Eichstätt-Ingolstadt

Gastbeitrag: Vertrauen in den Journalismus nimmt zu

Klaus Meier
Foto: KU/Constantin Schulte Strathaus | Klaus Meier

Gastbeitrag (Meinung)

Im Interview mit dem „Donaukurier“ hat Horst Seehofer behauptet, es gebe „immer mehr Falschmeldungen“. Und: „Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert, von Medien wie von Politikern.“ Mit dieser Behauptung reiht sich Horst Seehofer ein zu Donald Trump, AfD, Pegida – und eine Reihe von Regierungen und Politikern in Europa, die mit „alternativen Fakten“ Propaganda betreiben und gegen Journalisten hetzen.

Was der deutsche Innenminister sagt, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Journalismusforschung belegt genau das Gegenteil: Journalismus geht immer besser gegen Falschmeldungen vor – und gerade in anderen Ländern werden Fake News zum Zweck politischer Propaganda produziert und verbreitet.

Bei der Bundestagswahl zum Beispiel spielten Falschmeldungen hierzulande eine wesentlich geringere Rolle als bei Wahlen und Abstimmungen in anderen Ländern. Das ist größtenteils einem gut funktionierenden Journalismus und einem der besten Mediensysteme der Welt zu verdanken.

Der Journalismus in Deutschland hat auf die Vorwürfe und Angriffe der vergangenen Jahre reagiert und bemüht sich mehr um Faktenchecks. Es gibt neue Faktencheck-Abteilungen, zum Beispiel bei der Tagesschau oder beim Bayerischen Rundfunk. Seit etwa zehn Jahren werden in vielen Redaktionen immer mehr Rechercheteams und -initiativen gegründet. Vorbilder sind zum Beispiel die Kooperation von „Süddeutscher Zeitung“ mit NDR und WDR, die BR-Recherche oder die stiftungsfinanzierte Redaktion Correctiv. Diesen Vorbildern folgen viele Redaktionen auch im Regionalen und Lokalen. Die Journalisten sind sich ihrer Aufgabe und Verantwortung in der Gesellschaft stärker bewusst als früher.

Und das Publikum merkt das auch: Studien zeigen, dass das Vertrauen in den Journalismus bei einem großen Teil der Bevölkerung zunimmt. Wie sehr kann man bei wirklich wichtigen Dingen den Medien vertrauen, fragt eine Langzeitstudie der Universität Mainz. Man kann „eher“ oder „voll und ganz“ vertrauen, sagen 2017 42 Prozent. 2008 waren es noch 29 Prozent, 2015 nur 28 Prozent. Die Bevölkerung in Deutschland ist sich dabei bewusst, dass Redaktionen auch Fehler machen – zumal in einem schnellen Tages- und sogar Minutengeschäft. Eine gute Bildung vermittelt auch eine gesunde Skepsis; davon lebt die Demokratie. Der Journalismus hat auch daraus gelernt: Es gibt inzwischen eine Vielzahl von redaktionellen Initiativen, bei denen Journalisten das Publikum ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren, erklären, wie Journalismus arbeitet, und Fehler korrigieren. Diese Transparenz darf noch weiter zunehmen, aber die Medien sind auf gutem Wege. Der Trend ist eindeutig.

Horst Seehofer befeuert das Misstrauen und die Ängste von etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland, die der Propaganda der Rechten aufsitzen und denken, sie würden permanent manipuliert. Das ist für eine informierte und diskursive Öffentlichkeit nicht hilfreich, ohne die die Demokratie nicht atmen kann.

Im Übrigen tragen auch die Wortwahl von Politikern, die von ihnen verbreiteten Halbwahrheiten und Zahlenspiele – vor allem bei Auftritten im Fernsehen – nicht zu einer informierten Öffentlichkeit bei, sondern eher zur Verbreitung von Ängsten, Vorurteilen und Verunsicherung. Wenn Markus Söder immer wieder von „Asyltourismus“ oder „Asylgehalt“ spricht, werden die pauschalisierenden Erzählungen der Rechten in die Mitte der Gesellschaft geholt.

Wenn das deutsche Innenministerium wie in der vergangenen Woche die Kriterien für die Statistik ändert, um die eigentlich stärker abnehmende Zahl der Asylsuchenden nach oben schrauben zu können, ist das eine bewusste Munition, um Horst Seehofers „Masterplan“ gegenüber der Bundeskanzlerin zu stärken.

Das Gefühl der Menschen dafür, was richtig und was falsch ist, wird von dieser Politik arg auf die Probe gestellt. Umso wichtiger ist es, dass ein kritisch-recherchierender Journalismus Politik kontrolliert, Fakten checkt – und dabei seine Arbeitsweise transparent offenlegt.

Zur Person

Klaus Meier, 49, ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zuvor war der gelernte Zeitungsredakteur Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Dortmund. Er ist Träger des Ars-legendi-Preises für exzellente Hochschullehre 2017.
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