LESERANWALT

Es geht um die streitbare Form der Wahrheitssuche

Streitgespräch       -  Die streitbare Form der gemeinsamen Wahrheitsfindung. So nennen die Briten John Stuart Mill und Harriet Taylor Mill eine gute Debattenkultur. Und die gehört als solche zu den Säulen einer demokratischen Gesellschaft. Sie funktoniert, wenn Argumente ausgetauscht und nicht diffamiert wird.
Ich bedanke mit für diese symbolische Darstellung bei Annabell Griebl, die Kommunikationsdesign studiert und bei der Main-Post praktiziert.
Foto: Annabell Griebl (Grafik) | Die streitbare Form der gemeinsamen Wahrheitsfindung. So nennen die Briten John Stuart Mill und Harriet Taylor Mill eine gute Debattenkultur. Und die gehört als solche zu den Säulen einer demokratischen Gesellschaft.
Fast sachlich war eine kommunale Entscheidung kürzlich in einem Leserbrief kritisiert, freilich nur fast. Denn da war auch noch Satz zu lesen: „Sie hätten besser das Gehirn zuschalten sollen.“ Gemeint waren damit jene Personen, die anders entschieden hatten.


Gute Debatten haben Regeln

Das sind wir schon beim Stichwort „Debattenkultur“. Gute und weiterführende Debatten zählen zu den Säulen einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Deshalb gibt es Regeln für Debatten, überhaupt für alle Formen von Streitgesprächen. Die gelten folglich nicht nur für Journalisten, sondern für alle, die diskutieren und kommentieren.


Eigene Fehlbarkeit anerkennen

Bemerkenswertes und Grundsätzliches zur Debattenkultur habe ich am 23.1. online in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) entdeckt:

„Man solle die eigene Fehlbarkeit anerkennen, grundsätzlich von der Möglichkeit ausgehen, dass Andersdenkende etwas Relevantes zu sagen haben, bereit sein, eigene Auffassungen im Lichte guter Gründe zu revidieren, und öffentliche Debatten als eine streitbare Form der gemeinsamen Wahrheitssuche begreifen.“

Diese Erkenntnis zu einer guten Kultur öffentlicher Auseinandersetzugen entspringt einem Buch der Briten John Stuart Mill und Harriet Taylor Mill, über das der Karlsruher Philosophieprofessor Michael Schefczyk in der NZZ geschrieben hat.


Zurückhaltung im Ausdruck

So meine ich, dass besonders in Zeiten harter Auseinandersetzungen folgende Worte aus dem NZZ-Beitrag unübersehbar über allen analogen und digitalen Diskussions-Foren stehen sollten:

„Alle, die sich öffentlich zu Wort melden, sollten eine gewisse Zurückhaltung im sprachlichen Ausdruck an den Tag legen. Wer eine Gegenposition abwertet, ohne das Für und Wider überhaupt in Betracht gezogen zu haben, wer überdies Andersdenkende aus keinem anderen Grund diffamiert, als dass es sich um Andersdenkende handelt, trägt offensichtlich nicht zum Gelingen vernünftiger Auseinandersetzung bei.“

Ausdrücklich ist dem hinzugefügt, dass scharfe Kritik an Andersdenkenden zulässig ist, wenn sie sich aus einer Prüfung der Gründe ergibt.
 

Ein Satz, der diskreditiert

Man erkennt, wie unsinnig der eingangs zitierte Satz ist. Danach hätten Andersdenkende besser das Gehirn zuschalten sollen. Am besten, er wäre nie geschrieben worden. Weil das aber der Fall war, hätte ihn die Redaktion vor Veröffentlichung besser gestrichen. Er diskreditiert Verfasser und Andersdenkende gleichermaßen, tut nichts zur Sache und das Schlimmste: Er droht die nachfolgende Diskussion zu vergiften.
 

Übung für Fortgeschrittene

Gute Grundsätze in politischen Diskussionen durchzuhalten, scheine freilich eine Übung für Fortgeschrittene zu sein. Abstrakten Prinzipien zuzustimmen, sei das eine; sie in politischen Auseinandersetzungen tatsächlich zu beherzigen, das andere, schreibt auch Schefczyk.
 

Auftrag an die Medien

Tragweite, so meine ich, bekommt deshalb noch ein verpflichtender Satz aus dem NZZ-Beitrag:
„... von den Leitmedien (zu denen ich diese Zeitung zähle) wird es abhängen, ob es gelingt, das Gut vernünftiger, argumentativer Auseinandersetzung gegen die Mechanismen irrationaler politischer Polarisierung zu verteidigen.“

Anton Sahlender; Leseranwalt
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