Leitartikel: "Rasse" hat im Grundgesetz nichts zu suchen

Die Grünen fordern eine Änderung des Grundgesetzes. Ein richtiger Schritt zur richtigen Zeit.
Die Grünen fordern, den Begriff der 'Rasse' aus dem Grundgesetz zu streichen.
Foto: Jens Kalaene, dpa | Die Grünen fordern, den Begriff der "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen.

Der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd rückt das Problem des Rassismus in den Fokus, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Denn es wäre bei weitem zu kurz gegriffen, dabei nur auf die amerikanische Polizei zu schauen. Rassismus ist nicht nur ein Phänomen in den USA, und es ist ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Auch hierzulande ist Rassismus tief verwurzelt. Aber: Das Problembewusstsein wächst.

Die Grünen fordern nun, den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu streichen, eine Forderung, welche die Linke bereits 2010 vorgebracht hatte. Dort steht in Artikel 3, Absatz 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Weltanschauung benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Aber warum ist die Forderung, den Begriff zu streichen, von so großer Bedeutung?

Rassismus, gerade im Alltag, hat viele unterschiedliche Ausprägungen. Eine wichtige Facette bildet die Sprache. Denn die Sprache ist und bleibt ein wichtiges Machtinstrument. Heute, da jeder über Soziale Medien selbst zum Sprachrohr werden kann, ist sie mächtiger denn je. Und hier zeigt sich auch das Problem: Wenn rassistisches Sprache gebraucht wird, ist dies laut Wissenschaftlern ein Ausdruck des Beharrens auf den bestehenden Machtverhältnissen, ein Ausdruck verbaler Gewalt.

Diese verbale Gewalt wird bei weitem nicht nur in der Verwendung des N-Worts ausgeübt. Sie zeigt sich auch im Deutschen in vielen Redewendungen, wie „schwarz arbeiten“ oder „eine weiße Weste haben“. Sie zeigt sich immer wieder in dem Satz: „Wo kommen Sie wirklich her?“ Und sie zeigt sich in alltäglichen Situationen: wenn Bäckereien sich weigern, von „Schokoküssen“ zu sprechen, oder wenn das „Zigeunerschnitzel“ auf der Speisekarte stehen bleibt. Verbale Gewalt zeigt sich auch, und zwar sehr deutlich, im Begriff „Rasse“.

Es gibt keine menschlichen Rassen

Den Begriff „Rasse“ auf den Menschen anzuwenden, ist schlicht nicht richtig. Es gibt keine menschlichen Rassen. Hier wird eine Kategorie, die aus dem Tier- und Pflanzenreich stammt und heute in der Biologie vermieden wird, fälschlicherweise auf den Menschen übertragen. Wer den Begriff verwendet, schafft künstlich ein Konzept, um die Versklavung oder Unterdrückung von Menschen, bis hin zu Folter und Tod, zu rechtfertigen. Dieses Konzept hat eine lange Tradition. Angefangen von der Antike über die Kolonialzeit bis hin zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Literatur- und Afrika-Wissenschaftlerin Susan Arndt erklärt dazu, dass „Menschenrassen“ erfunden wurden, um aufzuzeigen, dass es auf der einen Seite die "Weißen" gab, und auf der anderen Seite die "'Anderen‘, die ‚nicht-weiß‘ waren und bestenfalls Fast-Menschen“. Die Botschaft, die dahinterstecken sollte ist also die der angeblichen Überlegenheit der „weißen Rasse“.

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten gehen Menschen weltweit gegen Rassismus auf die Straße, wie hier in Würzburg.
Foto: Patty Varasano | Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten gehen Menschen weltweit gegen Rassismus auf die Straße, wie hier in Würzburg.

Ähnlich argumentieren auch die Grünen-Politiker. Der Bundesvorsitzende Robert Habeck und die Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags, Aminata Touré, haben erklärt: „Der Begriff manifestiere eine Unterteilung von Menschen in Kategorien, die Anspruch und Geist des Grundgesetzes widersprächen. Es gibt eben keine 'Rassen'. Es gibt Menschen.“ An dieser Stelle sollte man sagen: Punktum.

Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Sprache

Und ja, auf einen Begriff wie „Rasse“ zu verzichten, ist politisch korrekt. Hier kommt ein weiteres Problem ins Spiel, denn „political correctness“ wird immer wieder, vor allem von Personen aus dem rechten Spektrum, verächtlich gemacht. Das sollte uns nicht davon abhalten, politisch korrekte Sprache zu verwenden, uns immer wieder selbst zu hinterfragen und, falls nötig, auch das Grundgesetz zu ändern.

Was wir dringend brauchen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit unserer eigenen Sprache, ob sie rassistisch ist oder nicht. Es kann nicht sein, dass wir darauf beharren, jederzeit alles sagen zu können - egal, was andere Menschen empfinden. Und die Politik sollte unbedingt ein Vorbild sein. Das Streichen des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz ist ein wichtiger Schritt.

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