Würzburg

Samstagsbrief: Corona ist es egal, wer den Glühwein verkauft!

Glühwein-Verbot auf dem Würzburger Weihnachtsmarkt – für Wirte aber galt es zunächst nicht. Was der Sprecher der Marktkaufleute sagte, davon kann man lernen, findet unser Autor.
Der Sprecher der Würzburger Marktkaufleute Werner Baumeister
Foto: Lucia Lenzen | Der Sprecher der Würzburger Marktkaufleute Werner Baumeister

Lieber Herr Baumeister,

wir kennen uns nicht persönlich, trotzdem vermisse ich Sie. Ok, nicht Sie direkt, sondern Ihren Glühweinstand, den Sie in normalen Jahren am Unteren Markt in Würzburg betreiben. Schon lange sind Sie quasi der Glühweinhändler meines Vertrauens. Ob nach Feierabend mit Arbeitskollegen, an Adventswochenenden mit der Familie oder am Tag vor Heiligabend fast schon traditionell im großen Freundeskreis – Ihr Glühweinstand gehört für mich zur Vorweihnachtszeit wie die Plätzchen meiner Mutter. Er ist der alljährliche Treffpunkt, an dem man auch Leute sieht, die man das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt. Ein Ort, an dem man selbst die klebrigen Finger in Kauf nimmt, für die der im Gedrängel verschüttete Glühwein sorgt.

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Dieses Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Pandemie müssen die Weihnachtsmärkte ohne Glühwein auskommen. Die bayerische Staatsregierung fürchtet nämlich, dass Alkohlausschank zu Menschenansammlungen führt. Und Weihnachtsmarktbesucher dicht an dicht wie gebrannte Mandeln in einer Tüte – das will man ja gerade vermeiden. Außerdem, so die Befürchtung, würden die meisten nach dem zweiten oder dritten Glas statt auf Abstand zu achten eher zu mitmenschlicher Nähe neigen. Sicherlich keine falsche Einschätzung.

Vor diesem Hintergrund ist das, was sich zuletzt in Würzburg abspielte, schon absurd. Während nämlich Sie und Ihre Kollegen, die Marktkaufleute also, keinen Glühwein ausschenken dürfen, war genau das den Gaststätten auf und um den Markt mit entsprechender Konzession zunächst erlaubt. Einige verkauften bereits Glühwein "to go", weitere wollten nachziehen. Am Donnerstag erst schob die Stadt dem einen Riegel vor und verbot auch den Wirten den Ausschank.

Ich bin kein Virologe. Ich lehne mich aber wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es dem Coronavirus ziemlich egal ist, wo der Glühwein herkommt, der dann – laut Politik – Ansteckungen Vorschub leistet. Viele Leute, mit denen ich in diesen Tagen über das Thema gesprochen habe, konnten nicht nachvollziehen, dass auf dem Marktplatz zweigleisig gefahren wurde. Nicht, weil man den gebeutelten Gastronomen den Glühwein-Umsatz nicht gönnt. Im Gegenteil: Ich persönlich finde ja, man sollte Wirte gerade jetzt unterstützen und eher mal ein Auge zudrücken, wenn sie kreative (Corona-konforme) Ideen haben, die ihnen helfen, den Lockdown zu überleben. Das Problem ist vielmehr: Die Glühweinausschankteilbeschränkung – mich würde es nicht wundern, wenn das Gesundheitsministerium tatsächlich noch eine Regelung unter einem solch sperrigen Namen ausarbeitet – war wieder einmal eine Corona-Regel, die die Menschen nur schwer oder gar nicht nachvollziehen können. Während Ministerpräsident Markus Söder laut über "konsequentere Maßnahmen" nachdachte, schienen auch in diesem Fall geltende Regeln so soft wie Zuckerwatte. Und so erhitzte der ausgeschenkte Glühwein die Gemüter.

Herr Baumeister, viele an Ihrer Stelle wären da stocksauer gewesen! Sie hätten sich ungerecht behandelt gefühlt. Manche hätten wahrscheinlich versucht, eine Glühweinausschankteilerlaubnis zu erwirken. Nur bis 18 Uhr, natürlich nur "to go" und mit Ausschankpausen, um großen Andrang zu vermeiden – so in etwa.

Sie jedoch reagierten ganz anders. Und dafür haben Sie meinen größten Respekt, Herr Baumeister. Die Stadt Würzburg habe sich bemüht und letztendlich eben so entschieden, sagten Sie – "und so akzeptieren wir das auch". Dass der Weihnachtsmarkt heuer so ist, wie er ist, "dafür kann ja niemand etwas". Und dann lobten Sie auch noch die Konkurrenz, die zeitweise Glühwein ausschenken durfte: Die Glühweinverkäufer hätten sich sehr vorbildlich verhalten. Ich finde das bemerkenswert: Während einige immer noch gegen die Maskenpflicht klagen und auf diversen Demonstrationen von Corona-Diktatur schwafeln, zeigten Sie als jemand, den die Maßnahmen direkt treffen, Gelassenheit, Verständnis und Rücksichtnahme.

Gelassenheit, Verständnis und Rücksichtnahme: drei Dinge, die in Corona-Zeiten immer stärker zu schwinden scheinen. Ich hoffe, dass sich viele Menschen an Ihnen ein Beispiel nehmen, Herr Baumeister. Es klingt ja paradox: Aber ich glaube, wir brauchen in diesen Tagen selbstlose Rücksichtnahme aus egoistischen Beweggründen. Oder bildhaft gesprochen: Wir brauchen jetzt Glühweinverkäufer wie Sie, die sich ohne auf die Pauke zu hauen ihrem Schicksal fügen, damit sie im nächsten Jahr ihren Ausschank wieder öffnen können. Ich freue mich darauf und werde da sein!

Mit freundlichen Grüßen

Benjamin Stahl, Redakteur

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