Würzburg

Kommentar: Warum denken "Querdenker" nicht auch mal nach?

Zynische NS-Vergleiche gehören längst zum Standardrepertoire der Corona-Leugner. Da fehlt es nicht nur am Geschichtsbewusstsein, sondern auch an Respekt und Wertschätzung.
Die Stimmung wird gereizter, die Vergleiche sind unerträglich. Demonstranten gegen die Corona-Einschränkungen, wie hier in Berlin, zeigen keinerlei Respekt vor den NS-Opfern. 
Foto: Fabian Sommer, dpa | Die Stimmung wird gereizter, die Vergleiche sind unerträglich. Demonstranten gegen die Corona-Einschränkungen, wie hier in Berlin, zeigen keinerlei Respekt vor den NS-Opfern. 

Die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen werden radikaler und hysterischer. Längst gehören Nazi-Vergleiche zum Standardrepertoire. Das Infektionsschutzgesetz wird als Ermächtigungsgesetz gebrandmarkt, Demonstranten schwingen an Zynismus nicht zu überbietende Transparente mit "Impfen macht frei"-Aufschrift und sprechen von einer Corona-Diktatur. Sie nennen sich "Querdenker" - und schaffen es noch nicht einmal nachzudenken. 

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Die Vergleiche sind so dumm, geschichtsvergessen und zynisch, dass man ihnen eigentlich gar keine Aufmerksamkeit schenken sollte, aber sie sind auch gefährlich. Jüngster Höhepunkt war die 22-jährige Jana aus Kassel, die sich mit Sophie Scholl verglich, nachdem sie erstmalig in ihrem Leben eine Demonstration angemeldet hatte. Die Demonstration in Hannover wurde genehmigt und die 22-Jährige von der Polizei geschützt, als ein Mann ihren absurden Vergleich nicht länger ertragen wollte.        

Sophie Scholl bezahlte ihren Kampf mit dem Leben

Sophie Scholl wurde 1943 mit 21 Jahren von den Nationalsozialisten enthauptet. Sie hatte gegen ein korruptes, menschenverachtendes System gekämpft, in dessen Namen millionenfach gemordet wurde. Und sie bezahlte diesen Kampf mit ihrem Leben. Wenn heute eine 22-jährige Frau sich einen Vergleich mit der Widerstandskämpferin anmaßt, relativiert sie den Holocaust und die Verbrechen der Nazis.  Wer unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat schützen will, darf solche Relativierung nicht durchgehen lassen.  

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Zuletzt gab eine Elfjährige aus Pforzheim an, sich "wie bei Anne Frank im Hinterhaus" zu fühlen, weil sie bei ihrer Geburtstagsfeier "mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden". Bei diesem Mädchen darf man annehmen, dass wohl die Eltern ihr diesen Quatsch aufgeschrieben haben. Man möchte ihnen zurufen: Ihre Tochter wird wohl noch viele Geburtstage auch ohne Pandemie feiern können! Anne Frank hingegen wurde mit 15 Jahren von den Nazis ermordet, vor denen sie sich im Hinterhaus hatte verstecken müssen.  

Minderjährige zu benutzen, um sich mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu vergleichen, ist besonders perfide und erbärmlich. Woher sollen Kinder solcher Eltern Geschichtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl lernen?

Für wen wir unsere Freiheit einschränken müssen

Warum konnte die Elfjährige ihren Geburtstag nicht ungezwungen wie sonst feiern? Wozu dienen denn die Maßnahmen, gegen die die 22-jährige Jana demonstriert? 

Würden Sophie Scholl und Anne Frank heute noch leben, sie wären 99 und 92 Jahre alt. Damit gehörten sie zu den besonders gefährdeten Corona-Risikogruppen.  Um sie alle  und auch schon deutlich Jüngere zu schützen, müssen wir alle ein Stück unserer bisherigen Freiheit vorübergehend einschränken. Maske tragen und Abstand halten - schöner wäre es, das ginge freiwillig. Aber gerade die Demonstrationen der selbst ernannten Querdenker belegen jedes Wochenende, dass eine Minderheit in diesem Land nicht nur sich selbst gefährdet, sondern in Kauf nimmt, das Virus über Eltern und Großeltern auch in die besonders gefährdeten Bevölkerungsschichten zu tragen.  

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Ich bin froh, in einer Gesellschaft zu leben, die auch die ältesten und schwer erkrankte Mitmenschen genauso wertschätzt und achtet, wie die jungen und gesunden. Und ich bin auch froh, in einem Land zu leben, in dem Menschen, die die Pandemie-Maßnahmen ablehnen, das offen und frei sagen dürfen, ohne Repressalien befürchten zu müssen.

Aber wie verquer muss man eigentlich denken, um unsere Demokratie mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte gleichzusetzen und sich selbst dabei als Opfer zu sehen, das man nicht ist?  Die wahren Opfer dieser Pandemie liegen auf den immer voller werdenden Intensivstationen und kämpfen um ihr Leben.

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