahl beruhen. etwa die Bezeichnung der Hitlerzeit als "Vogelschiss in der deutschen Geschichte" durch den AfD-Politiker Alexander Gauland. Die AfD wird immer wieder versuchen, Skandale durch Wortwahl zu produzieren, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten. Aber die AfD ist derzeit mit ihrer Strategie nicht sehr erfolgreich. Und nicht nur die AfD arbeitet mit polemischen Zuspitzungen. Gerade erst hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Corona-Leugner mit der Bezeichnung "Corona-RAF"  belegt.

Auch Journalisten sind Anfeindungen ausgesetzt. Immer häufiger hört man auf Demonstrationen "Lügenpresse" oder "Fake-News". Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Verwendung solcher Begriffe und Angriffen auf Journalisten wie zuletzt in Amerika beim Sturm aufs Kapitol oder auch hierzulande bei Demonstrationen von Corona-Leugnern?

Glück: Die Kritik an der Presse ist an sich nichts Neues, nichts, was erst mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump in die Welt gekommen ist. Und Wörter alleine machen noch keinen zum Terroristen oder Nazi. Da gehört viel mehr dazu. Fahnenwörter haben ihre Wirkung– aber wenn man die Sprache für alle politischen Fehlentwicklungen verantwortlich macht, überschätzt man sie.

Machen sich die Menschen generell zu wenig Gedanken darum, wie Begriffe, die sie verwenden, wirken?

Glück: Das mag so sein, und es wäre gut, wenn es öfter geschähe.

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