Der Leseranwalt: Kritik an einem Zahlenspiel zum Sterben von Rauchern

Da sticht mir (8. Februar 2008, Seite Zeitgeschehen) eine Titelzeile ganz bös in die Nase: Alle sechs Sekunden stirbt ein Raucher“. So zürnt ein Leser. Das mit dem Raucher könne ja sein, schreibt er mir. Dann setzt er selbst das Zahlenspiel fort, um dessen Beliebigkeit zu beweisen: „Wie wäre es mit dem Titel 'Alle 1,2 Sekunden stirbt ein Nichtraucher?' Oder: 'Alle 30 Minuten stirbt ein Rothaariger?' Oder: 'Alle fünf Minuten ein Beamter?'“ Diese Einteilung der Toten lässt sich fortsetzen. Ich verzichte jedoch darauf, zumal einige der Beispiele aus der Leserzuschrift vom Problem ablenken könnten.

Zunächst stört die Überschrift. Sie spitzt zu, weil darin nicht der ganze Sachverhalt Platz findet. Der Kritiker übertreibt natürlich, wenn er sie als einen „ganz großen Schwachsinn“ bezeichnet und als ein „Pseudofaktum“, ersonnen von der WHO (Weltgesundheitsorganisation). Die mag er offensichtlich überhaupt nicht. Denn er bezichtigt sie, seit Jahren einen erbitterten Krieg gegen die Raucher zu führen. Er hält ihn für fanatisch und ideologisch und nur ganz dünn von Fakten gestützt. Also wundert sich der Mann, dass eine anständige Redaktion, die einiges auf ihre intellektuelle Unabhängigkeit hält, kritiklos so etwas in die Titelzeile übernimmt.

Auch ich halte diese Zeile für nicht glücklich, weil sie eine Statistik beliebig auswertet und die Botschaft, die sie verkündet nicht korrekt ist. Aber keine Überschrift ohne Artikel. Der verdeutlicht konkret, dass der Tod von jährlich 5,4 Millionen Menschen eine Folge des Tabak- konsums sei. Mir fehlt allerdings eine Antwort auf die Frage, wie die WHO diese Erkenntnis gewonnen hat. Zweifel an diesen Zahlen kann ich keine anmelden. Dazu weiß auch ich zu wenig.

Journalistisch wäre deshalb stets zu empfehlen, solche Unklarheiten in Beiträgen kenntlich zu machen. Immerhin ist es ein redaktioneller Anspruch, Dinge zu erklären und verständlich zu berichten. So ist manch flüchtigem (Überschriften-) Leser die Beliebigkeit dieser Todesstatistik möglicherweise entgangen.

Selbst wenn ich dem kritischen Leser dankbar für seinen Hinweis bin, lege ich Wert auf zwei Feststellungen: Erstens ist mein Beitrag kein Angriff auf die WHO, und zweitens darf er nicht als Plädoyer für das Rauchen verstanden werden.

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