Kommentar: Sanftere Medizin statt Spahns Radikalkur

Mit dem Votum zur Organspende wird entschieden, ob der Staat in die persönlichste Sphäre der Bürger eingreift.
Organspendeausweis       -  In Deutschland gibt es zu wenige Spenderorgane für Schwerkranke. Jens Spahn möchte das ändern.
Foto: Marie Reichenbach, dpa | In Deutschland gibt es zu wenige Spenderorgane für Schwerkranke. Jens Spahn möchte das ändern.

In der Medizin bietet die sanftere Therapie manchmal höhere Heilungschancen als die Radikalkur. Das könnte auch für den Eingriff gelten, den der Bundestag an diesem Donnerstag vornimmt – ein Eingriff in die persönlichste Sphäre der Bürger. Es geht um Fragen von Leben und Tod. In Deutschland gibt es zu wenig Organspenden, viele Schwerkranke sterben, weil sie nicht rechtzeitig eine neue Niere, Leber, Bauchspeicheldrüse oder ein Herz bekommen.

Ein Zustand, der unerträglich ist. Doch wie das krankende System der Organspenden kuriert werden soll, ist umstritten. Quer durch die Bevölkerung und durch das Parlament geht ein Riss: Sollen wirklich alle Bürger, die nicht ausdrücklich widersprechen, automatisch zur Organspendern werden? So plant es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU. Vielen Abgeordneten geht das zu weit. Denn damit würde das Prinzip verletzt, dass wichtige Entscheidungen in Form einer bewussten, informierten Zustimmung erfolgen sollen. Für die Volksvertreter ist die Neuregelung des Transplantationsgesetzes eine Gewissensentscheidung, die sie ohne Fraktionszwänge treffen sollen.

Mehrheit bekennt sich grundsätzlich zur Organspende

Zur Wahl bei der Operation Organspende stehen, neben einem in der Tendenz eher organspendeskeptischen und wohl chancenlosen AfD-Antrag eine radikale und eine sanftere Variante. Der weitreichendere Vorschlag von Spahn würde das bestehende System komplett auf den Kopf stellen. Bisher muss die Bereitschaft zur Organspende auf einem Spenderausweis dokumentiert sein. Obwohl sich eine Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich zur Organspende bekennt, haben in der Praxis weniger als 40 Prozent ein solches Dokument.

Spahn will diesen Zustand beenden – mit der „doppelten Widerspruchslösung“. Jeder Bürger ab 16 Jahren würde zum potenziellen Spender – es sei denn, er dokumentiert seine Ablehnung. An Spahns Seite kämpft SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für die Widerspruchslösung, für die sich auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ausspricht. Und offenbar alle Mitglieder ihres Kabinetts, mit Ausnahme von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD).

Liste der Gegner ist eindrucksvoll

Auch die Liste der Gegner des Spahn-Plans ist eindrucksvoll. Darauf finden sich Annalena Baerbock und Katja Kipping, die Chefinnen von Grünen und Linken, der Arzt und CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger sowie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner. Sie glauben, dass ein Schweigen gerade in einer so existenziellen Frage nicht mit Zustimmung gleichgesetzt werden darf. Bedenken haben auch die beiden großen Kirchen und der Deutsche Ethikrat. Die Einwände sind berechtigt. Würde jeder, der das nicht ausdrücklich ausschließt, bei einem nicht mehr behebbaren Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen zum Spender, wäre das so etwas wie eine Organabgabepflicht.

Unbestritten ist, dass jedem Bürger zugemutet werden darf, sich mit der Frage, wie er es mit der Organspende hält, auseinanderzusetzen. So wie sich ja auch Bundestagsabgeordnete bei einer Abstimmung enthalten können, sollte es in einer derart heiklen Frage für die Bürger das Recht geben, sich gar nicht zu entscheiden. Natürlich muss noch mehr geschehen, um die Organspendezahlen zu erhöhen. Mehr Zwang aber könnte eher noch zu einem Anwachsen der Vorbehalte führen – die viele Menschen nicht zuletzt durch Skandale in der Vergangenheit hegen. Beide Anträge fordern ein zentrales Register für Organspender. Fragt sich nur, welcher Weg für mehr positive Einträge sorgt: Spahns Radikallösung oder ein Mechanismus, in dem die Menschen nachdrücklicher als bisher gefragt würden, ob sie Spender sein wollen. Gute, nachhaltige Aufklärung vorausgesetzt, könnte diese sanftere Medizin am Ende die wirksamere sein.

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