Würzburg

Va, pensiero: Über den berühmtesten aller Opernchöre

„Nabucco“: Mit „Va, pensiero“ hat Giuseppe Verdi einen Volltreffer ins Herz komponiert. Anton Tremmel, Chordirektor des Würzburger Mainfranken Theaters, über einen Allzeit-Hit der Operngeschichte.
Nabucco im Mainfranken Theater       -  Chor des Würzburger Mainfranken Theaters bei Proben zu Giuseppe Verdis „Nabucco“. Premiere ist am Samstag.
Foto: Daniel Peter | Chor des Würzburger Mainfranken Theaters bei Proben zu Giuseppe Verdis „Nabucco“. Premiere ist am Samstag.

Giuseppe Verdi war verzweifelt. Seine musikalische Komödie „Un giorno di regno“ war durchgefallen. Noch nicht einmal 30, spielte er mit dem Gedanken, das Komponieren bleiben zu lassen. Da drückte ihm der Direktor der Scala das Textbuch zu „Nabucco“ in die Hand. „Zu Hause angelangt warf ich das Manuskript mit einer fast heftigen Geste auf den Tisch“, erzählte Verdi später. „Im Fallen hatte sich das Heft geöffnet. Ohne zu wissen wie, heftet sich mein Blick auf die Seite, die offen vor mir lag, und folgender Vers fesselt meine Aufmerksamkeit: Va, pensiero, sull'ali dorate.“ Fasziniert setzte sich Verdi an den Schreibtisch und komponierte „Nabucco“, seinen ersten großen Opernerfolg.

Man muss die Geschichte nicht unbedingt glauben. Giuseppe Verdi (1813 bis 1901) war durchaus bemüht, seine Biografie mythisch zu überhöhen. Wie auch immer: „Va, pensiero“ wurde zum Allzeit-Hit. Was für eine Musik! Was für eine Szene! Die Hebräer sind in Babylon gefangen. Ihre Klage rührt noch heute zu Tränen – 175 Jahre, nachdem „Nabucco“ im ehrwürdigen Mailänder Teatro alla Scala uraufgeführt wurde.

Politisch aufgeladen

Der „Gefangenenchor“ machte seinen Weg. Im sogenannten Risorgimento, den Bestrebungen zur Einigung Italiens, wurde er mit politischer Bedeutung aufgeladen. Angeblich pinselte – auch das ist möglicherweise ein Mythos – das Volk seinerzeit „Viva Verdi“ an die Mauern. Damit wollte es nicht nur den Mann ehren, der ihnen eine Hymne der Unterdrückten geschenkt hatte, sondern vor allem Vittorio Emanuele als König eines geeinten Italien propagieren: „Verdi“ stand als Abkürzung für „Vittorio Emanuele Re D'Italia“.

Heute ist „Va, pensiero“ der bekannteste Opernchor überhaupt. Höchstens „Treulich geführt“ aus dem „Lohengrin“ von Verdi-Konkurrent Richard Wagner (1813 bis 1883) ist ähnlich populär. Aber der Chor aus „Nabucco“ ist ein Volltreffer ins Herz.

Ein Hauch von Hoffnung

Der Das-berührt-mich-in-der-Seele-Effekt von Verdis Geniestreich könnte etwas mit der Tonart zu tun haben. Instinktsicher setzte der junge Komponist den Chor in Fis-Dur. Das klingt so geheimnisvoll, wie es der Flug eines Gedankens auf vergoldeten Flügeln sein mag. Wer, als mäßig begabter Pianist, das Stück der Einfachheit halber in F-Dur spielt – Fis-Dur findet praktisch nur auf schwarzen Tasten statt –, erlebt eine Enttäuschung: Der Zauber der Melodie wird flüchtiger . . .

Die Tonart sei wichtig für die Wirkung des Chors, glaubt Anton Tremmel, der neue Chordirektor am Würzburger Mainfranken Theater. Doch da sei noch mehr. Tremmel, 1959 im Städtchen Dorfen im Landkreis Erding geboren, probt derzeit mit Chor und Extrachor für die „Nabucco“-Premiere am 28. Januar. „Va, pensiero“ sei „ein kraftvoller, direkter Chor“, charakterisiert er, „ergreifend in einem positiven Sinne und unglaublich schön zu singen“. Trotz des bittersüßen Inhalts vermittle die Musik einen Hauch von Hoffnung. Und wie vermeidet man, dass die so tief im Kollektivgedächtnis verankerte Melodie nicht wie ein Gassenhauer klingt, nicht abgedroschen und nicht kitschig?

Der Chordirektor verspricht eine „besondere Lösung“. Mehr will er nicht verraten. „Auf keinen Fall darf man einen Walzer draus machen“, sagt Tremmel mit einem Gesichtsausdruck, der ahnen lässt, dass er Derartiges schon gehört hat. Die Walzer-Falle lauert schon wegen der hm-da-da-Begleitung des Orchesters. Doch Verdi hat im Viervierteltakt notiert. Der Chor ist rhythmisch komplexer, als es im ersten Moment scheint.

Nabucco im Mainfranken Theater       -  Seit dieser Spielzeit Chordirektor am Mainfranken Theater: Anton Tremmel
Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net) | Seit dieser Spielzeit Chordirektor am Mainfranken Theater: Anton Tremmel

Generell hält Tremmel es für wichtig, dass Chorsängerinnen und -sänger nicht nur auf der Bühne herumstehen. Aktive Teilnahme an der Inszenierung sei wichtig für das „Rollengefühl“. Das wiederum hilft, besser zu singen, Stimmungen und Farben zu entfalten. Ebenso wie die Kostüme. Die sind indes immer wieder auch für Überraschungen gut: Je nachdem, wie sie geschnitten sind, können sie den Klang und auch das Hören verändern. Dann ist Flexibilität gefordert – vom Chor und vom Chorleiter.

Anton Tremmel hat international Erfahrungen gesammelt. Studiert hat er am Mozarteum in Salzburg, war in Lissabon engagiert, hat als Gastprofessor an der Staatlichen Kunst- und Musikhochschule in Tokio gelehrt – er ist mit einer Japanerin verheiratet –, hat in Basel, Leipzig und am Nationaltheater Mannheim gearbeitet. „Würzburg ist mein erstes Engagement in Bayern“, kommentiert er in oberbayerisch eingefärbtem Tonfall („Man darf ruhig hören, wo ich herkomm'“).

Die Rekordbesetzung

Für Verdis „Nabucco“ setzt Anton Tremmel einen Chor von rund 50 Sängerinnen und Sängern ein. Viel mehr geht nicht, auch die Größe der Mainfranken-Theater-Bühne setzt Grenzen. Er hat an diversen Theatern mit deutlich größeren Chören gearbeitet. Aber auf die Größe kommt's ja bekanntlich nicht an und auch mit einem kleineren Chor lässt sich Kunst machen.

Die Rekordbesetzung des Gefangenenchors ist eh unerreichbar: „Bei seinem Begräbnis stimmten die 28 000 Menschen, die die Straßen säumten, leise, aber spontan den Chor ,Va, pensiero‘ an“, schreibt Julian Budden in seiner Verdi-Biografie. Auch das ist möglicherweise ein Mythos. In Wirklichkeit sei alles geplant und von Arturo Toscanini dirigiert worden, heißt es auf der Website der Londoner Royal Opera. In jedem Fall – und das ist kein Mythos – schallte „Va, pensiero“ durch Mailand, die heimliche Nationalhymne der Italiener.

 
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