AUGSBURG

Interview mit Sina Trinkwalder: "Ich bin wie der FC Bayern"

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder hat in drei Jahren 140 Arbeitsplätze geschaffen: 140 Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Handicap haben bei ihr Arbeit gefunden.
Unternehmerin mit sozialer Ader: Sina Trinkwalder beschäftigt in ihrem Betrieb Menschen, die der Arbeitsmarkt aussortiert hatte.
Foto: Stefan Puchner | Unternehmerin mit sozialer Ader: Sina Trinkwalder beschäftigt in ihrem Betrieb Menschen, die der Arbeitsmarkt aussortiert hatte.

Seit Sina Trinkwalder vor drei Jahren in Augsburg ihre Firma „manomama“ gründete, läuft das Geschäft: 140 Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Handicap haben bei ihr Arbeit gefunden. Im Fernsehen diskutierte sie mit Maybrit Illner über soziales Unternehmertum, klärte Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig über die Nachhaltigkeit von Hanfhosen auf, in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nahm sie zu biologischer Kleidung Stellung, nun hat sie auch noch ein Buch herausgegeben. Wir sprachen mit Sina Trinkwalder über ihr Konzept, über Ideale, Enttäuschungen, Ziele und über ehrenamtliches Engagement.

Frage: Frau Trinkwalder, das „Handelsblatt“ schreibt über Ihr Buch „Wunder muss man selber machen“, es sei kein „intellektuelles Wirtschaftsbuch“.

Sina Trinkwalder: Ja! Das ist doch gut, oder? Als ich das gelesen habe, bin ich hier mit dem Glas Sekt durch.

Wieso das denn?

Trinkwalder: Ich will mit allem, was ich mache, die breite Masse mobilisieren und nicht die fünf Prozent, die ohnehin bewusst kaufen, um in erster Linie ihr Gewissen zu beruhigen. Ich meine diese Label-treuen Gutmenschen. Die bewirken keinen gesellschaftlichen Wandel.

Und Sie bewirken ihn?

Trinkwalder: Ich wirke mit. Viele Konsumenten habe ich schon von unseren ökologisch erzeugten Produkten überzeugt. Und auch Partner in Firmen wie dm und Real . . .

. . . für die „manomama“ Einkaufstaschen aus ökologisch produziertem Stoff fertigt.

Trinkwalder: Im Moment gehen hier 15 000 bis 20 000 raus pro Tag. Und ich bereite weitere Kooperationen vor. Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe: Arbeit heranzuschaffen für die Ladys, die ich eingestellt habe. Denn was meine Mitarbeiter das ganze Leben über nicht hatten, ist Sicherheit. Die verspreche ich.

Und wenn die Aufträge ausgehen?

Trinkwalder: Dann machen wir was anderes. Dann hauen wir die Nähmaschinen raus und produzieren Autos. Wenn man will, kann man alles schaffen. Das sehe ich an mir: Ich habe mir als Autodidaktin alles selbst beigebracht. Auch das Nähen.

Ahnten Sie, was Sie lostreten, als Sie „manomama“ gründeten?

Trinkwalder: Das kann man nicht ahnen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich am Anfang ganz schön naiv an die Sache ging. Ich dachte, da kaufst du dir zwei Maschinen, stellst zwei Mitarbeiter ein, nimmst einen Burda-Schnitt und los geht’s. Aber industrielle Textilfertigung ist etwas anderes als das, was die Dawanda-Generation macht. (Anm d.Red.: Internet-Plattform für Menschen, die dort selbst gefertigte Produkte verkaufen.) Ich habe mich davon verabschiedet, T-Shirts in homöopathischen Dosen zu fertigen. Da müsste ich für eines 30 Euro verlangen – viel zu teuer für die breite Masse. Nur mit großen Stückzahlen erreiche ich mein Ziel: vielen Arbeit zu ermöglichen. Heute sind wir fast 140 Leute.

Was nicht einfach war, oder? Sie bekamen keine Förderung, die Suche nach Räumen für Ihre Manufaktur war auch recht schwierig.

Trinkwalder: Ja. Wenn ich mich je vergrößern werde, werde ich deshalb auch rausgehen aus Augsburg. Textil ist hier viele Jahre lang nur mit wenigen Namen in Verbindung gebracht worden. Jetzt haben wir Textil 2.0, das ist etwas anderes. Damit kommen viele nicht klar. Ich musste um Termine in der Stadtverwaltung betteln, bei den Banken bekam ich keinen Kredit. Heute weiß ich, dass es der härtere, aber der bessere Weg war. Ich bin niemandem etwas schuldig und habe keine Schulden. Ich kann frei agieren.

Trotz des rasanten Aufstiegs spürt „manomama“ also auch Gegenwind?

Trinkwalder: Klar, aber das ist o.k. Mein Mann sagt immer, ich sei wie der FC Bayern: 50 Prozent hassen mich, 50 Prozent lieben mich. Diese zweiten 50 Prozent reichen mir.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass immer wieder Dinge schiefliefen. Kam nie der Moment, in dem Sie alles hinwerfen wollten?

Trinkwalder: Solche Momente gibt es immer wieder. Der letzte heftige erst diesen Juli. Ich hatte einem Menschen Vertrauen geschenkt, der das ausgenutzt hat. Aber inzwischen habe ich gelernt, dass man nicht immer nett sein muss. Man muss auch mal einem Mitarbeiter kündigen, wenn er der Gemeinschaft schadet.

Welche neuen Projekte stehen an?

Trinkwalder: Im November ist der neue Online-Shop für unsere Mode-Kollektion an den Start gegangen. Außerdem nimmt Real eine Jeans ins Sortiment, die „manomama“ entwickelt hat. Zum ersten Mal wird es dann ein Produkt mit transparentem Etikett geben. Der Kunde kann sehen, welchen Anteil wer in der Wertschöpfungskette bekommt. Das ist meine Art, Politik zu machen. Für mich ist wichtig, dass das Geld in der Kette bleibt. Bei „manomama“ bekommt vom Weber bis zum Näher jeder, was er braucht.

Auch die Chefin?

Trinkwalder: Auch die. Aber mich reizt Materielles nicht mehr, seit es „manomama“ gibt. Der Spaß an vermeintlich schönen Dingen ist weg, seit ich die Lebensgeschichten meiner Ladys kenne. Die wirklich schönen Dinge im Leben sind die Menschen.

Was halten Sie von ehrenamtlichem Engagement?

Trinkwalder: Es braucht diese Menschen, die sich um Aufgaben kümmern, die diese Gesellschaft nicht leistet. Aber eigentlich bin ich kein Freund des Ehrenamts. Jede Aufgabe in unserer Gesellschaft sollte monetär entlohnt werden, dann hätten wir viel weniger Arbeitslose.



Sina Trinkwalder und ihr Unternehmen „manomama“

Sina Trinkwalder gründete „manomama“ im April 2010. Das Unternehmen produziert ökologische Bekleidung und Accessoires. Beschäftigt sind Männer und Frauen, die auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt keine oder kaum Chancen haben: Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende. Derzeit hat die Firma 140 Mitarbeiter und drei Auszubildende.

Die Firmengründerin ist 35 Jahre alt. Ein BWL-Studium brach Sina Trinkwalder ab. Nach dem Abitur in Augsburg gründete sie mit ihrem Mann Stefan eine Werbeagentur, dann „manomama“.

Produziert wird derzeit auf einer Fläche von 4500 Quadratmetern im Zentrum von Augsburg.

Für ihr Engagement hat Trinkwalder u. a. einen Sonderpreis des Rats für Nachhaltige Entwicklung bekommen. Ausgezeichnet wurde sie auch im Rahmen des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen“.

Am 6. Januar startet im Fernsehsender RTL Trinkwalders Show „Made in Germany“. Einen Monat lang wird ab 21.15 Uhr die Idee von „manomama“ vorgestellt, auch eine Lehrwerkstatt wird begleitet.

Das Buch „Wunder muss man selber machen“ ist im Droemer-Verlag erschienen. Es kostet 16,99 Euro.

Engagierte Bürger werden von der Mediengruppe Main-Post und dem Lernwerk Volkersberg seit elf Jahren mit der Aktion „Zeichen setzen“ gewürdigt. Vier Förderpreise sind 2013 im Rahmen der Aktion ausgeschrieben. Die Preise werden bei einem Ehrenabend im Dezember übergeben. Ehrengast ist dieses Jahr die Augsburger Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder. TEXT: nip

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