WÜRZBURG

Große Aufmachungen, Promis und Konflikte machen noch keine Boulevardzeitung

Sie sind wie die Bildzeitung“ – dieses Urteil ist Höchststrafe für eine Zeitung. Es steht für den Vorwurf der Boulevardisierung, der gerne schon mal gemacht wird, wenn das Wirken eines Bürgermeisters kritisch begleitet worden ist. Dabei geht es in solchen Fällen eher um journalistische Kontrollfunktion.

In Boulevard machen Zeitungen, die sich täglich verkaufen müssen, meist auf der Straße. Dicke Schlagzeilen transportieren weithin lesbar Sensationen. Illustrierter Klatsch, Tratsch und Sex ist verwoben mit dem Leben von Promis aus Film, TV und Königshäusern. Politik, möglichst skandalisiert, fehlt nicht. Konflikte dominieren den Sport. Kriminalität ist ausgeprägt. Oft werden Fakten vernachlässigt, wenn sie unverzichtbare Emotion stören. Das alles gehört zum Mix, der dem Boulevard klischeehaft zugeschrieben wird. Mittlerweile machen Kritiker Boulevardisierung aber auch an der Behandlung Aufsehen erregender Einzelfälle (sexuelle Missbräuche, Affären um Kachelmann, Guttenberg, Wulff oder Schavan) fest.

Die Universität Zürich untersucht die Qualität der Medien in der Schweiz. Sie kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass 2011 Gewaltdelikte gegen Leib und Leben in den Medien im Vergleich zur Polizeistatistik stark überrepräsentiert waren. Besonders im Fokus hätten Tötungsdelikte gestanden, denen ein Sexualverbrechen vorausging.

Solche generellen Untersuchungen fehlen in Deutschland. Es gilt im Einzelfall zu beurteilen, ob sich Berichte an Tatsachen halten, ob sie Für und Wider darstellen und ob sie nichts unbegründet zuspitzen, sprich skandalisieren. Sachkenntnis und Medienkompetenz sind in einer Welt ständig präsenter, schneller und vielseitiger Kommunikationsmittel mehr denn je gefragt. Sie verändert Informationsverhalten und Mediennutzung.

Das geht an Abonnementszeitungen nicht spurlos vorüber. Anstelle fehlender Schnelligkeit tritt mehr Hintergrund in stark präsentierten Themenschwerpunkten. Dazu gehören eindrucksvolle Illustrationen und einprägsame Überschriften. Die haben dieser Zeitung übrigens wertvolle internationale Preise eingebracht – mitunter bei Lesern aber den Vorwurf der Boulevardisierung.

Große Aufmachungen, Promis und Konflikte machen freilich noch keine Boulevardzeitung. Und Boulevard ist nicht grundsätzlich schlecht. Maßstab sind vorwiegend Inhalt und Sprache. Sind die gut, verdienen sie eine starke Verpackung. Abnehmen will und kann ich Ihnen aber nicht, darüber jeweils selbst zu urteilen. Ich meine: Schon Nachdenken verbessert Medienkompetenz.

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