Würzburg

Gedanken zum Fest: Glauben ist keine mathematische Rechnung

Als Klinikseelsorger hat Gottfried Amendt Tod und Leid oft hautnah erfahren. Was ihm dennoch Kraft und Vertrauen verleiht, schreibt er in seinem Weihnachtsbrief.
Der frühere Seelsorger und Klinikpfarrer Monsignore Gottfried Amendt. 
Foto: Silvia Gralla | Der frühere Seelsorger und Klinikpfarrer Monsignore Gottfried Amendt. 

Coronabedingt war 2020 ganz sicher ein Jahr, wie es die Menschheit so noch nicht erlebt hat. Das Virus hat unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Sogar Weihnachten, das Geburtsfest Jesu, kann dieses Jahr nicht so gefeiert werden wie früher.

Meinen Geburtstag sehe ich in engem Zusammenhang mit dem jährlichen Weihnachtsfest. Mein ganz persönlicher weihnachtlicher Gedenktag ist der 7. Oktober, an dem ich 1945 in einem kleinen Spessartdorf das Licht dieser Welt erblickt habe – wie es so schön heißt. Keine einfache Zeit damals, auch noch viele Jahre nach dem Krieg.

Und in jedem Jahr haben wir das Weihnachtsfest gefeiert. Für uns war es ein Trost in einer schweren Zeit. Gott sei Dank ist der Zweite Weltkrieg mit zig Millionen Menschen auf der Flucht und Toten lange vorbei. Damals herrschten Leid und Trauer überall. Unter den Toten war auch mein Vater. 

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Seitdem leben wir – zumindest in der westlichen Welt – größtenteils in Frieden; wobei es natürlich immer wieder Unglücke und Katastrophen jeglicher Art gibt – im Großen wie im Kleinen.

Aufstände, Kriege und Not herrschten in Palästina, als der Prophet Jesaja bereits Jahrhunderte vorher Jesu Geburt angekündigt hat: "Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt… Man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens." Ist diese universale Heilsankündigung nur eine schöne Illusion, ein Märchen aus "1000 und einer Nacht"?

Glauben: Die Kernfrage des Lebens

Nein, dass dieses Kind, Jesus, geboren worden ist, für uns gelebt hat und als Erwachsener getötet worden ist, wird sogar in außerbiblischen Quellen festgehalten, zum Beispiel von römischen Geschichtsschreibern.

Auf einer meiner Israel-Reisen hatten wir einen jüdischen Führer, der an den biblischen Stätten zu der Geschichte Jesu öfter seinen Spruch wiederholt hat: "Das kannst du glauben oder auch nicht." Dies ist für mich die Kernfrage des Lebens.

Salopp heißt es manchmal: "Glauben heißt nichts wissen." Doch etwas zu glauben ist etwas anderes als etwas zu wissen. Glauben ist nicht das Ergebnis einer mathematischen Rechnung wie 1 + 1 = 2. Glauben hat eine andere Qualität. Glauben heißt Vertrauen. Mir persönlich ist eine Aussage des Liedermachers Wolf Biermann in einem seiner Lieder sehr sympathisch. Fragend erhofft er: "Das kann nicht alles gewesen sein, das bisschen Fußball und Führerschein, das war nun das donnernde Leben?"

Zweifel und Fragen sind berechtigt und erlaubt

Nein, das kann nicht alles gewesen sein. Wenn ich mein eigenes Leben von inzwischen 75 Jahren Revue passieren lasse, so kann ich nur DANKBAR sein. Da kann ich nur festhalten: Ein ANDERER, GRÖSSERER muss seine Hand im Spiel haben. Einer, der dafür sorgt, dass ich erstens überhaupt da bin, und zweitens noch da bin.

Ganz sicher sind Zweifel und Fragen berechtigt und erlaubt. Und auch ich habe sie immer wieder: Warum bin ich überhaupt (noch) da? Warum geht es mir so gut im Vergleich zu Millionen Menschen auf der Welt? Warum gibt es Krieg, Naturkatastrophen, Hunger und Elend? Warum müssen Kinder verhungern? Warum muss es eine Pandemie geben, die das Leben der Menschen auf der ganzen Welt bedroht und tötet?

Als langjähriger Klinikseelsorger musste ich Krankheit und Tod immer wieder hautnah erleben, da kommen einem schon Fragen und Zweifel. Davor kann man sich nicht schützen.

Glauben heißt Vertrauen

Glauben heißt für mich Vertrauen – wie schon erwähnt. Ich kann Jesu Geburt, sein Leiden und Sterben und noch weniger seine Auferstehung beweisen. Ich kann es jedoch glauben und darauf vertrauen. Wenn ich das Leben Jesu betrachte, seine Geburt, seinen Tod und seine Auferstehung, wie es von den Evangelisten und von vielen Menschen überliefert ist, gibt er mir mit seiner Botschaft Halt und Zuversicht.

Ich zitiere nochmals den Propheten Jesaja mit dem Versprechen von Jahwe, dem Gott Israels: "Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, mein bist du." Jahwe ist aus dem Hebräischen zu übersetzen mit: Ich bin für Dich da. Diese Zusage Gottes begleitet mich schon seit meiner Priesterweihe und gibt mir immer wieder Trost und Sicherheit: Gott hat mich bei meinem Namen gerufen und ich bin sein. Freilich ist nicht ein Tag wie der andere. Und es bleiben immer die Fragen nach dem Leben, dem Leiden und dem Tod.

Außer der Bibel und dem Leben Jesu geben mir viele Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart Hilfe und Kraft, Menschen, die aus dem Glauben an Jesus, an seine Geburt und Auferstehung gelebt haben. Sie haben Weihnachten, die Geburt Jesu, immer von Ostern, der Auferstehung Jesu, her verstanden.

Das gute Beispiel Dietrich Bonhoeffer

Ein sehr glaubhafter Zeuge ist für mich Dietrich Bonhoeffer, der mit 38 Jahren für seinen Glauben sterben musste und uns den zuversichtlichen Glaubenssatz geschenkt hat:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Mir sind bisher in meinem Leben viele Menschen begegnet, die mir Trost und Sicherheit gegeben haben, Glaubenszeugnisse ganz einfacher Art. Dazu gehört ein langjähriger spiritueller Begleiter, der mir seine Prioritätenliste für sein Leben mit auf den Weg gegeben hat: Genügend Schlaf, genügend Bewegung, Meditation, Gemeinschaft und Arbeit. Dies ist im Alltag nicht immer einfach durchführbar, aber kann eine wertvolle Anregung sein.

So werde ich auch in diesem Jahr wieder Weihnachten feiern – Gott sei Dank – trotz Corona-Pandemie, trotz mehrfacher Einschränkungen, auch im Bewusstsein, dass Covid-19 mich persönlich treffen kann, wie momentan einen meiner besten Freunde. Ich bin zuversichtlich, dass Gott für uns da ist. Dass er uns hält und trägt, ganz gleich, was kommen mag.

Diese Zuversicht wünsche ich auch Ihnen von ganzem Herzen, nicht nur zum Weihnachtsfest.

Gottfried Amendt (75) wurde in Leidersbach (Landkreis Miltenberg) geboren und 1974 zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit von 1977 bis 1990 war Amendt Rektor des Matthias-Ehrenfried-Hauses, einer kirchlichen Bildungseinrichtung im Stadtdekanat Würzburg. Danach wirkte er bis 2011 als Krankenhauspfarrer des Universitätsklinikums Würzburg und anschließend bis November dieses Jahres an der Missionsärztlichen Klinik Würzburg. 2013 erhielt Monsignore Gottfried Amendt das Bundesverdienstkreuz.

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