Würzburg

Was Jagdhunde und Problembären gemeinsam haben

Kunst geht fremd, Folge 2: Ein barocker Weinkelch mit Jagdszene, der ungeahnte Parallelen mit dem „Bärenkarussell“ des Würzburger Künstlers Johannes Hepp aufweist. Zu sehen im Kulturspeicher Würzburg.
Luxusobjekt mit jagenden Hunden: Der Weinkelch entstand im 18. Jahrhunderts im Spessart.
Foto: Leonhard Tomczyk, Spessartmuseum | Luxusobjekt mit jagenden Hunden: Der Weinkelch entstand im 18. Jahrhunderts im Spessart.

Aus der Nähe betrachtet, sieht der hübsche, farblose Weinkelch ein wenig zerknautscht aus. Er kann seine manuelle Herstellung eben nicht verleugnen: Höchstwahrscheinlich hat ihn ein Handwerker im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in einer Spessarter Glashütte hergestellt. Er ist nun schon das zweite Glasobjekt, das im Rahmen der unterfränkischen Kunsttauschaktion „Kunst geht fremd … und dreht ab“ groß herauskommt. Aus seiner ursprünglichen Heimat, dem Spessartmuseum im Schloss zu Lohr am Main, hat er seinen Weg nun bis 5. November ins Museum im Kulturspeicher Würzburg gefunden.

  • Folge 1: Eine Perle zwischen Hai und Saurier 

    Verziert ist der elegante Kelch mit einer ins Glas geschnittenen Szene, auf der sich zwischen zwei Nadelbäumen und einem angedeuteten Zaun vier Hunde im Kreis zu jagen scheinen. Derartige Dekormotive gehören zu den sogenannten Jagdszenen, die im 18. Jahrhundert nicht nur auf gläsernen Trinkgefäßen, sondern häufig auch auf anderen kunsthandwerklichen Produkten auftauchten: auf Spiegeln, Schatullen, Bestecken, Pokalen und Waffen. Denn die höfische Jagdkultur stand im 17. und 18. Jahrhundert in voller Blüte.

Als die Jagd zum Zeitvertreib wurde

Der Adel baute sich exklusive Jagdschlösser ins Grüne, die oft weitaus prächtiger ausfielen als die eigentlichen Herrschaftssitze. Einst unverzichtbar für die Ernährung des Menschen, war die Jagd zum Zeitvertreib der aristokratischen Gesellschaft geworden – der einfachen Bevölkerung war das Jagen unter Androhung von Strafe verboten. Erst die bürgerliche Revolution von 1848 bereitete der Feudaljagd ein Ende, worauf sich das Jagdrecht zugunsten aller Bürger änderte (was fatalerweise zu einem dramatischen Wildschwund führte).

Trotz des dynamischen Jagdmotivs wirkt der 15 Zentimeter hohe Kelch sehr fein, ja nahezu unscheinbar. Auf einem Tellerfuß mit nach innen umgeschlagenem Rand sitzt ein Schaft mit eingestochener langer Luftblase, darauf wiederum eine konische, durch das manuelle Herstellungsverfahren leicht unregelmäßig geformte Kuppa – so lautet die fachmännische Bezeichnung für den Kelch oder den Pokal eines Trinkgefäßes.

In einer Ecke im zweiten Stock des Kulturspeichers – dort, wo die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zu Hause ist – steht das Weinglas etwas schwindsüchtig in einer Vitrine vor weißer Wand. Gegenüber buhlen grellbunte Blumenprints von Andy Warhol sowie große Holzschnitt-Porträts von Stephan Balkenhol um Aufmerksamkeit. In direkter Nachbarschaft erhebt sich das übermannshohe „Bärenkarussell“ des jungen Würzburger Künstlers Johannes Hepp. Warum das zarte Tauschobjekt sein zwischenzeitliches Zuhause ausgerechnet hier gefunden hat?

Allerhand Kreisbewegungen

Das erklärt Henriette Holsing, stellvertretende Direktorin des Museums, die das Glas hier mit Bedacht platziert hat: Zwischen „Weinkelch“ und „Bärenkarussell“ gebe es viele Parallelen. So wie es Zweck jedes anständigen Karussells ist, sich im Kreis zu drehen, ist auch der Glaskelch durch eine Drehbewegung entstanden. Während dieser komplett aus Glas besteht, hat Johannes Hepp sein Karussell mit Spiegelglas verkleidet, so dass die aufs Karussell montierten Holzbären darin beim Drehen auf und ab tanzen.

Außerdem haben die Bären ebenfalls mit dem Thema Jagd zu tun – man denke nur an den 2006 in Bayern erschossenen „Problembären“ Bruno. Zum Schluss deutet Holsing noch auf die hölzerne Königin auf der Karussellspitze, die unter ihrem Purpurmantel ziemlich viel Haut zeigt. Die höfische Kultur ist also auch in der beweglichen Skulptur von Johannes Hepp angekommen. Bis zu Beginn der diesjährigen „Kunst geht fremd“-Aktion war im Nebenraum eine große Drahtkugel der Würzburger Metallkünstlerin Angelika Summa zu bewundern. Diese „SinnKugel“ ist nun als Gegen-Tauschobjekt im Spessartmuseum Lohr, das die Geschichte des Spessarts von allen Seiten beleuchtet.

Ein Besuch im Würzburger Kulturspeicher lohnt sich unabhängig von „Kunst geht fremd“: Nach einer fulminanten Sonderausstellung mit Werken des ungarischen Op-Art-Künstlers Victor Vasarely läuft hier bis 1. Oktober die Ausstellung „Scharf geschnitten – Linolschnitte vom Expressionismus bis heute“ mit unerwartet erfrischenden Eindrücken.

Die Öffnungszeiten im Kulturspeicher: Di. 13-18 Uhr, Mi. 11-18 Uhr, Do. 11-19 Uhr

Fr., Sa., So. 11-18 Uhr, montags geschlossen.

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