Würzburg

Zu Ostern: Wie das Kreuz für Christen zum Zeichen der Hoffnung wurde

Warum gibt es so viele Darstellungen der Kreuzigung, aber fast keine von der Auferstehung, der eigentlichen frohen Botschaft? In Würzburger Museen gibt es - einfach wie tiefgründig - Antworten.
Eine von gerade mal fünf Darstellungen des Auferstandenen im Bestand des Museums für Franken: Stifterbild der Familie Lochner-Pirckheimer, 1465, Nürnberger Maler (Ausschnitt). 
Foto: Museum für Franken, Katja Krause | Eine von gerade mal fünf Darstellungen des Auferstandenen im Bestand des Museums für Franken: Stifterbild der Familie Lochner-Pirckheimer, 1465, Nürnberger Maler (Ausschnitt). 

"Da haben Sie in ein Wesepennest gestochen", sagt Prof. Damian Dombrowsi. Mit "Wespennest" meint der Direktor der Neueren Abteilung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg nicht etwa eine brisante oder gar anstößige Frage, sondern eine aus Laiensicht eher beiläufige Beobachtung: Es gibt unendliche viele Darstellungen der Kreuzigung Christi und vergleichsweise wenige seiner Auferstehung. Dombrowski bestätigt diesen Eindruck: "Das ist völlig disproportional."

Das Martin von Wagner Museum zum Beispiel, eines der größten Universitätsmuseen Europas, besitzt kein einziges Gemälde einer Auferstehung, sondern nur zwei Zeichnungen von der Hand seines Namensgebers, des Künstlers und Sammlers Martin von Wagner (1777-1858). Es sind Entwürfe von 1818 für ein Giebelfries der Münchner Apostelkirche, die aber nie gebaut wurde. Sie zeigen einen heldischen, über römische Legionäre triumphierenden Auferstandenen.

Eine Parallele zwischen Mittelalter und Gegenwart

Auch im Museum für Franken auf der Festung überwiegen bei weitem die Darstellungen der Kreuzigung. Wie viele es tatsächlich sind, das müsste das Team erstmal nachzählen. Der Bestand an Auferstehungen hingegen ist bekannt, weil übersichtlich: Es sind fünf, eine ist in der ständigen Ausstellung zu sehen, das Stifterbild der Familie Lochner-Pirckheimer, gemalt 1465 in Nürnberg.

"Aus theologischer Sicht liegt der Fokus klar auf dem Opfertod Jesu", sagt Veronika Genslein, Kuratorin für Bildung und Vermittlung am Museum für Franken. Die Kunsthistorikerin sieht darin auch eine Parallele zwischen Mittelalter und Gegenwart: "Auf jeden Fall passt diese spannende Fragestellung natürlich in unsere heutige Zeit, bei der der Fokus auf dem diesseitigen Leben – dem Leben im Hier und Jetzt – liegt. Aus mittelalterlicher Sicht war es bestimmt tröstlicher, den Schmerzensmann zu sehen, als den übermenschlichen Sieger."

Martin von Wagner, der auferstandene Christus,  Entwurf von 1818 für den  Giebelfries der Münchner Apostelkirche, die aber nie gebaut wurde. 
Foto: Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg | Martin von Wagner, der auferstandene Christus, Entwurf von 1818 für den Giebelfries der Münchner Apostelkirche, die aber nie gebaut wurde. 

Aber wie wurde das Kreuz, Symbol des Leidens und der Unterdrückung, dauerhaft zum Symbol des Christentums und nicht die Auferstehung, in der ja die eigentliche frohe Botschaft liegt? "Christus steht für jeden Auferstehenden, aber von den frühchristlichen Katakomben bis heute dominiert in der Darstellung der leidende Christus, nicht der verklärte. Das ist erstmal als Sachverhalt interessant", sagt Damian Dombrowski.

Der Kunsthistoriker hat zu dem Thema geforscht und eine Fülle von Argumenten zusammengetragen. Zunächst ein ganz praktisches: "Farbe braucht Licht. Wie also ein Geschehen darstellen, das im Dunklen stattgefunden hat?"

In den Evangelien ist die Auferstehung nicht beschrieben

Die eigentlichen Gründe liegen freilich tiefer: "Für die Kreuzigung gab es Zeugen, für die Auferstehung nicht." Das Leben und Wirken Christi ist in den Evangelien beschrieben, sie sind Grundlage jeglicher bildlicher Darstellung aus der Heilsgeschichte. Augenzeugenberichte sind sie allerdings nicht, selbst wenn man bedenkt, dass das Markusevangelium um das Jahr 70 entstanden sein dürfte, also nicht sehr lange nach den geschilderten Ereignissen. Die Evangelien liefern der Kunst dennoch seit jeher zwei wichtige Grundlagen: Authentizität und Legitimität.

Damian Dombrowsi, Direktor der Neueren Abteilung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg
Foto: André Mischke | Damian Dombrowsi, Direktor der Neueren Abteilung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg

Und die braucht es, denn, so Dombrowski: "Jede bildliche Darstellung ist eine Anmaßung." Was die Bibel beschreibt, ist also sozusagen unbedenklich. Über die Jahrtausende haben sich auf dieser Basis Bildtraditionen entwickelt, die zwar immer weiter verfeinert wurden, im Kern aber gleich blieben: Verkündigung durch den Engel, der Stall von Bethlehem, Madonna mit Kind, Anbetung der Könige, letztes Abendmahl, Passion.

Die Auferstehung aber ist nirgends beschrieben. Sie ist eine Leerstelle und wird nur als "Negativabdruck" abgehandelt, wie Dombrowski dies nennt: in der Auffindung des leeren Grabes mit dem weggerollten Stein und den abgelegten Leinenbinden. Und sozusagen rückwirkend in der Begegnung mit Magdalena, zu der der Auferstandene sagt, "noli me tangere" – "rühre mich nicht an!"

Bilder der Kreuzigung sind immer ähnlich, solche von Auferstehungen nicht

Es scheint, als hätten Generationen von Künstlern dieses "Noli me tangere" auf sich bezogen: Rühre das Thema Auferstehung bloß nicht an! Einige haben es dennoch gewagt. Grünewald, Donatello, Raffael, Giovanni Bellini, Michelangelo etwa. Sie alle begaben sich auf unsicheren Boden: Anders als bei den Standardmotiven hat sich für die Auferstehung nie eine Ikonografie entwickelt. "Die Darstellungen sind sehr individuell", sagt Damian Dombrowski.

Anders gesagt: Kreuzigungen sind immer ähnlich, Auferstehungen nicht. Mangels erzählerischer Vorlage mussten die Künstler, je nach Fantasie oder Wagemut, immer wieder neue Lösungen finden. Es gibt den Christus, der mühsam dem Grab entsteigt, und den Christus, der schwerelos gen Himmel schwebt. Oder gehoben wird. Es gibt ihn mit Wundmalen und ohne, es gibt ihn bekleidet und unbekleidet.

Michael Triegel in Sankt Peter und Paul in Würzburg. Im Hintergrund sein Bild 'Barmherziger Christus'.
Foto: Christine Jeske | Michael Triegel in Sankt Peter und Paul in Würzburg. Im Hintergrund sein Bild "Barmherziger Christus".

Ein unbekleideter Auferstandener hat übrigens vor gut 15 Jahren eine Kontroverse in Würzburg ausgelöst. Bischof Friedhelm Hofmann hatte noch vor seinem Amtsantritt 2004 angeordnet, die "Auferstehung" von Michael Triegel im Museum am Dom abzuhängen. Das Gemälde, Teil eines Triptychons, zeigt den Auferstandenen nackt. In der Kontroverse ging es damals um vorgeblich verletzte Schamgefühle von Gläubigen, aber auch um theologische Aspekte. Der Bischof selbst nahm an der Diskussion nicht teil, ließ aber vermelden: "Die Vorstellung der Auferstehung ist biblisch am Begriff einer ganz vom Heiligen Geist durchwirkten Leiblichkeit festzumachen. Sie entzieht sich jeder irdischen Verstehensweise."

Genau das war immer das Darstellungsproblem: die Gleichzeitigkeit des Leiblichen und des Unfassbaren. Damian Dombrowski gibt gewissermaßen den theologischen Erwägungen Recht: "Nach der Auferstehung ist die Geschlechtlichkeit das, was am wenigsten zählt. Sie besitzt keine Relevanz mehr. Ist es also gut, wenn man sie in diesem Zusammenhang darstellt? Ich glaube nicht."

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Wer in Würzburg dennoch einen von Michael Triegel gemalten Auferstandenen sehen möchte, der kann in die Kirche St. Peter und Paul gehen. Dort hängt seit 2017 sein Gemälde "Barmherziger Christus" – der Heiland ist bekleidet.

Selbst das Barock mit seinem Hang zum Effekt tat sich mit dem Thema schwer

Vielleicht wären der theologische Diskurs und mit ihm die Kunstgeschichte anders verlaufen, hätte nicht der geniale Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) eine folgenschwere Entscheidung für den Petersdom in Rom getroffen. Auf seinem gigantischen bronzenen Baldachin über dem Grab Petri sollte eine Statue des Auferstandenen thronen, sie war bereits gegossen. Bernini ersetzte sie durch das Kreuz, das dort, an einer der heiligsten Stellen der Christenheit, bis heute zu sehen ist.

Berninis bronzener Baldachin im Petersdom zu Rom. Wo heute ein Kreuz thront, sollte ursprünglich eine Statue des Auferstandenen stehen. 
Foto: Maurizio Brambatti, dpa | Berninis bronzener Baldachin im Petersdom zu Rom. Wo heute ein Kreuz thront, sollte ursprünglich eine Statue des Auferstandenen stehen. 

Offiziell wurden damals, um 1630, statische Gründe angeführt, sagt der Würzburger Kunsthistoriker Dombrowski. Für ihn ist dieses Ereignis aber bezeichnend für einen geradezu frappierenden Vorgang von tieferer Bedeutung: Das Ersetzen einer Person durch ein Zeichen, heute würde man sagen, ein Logo. Das Kreuz ist im 17. Jahrhundert längst Symbol der Auferstehungsverheißung, daran kommt man selbst im Barock nicht vorbei, einer Zeit, die ansonsten keinerlei theatralischen optischen Effekt scheut, wie ihn ja die Auferstehung bieten würde. 

Jörg Meißner sieht im Kreuz auch eine politische Problematik

Auch Jörg Meißner, der neue Leiter des Museums für Franken, sieht in der ganz konkreten Darstellbarkeit der Kreuzigung den Schlüssel:  "Weil sie den Höhepunkt des irdischen Leidens Jesu auf ganz anschauliche, aber eben auch drastische Weise den Menschen ,vor Augen führt'. Hier treffen also die bildliche und die textliche Überlieferung zusammen. Der Tod als Teil des Lebens ist zudem den Menschen individuell gesehen, aber auch alltagsgeschichtlich betrachtet näher als die real weniger greifbare Auferstehung."

Meißner benennt allerdings auch noch eine politische Konnotation: Das Kreuz, von den Römern als sichtbares Zeichen der Entmachtung des angeblichen "Königs der Juden" angewandt, sei zu unterschiedlichen Zeiten genutzt worden, um Herrschafts- und Machtansprüche zu festigen. "Dies nicht zuletzt auch als Mittel der Bestätigung unheilvoller Ressentiments gegenüber dem Judentum. Eine Auferstehung  beziehungsweise Himmelfahrt versinnbildlicht demgegenüber eher freiheitliches, erlösendes Gedankengut."

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