Würzburg

Kommentar zum Jugendwort: Warum wir alle ziemlich lost sind

Was sagt uns das Jugendwort des Jahres über die Jugend von heute? Nichts, was nicht auch für jede andere Generation gelten könnte. Oder ist da doch noch mehr?
Fast 100 000 Jugendliche haben per Online-Voting entschieden: 'Lost' ist das Jugendwort des Jahres 2020.
Foto: Sebastian Gollnow, dpa | Fast 100 000 Jugendliche haben per Online-Voting entschieden: "Lost" ist das Jugendwort des Jahres 2020.

Das Blöde am Jugendwort des Jahres ist, dass man es nicht verwenden kann. Jedenfalls nicht, wenn man älter ist als 20. Das käme einfach nur anbiedernd rüber. Irgendwie gammelfleischmäßig. Dabei könnte das Jugendwort dieses Corona-Jahres 2020 passender nicht sein: Es lautet "lost", wörtlich übersetzt: "verloren". Das ist selbsterklärend im Gegensatz zu manch früherem Jugendwort, man denke nur an "Swag", "Smombie", oder "fly sein".

"In der Jugendsprache ist damit jemand gemeint, der ahnungslos, unsicher oder unentschlossen ist", teilt der Verlag Langenscheidt mit, der die Wahl seit 2008 ausrichtet und praktischerweise auch gleich das Buch "100 % Jugendsprache" herausgibt. 

Ebenso vorhersehbar wie das Rätseln der Alten über die Bedeutung mancher Jugendwörter war in den letzten Jahren der Aufschrei der Jungen, die meinten, die gekürten Wörter seien längst schon wieder out und außerdem überhaupt nicht so gebräuchlich wie behauptet. Deshalb ist 2019 kein Jugendwort benannt worden – der Aufschrei darüber hielt sich bekanntlich in Grenzen.

Auf die Top-Ten-Liste hat es auch das Wort "Mittwoch" geschafft

Deshalb auch ist das Ergebnis diesmal nicht mit Hilfe einer Jury zustande gekommen, sondern per Online-Voting. Aufgerufen waren die Jugendlichen selbst, fast 100.000 hätten sich beteiligt, so die Mitteilung weiter. Ziemlich gediegen, könnte man sagen. Herausgekommen ist eine Liste mit zehn Top-Wörtern, unter ihnen das wunderschöne "Schabernack" und das rätselhafte "Mittwoch". 

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"Mittwoch" gehörte schon im Vorfeld zu den Favoriten. Zu erklären, warum, würde den Rahmen sprengen. Sofern sich das überhaupt erklären lässt. Es hat etwas mit massenhaft im Netz verbreiteten Bildern von Fröschen und Kröten zu tun und dem Satz "Es ist Mittwoch, meine Kerle". Die Community jedenfalls hat seit Jahren ihre Freude daran und hält sich nicht weiter mit Deutungen auf: "Der Mittwochsfrosch ist komplett absurd", heißt es irgendwo.

Kulturpessimisten seien an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es um die Englischkenntnisse der Jugend möglicherweise nicht ganz so schlecht bestellt ist: Schließlich hat es "Cringe" auf Platz zwei der Top Ten geschafft. Das steht für Fremdschämen und gibt fast schon lautmalerisch wieder, wie sich jemand innerlich krümmt, der einer richtig peinlichen Szene beiwohnen muss.

Der Begriff "Hurensohn" wurde nicht zur Wahl zugelassen

Der Begriff "Hurensohn" wurde übrigens nicht zugelassen. "Wir wissen, dass dieses Wort durchaus auch im jugendlichen Sprachgebrauch und zum Teil auch sarkastisch verwendet wird. Jedoch sehen wir uns in der Verantwortung, die Verbreitung von diskriminierenden Wörtern nicht zu unterstützen", teilt Langenscheidt mit. Als deutlich über 30-Jähriger könnte man nun anmerken, dass die Jury 2008 mit "Gammelfleischparty" (für Ü30-Party) keine Probleme hatte, aber sei's drum...

Sieht man einmal von den verlegerischen Ambitionen bei Langenscheidt ab, so liegt der Reiz des Jugendworts doch darin, dass sich jedes Jahr für ein paar Stunden ein paar Leute an lustigen Wortschöpfungen erfreuen ("rumoxidieren", "napflixen", "tinderjährig") und sich überdies der Illusion hingeben können, einen Einblick zu bekommen, wie die Jugend so tickt.

Nur: Was sagen uns denn die Jugendwörter über die Jugend? Drei Dinge: Sie kann ziemlich geistreich,  ziemlich gemein und ziemlich rätselhaft sein. Nicht anders als jede andere Generation auch. Mehr oder weniger. Man könnte ja mal versuchen, das Wort des Jahres der 50- bis 60-Jährigen zu küren. Doch halt, diese Wahl gibt es ja schon. Sie heißt "Unwort des Jahres". Das Unwort für 2020 wird Mitte Januar gekürt. Unter den Favoriten sind "Beherbergungsverbot", "Corona-Hysterie" oder "Umweltsau". Kein Wunder, dass wir uns derzeit wohl alle ziemlich lost fühlen. 

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