Schweinfurt

Wie die Sammlung Georg Schäfer ein eigenes Haus bekam

Vor 20 Jahren wurde in Schweinfurt das Museum Georg Schäfer eröffnet. Wegen Corona sind alle Feierlichkeiten ins Wasser gefallen. Doch der Blick zurück lohnt sich.
Ein entschieden urbaner Stadteingang: Das Museum Georg Schäfer in Schweinfur.
Foto: Anand Anders | Ein entschieden urbaner Stadteingang: Das Museum Georg Schäfer in Schweinfur.

Es war eine Eröffnung mit Misston: Ausgerechnet Fritz Schäfer, Sprecher der Stifterfamilien, meldete beim Festakt Zweifel an, ob die Bilder seines Vaters Georg in diesem Museum gut aufgehoben seien. Es möge der Stiftung erspart bleiben, jemals über eine Rückgabeforderung zu entscheiden, sollte das Haus nicht ausreichend ausgestattet werden, sagte Schäfer. Bis heute, 20 Jahre später, ist der Rückgabefall nicht eingetreten. Und die Überführung eines bedeutenden Teils der privaten Sammlung des Industriellen Georg Schäfer (1896-1975) in eine Stiftung wäre ohnehin unumkehrbar.

Als im Herbst 2000 in Schweinfurt das Museum Georg Schäfer (MGS) eröffnet wurde, lagen turbulente Jahre hinter der Stadt. Im Zuge der Wirtschaftskrise war 1993 die Firma Kugelfischer, damals noch im Eigentum der Familien Schäfer, an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten. Die Bilder wanderten in den Sicherheitenpool der Banken, ein Museum schien ferner denn je. Doch bereits drei Jahre später, 1996, war alles unter Dach und Fach: die Finanzierung des Neubaus durch den Freistaat, die Errichtung der Stiftung, die Trägerschaft des Museums durch die Stadt.

Wolf Eiermann, seit 2015 Leiter des Museums Georg Schäfer. Im Hintergrund ein Selbstporträt von Max Liebermann.
Foto: Anand Anders | Wolf Eiermann, seit 2015 Leiter des Museums Georg Schäfer. Im Hintergrund ein Selbstporträt von Max Liebermann.

Viele von Georg Schäfers Bildern waren bis dahin als Leihgaben unterwegs gewesen, etwa im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg oder der Neuen Pinakothek in München. Doch schon seit Jahrzehnten hatte es auch Anläufe für ein eigenes Museum gegeben. Der große Architekt Ludwig Mies van der Rohe hatte Anfang der 1960er Jahre in Schäfers Auftrag sogar einen Entwurf für ein Gebäude vorgelegt. Er wurde nicht umgesetzt, jedenfalls nicht in Schweinfurt. Heute steht das Haus in leicht abgewandelter Form in Berlin - als Neue Nationalgalerie.

OB Gudrun Grieser nutzte die zweite Privatisierungswelle

Als Gudrun Grieser 1992 für die CSU Oberbürgermeisterin wurde - ein Amt, das sie bis 2010 bekleiden sollte - fand sie noch ein anderes Projekt vor: Der Siegerentwurf eines Architektenwettbewerbs hatte für die Unterbringung der Gemälde den Ebracher Hof vorgesehen, heute Sitz der Stadtbücherei. Auch dieses Museumsprojekt ließ sich wegen jeder Menge ungeklärter Fragen nicht umsetzen.

Blick in einen der Räume der Ständigen Sammlung.
Foto: Anand Anders | Blick in einen der Räume der Ständigen Sammlung.

Gudrun Grieser indes nutzte die Gunst der Stunde beziehungsweise die zweite Privatisierungswelle, um erstens 28 Millionen D-Mark für den Neubau an Land zu ziehen und zweitens gleichzeitig die Verträge mit den Stifterfamilien unter Dach und Fach zu bringen. Ministerpräsident Edmund Stoiber attestierte der Schweinfurter Oberbürgermeisterin später "lästige, reizende Hartnäckigkeit".

Der Neubau löste gleichzeitig ein altes städtebauliches Problem

Doch wäre ein neues Museum in der krisengeschüttelten Stadt allein noch längst kein Selbstläufer gewesen. Es half, dass der Entwurf des Berliner Architekten Volker Staab schließlich an genau der Stelle umgesetzt wurde, an der eine unvollendete Tiefgarage mit rostenden Armierungseisen aus dem Boden geragt war. Der inzwischen mehrfach preisgekrönte Bau wurde kurzerhand auf die bis heute genutzte Tiefgarage gesetzt und verleiht dem südlichen Stadteingang ein entschieden urbanes Flair.

Die zentrale Treppenhalle des von Volker Staab entworfenen Museums Georg Schäfer.
Foto: Patty Varasano | Die zentrale Treppenhalle des von Volker Staab entworfenen Museums Georg Schäfer.

Der Bestand des Museums umfasst heute 900 Gemälde und 4000 grafische Arbeiten, entstanden zwischen 1760 und 1930. Die Sammlung gilt als bedeutendste Privatsammlung von Kunst des 19. Jahrhunderts aus dem deutschsprachigen Raum und als weltweit größte Spitzweg-Sammlung überhaupt.

In der oberen Ebene des Museums hängt die Ständige Sammlung, 2017 völlig neu gestaltet. Auf Ebene eins finden die Wechselausstellungen statt. Es lag wohl an der Stiftung, an deren Spitze satzungsgemäß Vertreter der Stifterfamilien stehen, dass anfangs diese Wechselausstellungen vor allem aus dem eigenen Bestand bestückt wurden. Schnell zeigte sich indes, dass dieses Konzept auf Dauer nicht tragen konnte.

Sigrid Bertuleit, Leiterin des Hauses bis zu ihrer Entlassung 2014, unterlief mit prominenten Leihgaben wie den Tierskulpturen von August Gaul oder dem Zola-Porträt von Edouard Manet gezielt diese Philosophie der Selbstgenügsamkeit und öffnete das Haus. Später kamen Namen wie Schiele, Toulouse-Lautrec, van der Rohe, Böcklin, Schadow, Hodler oder Monet hinzu. Und: Leiterin Bertuleit verlieh auch Bilder – anders geht es nicht im Museumsbetrieb.

Mittelalterfantasien: Blick in eine der Wechselausstellungen.
Foto: Anand Anders | Mittelalterfantasien: Blick in eine der Wechselausstellungen.

Die Eröffnung des Museums passte in die Phase der Wiederentdeckung des 19. Jahrhunderts, die nicht zuletzt mit dem Wiederaufstieg Berlins nach der Wende einhergegangen war. Es war die Renaissance einer Epoche, deren Einfluss bis heute kaum überschätzt werden kann. Biedermeier oder Romantik hatten bis dato als maximal verstaubt gegolten. Was zählte, waren Impressionismus und Klassische Moderne. Und mit Wilhelm Leibl, Hans Thoma oder Carl Gustav Carus hatte sich vielleicht die Forschung befasst, kaum aber das große Publikum.

Nun aber wurden Namen wie Adolph Menzel, Ferdinand Georg Waldmüller, Caspar David Friedrich, Max Liebermann und natürlich Carl Spitzweg wieder zu Publikumsmagneten – in der Alten Nationalgalerie in Berlin wie eben auch in Schweinfurt, im Museum Georg Schäfer.

Ein neues Problem ist aufgetaucht: Raubkunst

In den ersten 20 Jahren kamen rund 820 000 Besucher - also im Schnitt 41 000 pro Jahr, jährliche Schwankungen außer Acht gelassen. Sigrid Bertuleit, seit 2015 ihr Nachfolger Wolf Eiermann,und dazu die Grafik-Kustodinnen Claudia Valter (bis 2009) und Karin Rhein beleuchteten und beleuchten – trotz chronischer finanzieller und personeller Klammheit das Hauses – eine Fülle künstlerischer, geschichtlicher, gesellschaftlicher, philosophischer, privater oder politischer Aspekte der Sammlung. Themen waren etwa Fernweh oder Heimatgefühl,  Industrialisierung, Wohnen, Kunst und Kitsch, Komik, Schönheit und HässlichkeitReligion, Porträtkunst, Dekadenz oder Kunst von Frauen.

Das Museum (im Hintergrund) eingerahmt vom Glasdach der Stadtbücherei (links) und dem Hauptzollamt.
Foto: Anand Anders | Das Museum (im Hintergrund) eingerahmt vom Glasdach der Stadtbücherei (links) und dem Hauptzollamt.

Wie vielen anderen Häusern ist auch dem Museum Georg Schäfer in den vergangenen Jahren ein neues Problem erwachsen: Raubkunst. Also Kunst, die im Nationalsozialismus ihren rechtmäßigen Besitzern geraubt oder abgepresst wurde. Für 23 Werke lägen Rückgabe-Ersuchen von Nachfahren der einstigen jüdischen Besitzer vor, sagte die Provenienzforscherin Sibylle Ehringhaus im Februar. In 20 Fällen habe sich der Raubkunst-Verdacht bestätigt.

Ehringhaus hatte drei Jahre lang den Bestand des Museums. Und Ende 2019 hingeworfen mit der Begründung, aus ihren Befunden seien keinerlei Konsequenzen gezogen worden. Der Großteil der Sammlung ist noch nicht untersucht. Die Stiftung hat bislang jede Rückgabe abgelehnt. Begründung: Geltendes Recht und Satzung ließen es nicht zu, das Vermögen der Stiftung zu schmälern, sprich, Bilder herauszugeben.

Museum Georg Schäfer: Brückenstraße 20, Schweinfurt. Geöffnet Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr.
Die nächste Wechselausstellung: Karl Hagemeister, „…das Licht, das ewig wechselt". Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus, 18. Oktober bis 21. Februar 2021.

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