FRANKFURT

William S. Burroughs: Düstere Pop-Ikone

William S. Burroughs
Foto: dpa | William S. Burroughs

Am Anfang stehen Schock und Tragik: Am 6. September 1951 will William S. Burroughs in Mexiko-City, wo er mit seiner Frau Joan vorübergehend lebt, sein Automatikgewehr verkaufen. Nach einem Saufgelage mit Bekannten ist Burroughs ganz wild darauf, seine Schießkünste vorzuführen. Joan willigt ein, für ein Wilhelm-Tell-Spiel ein Cocktailglas auf ihren Kopf zu stellen. Nach dem Schuss fällt das Glas unbeschädigt zu Boden, Joan stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Bis dahin hat Burroughs, Sohn aus gutem Hause und Harvard-Student, immer wieder versucht zu schreiben. Seine Hauptwerke wie „Junkie“, in dem er seine Drogensucht thematisiert, und „Naked Lunch“ entstehen aber erst nach dem tödlichen Schuss. „Ich muss den schrecklichen Schluss ziehen, dass ich ohne Joans Tod niemals ein Schriftsteller geworden wäre“, urteilte der Autor, der vor 100 Jahren am 5. Februar 1914 geboren wurde. Die mexikanischen Behörden lassen den Tod als Unfall durchgehen, nach zwei Wochen Gefängnis ist Burroughs wieder frei.

Zusammen mit seinen schreibenden Freunden Allen Ginsberg und Jack Kerouac bringt Burroughs Werke raus, die die US-Literatur in den 50er Jahren nachhaltig erschüttern. In der Ära des aufkommenden Kalten Krieges thematisieren die jungen Literaten alles, was Anstoß erregt: Rebellion, Gewalt, Sex, Homosexualität und Drogen. Ginsbergs „Howl“ und Burroughs „Naked Lunch“ kommen wegen Obszönität vor Gericht. In Anlehnung an die „Lost Generation“ nach dem Krieg nennt sich der Haufen wilder Schriftsteller „Beat Generation“. Der immer adrett im Anzug gekleidete, überaus belesene Burroughs wird von den jüngeren Autoren als Mentor verehrt. Er bleibt als kühler Analytiker auf Distanz, zeigt keine Neigung, sich von der Schwulenbewegung, den Kriegsgegnern oder später den Hippies vereinnahmen zu lassen, die ihn verehren.

Bei seinen späteren Werken bedient sich Burroughs der Cut-Up-Methode, der Schnipsel-Methode. Er schneidet seine Manuskriptseiten in kleine Zettel und setzt sie nach dem Zufallsprinzip wieder zusammen. Dabei kommen assoziative, schräge Texte heraus, aus denen Burroughs in den 60er Jahren seine Nova-Trilogie formt („The Soft Machine“, „The Ticket That Exploded“ und „Nova Express“).

Burroughs wurde von seiner Familie offenbar schon früh als schwarzes Schaf abgestempelt. Sein Großvater hatte es mit der Erfindung einer Rechenmaschine zu Wohlstand gebracht. Der 1914 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri geborene William Seward Burroughs wuchs als Spross einer angesehenen Familie der Oberschicht auf und studierte an der Harvard-Universität Medizin. Doch bereits als Jugendlicher soll er von Waffen, harten Drogen und Verbrechen fasziniert gewesen sein. Zeit seines Lebens nimmt er immer wieder Drogen. Er schafft es jedoch nicht nur, seine jüngeren Kollegen Ginsberg und Kerouac zu überleben. Burroughs wird noch in den 80er und 90er Jahren als düstere Pop-Ikone der Underground-Kultur gefeiert.

Zu seinen Bewunderern gehören der Pop-Künstler Andy Warhol sowie die Rockmusiker Lou Reed, Patti Smith und Kurt Cobain. 1990 hat das erfolgreiche Theaterstück „The Black Rider“ im Hamburger Thalia-Theater Premiere, für das Burroughs mit dem Regisseur Robert Wilson und dem Musiker Tom Waits zusammengearbeitet hat. Privat wird Burroughs von Weggefährten als unnahbar beschrieben. „Hinter seinem Dreiteiler steckte ein sehr einsamer Mensch“, erzählt der Literaturagent Ira Silverberg in Anspielung auf seinen stets korrekten Anzug. Von seinen Partnerschaften weiß man wenig. 1981 stirbt der gemeinsame Sohn von Burroughs und Joan an den Folgen seiner Alkoholkrankheit.

„Er war der schriftstellernde Outlaw, der Revolverheld mit der Schreibmaschine, der sich um Gesetze nicht sonderlich kümmerte, weder um die des Lebens noch um die der Literatur“, schreibt „Spiegel“-Journalist Matthias Matussek. Auch in seinen letzten Jahren, die er auf seiner Farm in Kansas verbringt, bleibt sich Burroughs treu: Er steht früh auf, schreibt, füttert seine Katzen, trifft sich mit Waffenbrüdern zum Schießen und genehmigt sich seinen Wodka nie vor vier Uhr nachmittags. Am 2. August 1997 stirbt er mit 83 Jahren an einem Herzinfarkt.

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