Michelrieth

Samstagsbrief: Frau Rütting, brauchen wir Exoten im Parlament?

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Foto: V-Partei

Sehr geehrte Frau Rütting, in der zurückliegenden Woche war es soweit: Die Liste der zur Bundestagswahl angemeldeten Parteien steht fest. 63 – dreiundsechzig! – haben bis zum Stichtag am 19. Juni dem Bundeswahlleiter angezeigt, dass sie – neben den Parteien, die schon in einem Parlament sitzen – am 24. September auf den Wahlzetteln stehen wollen. Geschieht kein Wahlwunder, ist die Geschichte damit aber auch zu Ende erzählt: Die Pforten des Reichstags werden für die Exoten der deutschen Parteienlandschaft verschlossen bleiben. Unterschriften für die Zulassung zur Wahl gesammelt, Kandidaten gewählt, Wahlkampf gemacht . . . alles für die Katz. Irgendwie schwanke ich hier zwischen Be- und Verwunderung. Frau Rütting, was motiviert Menschen wie Sie eigentlich?

Sie, einst Alterspräsidentin des bayerischen Landtags, sind ja auch so eine Wahlromantikerin. Sie könnten in Ihrem Häuschen im Landkreis Main-Spessart sitzen und sich freuen, dass ein Roggenvollkornbrot, das Ihren Namen trägt, die Bio-Ecken zahlreicher Supermärkte erobert hat. Könnten sich auf Ihrem Schauspielruhm als Darstellerin der „Geierwally“ ausruhen. Doch stattdessen haben Sie sich im Januar mit 89 Jahren auf den zweiten Platz der bayerischen Landesliste der V-Partei³ wählen lassen. Hinter dem Namen, der wie eine mathematische Formel aussieht, verbirgt sich die „Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer“. Hat das Deutschland wirklich noch gefehlt? Fleischverzichter gibt es sicher auch in traditionellen Parteien. Und denken Sie nur einmal an die Grünen. Die sind vor der letzten Bundestagswahl schon mit ihrem Vorschlag, einen „Veggie Day“ einzuführen, krachend gegen die Wand gefahren. Jetzt, vier Jahre später, wurde mir bei einem Pressefrühstück der Landtags-Grünen sogar Schinken gereicht.

Wahrscheinlich ist das aber für Sie eher ein Argument für die V-Partei³. Die Grünen, für die Sie sechs Jahre im Landtag saßen, haben Sie ja ohnehin bereits 2009 verlassen. Unter anderem, weil Renate Künast vor laufender Fernsehkamera einen Fisch geangelt und erschlagen hat.

Aber ich schweife ab. Die Notwendigkeit Ihrer neuen Partei würden Sie vermutlich so erklären, wie es im Programm der V-Partei³ steht: Die knapp zehn Millionen Vegetarier und Veganer in Deutschland ohne spezielle parlamentarische Vertretung „waren geradezu eine Verpflichtung“, eine Partei zu gründen, „die in der Lage sein wird, die gesellschaftliche und politische Landschaft grundlegend zu verändern“. Es sei „3 vor 12 etwas zu tun“.

Starke Worte, denen wir in diesem Fall nicht Taten, sondern einfach mal Phantasie folgen lassen wollen. Zehn Millionen Vegetarier und Veganer – das ist schon eine beeindruckend große potenzielle Stammwählerschaft. Nur zur Orientierung: Die SPD holte 2013 rund 11,2 Millionen Zweitstimmen und wurde zweitstärkste Kraft. Würde nur jeder zweite wahlberechtigte Fleischverweigerer im September für Sie stimmen, kämen Sie ganz locker über die Fünf-Prozent-Hürde. Glückwunsch!

Ganz übermütig-visionär sind auf der Homepage Ihrer Partei alle Abgeordnetenstühle im Plenarsaal des Reichstages schon einmal V-Partei³-hellgrün eingefärbt. Mit Parteien wie den „PlanetBlauen“ (WasserPartei Deutschland) oder den „Violetten“ (Partei für spirituelle Politik) – zwei weitere Exoten auf der 63er-Liste des Bundeswahlleiters – müsste man sich eben gegebenenfalls auf eine entsprechende Bestuhlung einigen.

Und dann? Würden Sie wirklich gerne Ihr idyllisches Heim im Spessart gegen ein hektisches Leben in Berlin-Mitte eintauschen? Wollen Sie sich das wirklich antun? Von Ihrem hellgrünen Abgeordnetensessel aus versuchen, gegen Klimawandel, Massentierhaltung und Fluchtursachen wie Landgrabbing in Afrika zu kämpfen? Oder würden Sie erst die kleinen Dinge angehen? Zum Beispiel die Bundestagskantine vegetarisieren? Nebenbei bemerkt: Die Currywurst dort ist hervorragend und äußerst beliebt. Vielleicht wollen Sie aber auch gar nicht in den Bundestag. Vielleicht wollen Sie mit Ihrer Partei und Kandidatur auch einfach nur ein Thema auf die politische Agenda heben, das Ihnen am Herzen liegt.

Das hielte ich für völlig legitim. Zum Glück sind wir eine Demokratie, in der Platz für Positionen und Parteien wie die Ihre ist. Und für andere: Für die TPD (Transhumane Partei Deutschland) zum Beispiel oder „Die Urbane – eine Hiphop Partei“, kurz „du.“. Oder die FHPG (Freie Heiden Partei Germany) oder die MG (Magdeburger Gartenpartei) oder die b* (bergpartei, die überpartei) oder die Intakt (Interaktive Demokraten). Alles Parteien, die am 24. September gewählt werden wollen. Anfang Juli entscheidet der Wahlleiter endgültig über deren Teilnahme an der Bundestagswahl – und letztendlich der Wähler an der Urne darüber, ob ihm Vegetarismus so wichtig ist wie Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

 

Benjamin Stahl, Redakteur

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