LESERANWALT

Leser vergibt "glatte Sechs"

Kopfzerbrechen       -  Kopfzerbrechen über Grammatik. Hier: Ein transitives Verb.
| Kopfzerbrechen über Grammatik. Hier: Ein transitives Verb.
"Falls der Leseranwalt Sinn und Gespür hat für Stilblüten und die deutsche Sprache, so möge er sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen lassen", der am 2.10. im Sportteil als Überschrift zu lesen war. Das schreibt mir Leser W.E. aus der Rhön. Er meint diese Überschrift

 "Der Riss scheint kaum zu kitten" .

Herr W.E., lässt erkennen, dass ihm korrekter Sprachgebrauch am Herzen liegt. Also fügt er verstimmt, aber einfallsreich hinzu: Verfasst habe die Überschrift „ein Redaktionsmitglied, das sich (...) anmaße, Noten für die Kicker zu verteilen“ (gemeint sind die Kicker der Würzburger Kickers). W.E. weiter: „Meine Note für ihn (den Redakteur), eine glatte 6! Nicht nur heute! Versetzung in die B-Klasse angeraten!“

 

Das Nachdenken und Zweifeln

Vor der „glatten Sechs“ widme ich mich der „Stilblüte“. Es hat länger gedauert, bevor mir der Satz endlich auf der Zunge zergangen war. Einige Personen, die ich befragte, haben langes Nachdenken und Zweifeln mit mir geteilt. Was soll schließlich an dem Vergleich mit einem „Riss“, der kaum mehr zu kitten scheint, falsch sein? Das ist eben ein Vergleich. Hier mit einem gestörten Verhältnis zwischen den Kickers und ihrem Trainer, das schon vor dessen Entlassung. Oder? Immerhin erschließt das auch die Unterzeile der Überschrift (siehe Bild unten).


Nicht schön, aber richtig

Nur wenige Grammatikkundige haben gleich erkannt, woran die Überschrift krankt, darunter bezeichnenderweise eine Frau, die Deutsch erst als Fremdsprache erlernt hat. Den Sinn der Überschrift, den konnten alle sofort zweifelsfrei verstehen. Vielleicht hat es sich ihnen deshalb nicht erschlossen, dass die Überschrift richtig hätte lauten müssen:

„Der Riss scheint kaum zu kitten zu sein“.

Das klingt nicht schön, ist aber richtig. Das (transitive) Verb „kitten“ erfordert hier noch dieses „zu sein“. Fehlt es, sagt der Satz, dass Risse (sich selbst) kitten können. Können sie aber nicht. Folglich war die Überschrift fehlerhaft oder eine „Stilblüte“, selbst dann, wenn die verkürzte Form im Sprachgebrauch häufig auftreten sollte. Kurz und korrekt wäre es auch gewesen, zu schreiben: „Der Riss ist kaum zu kitten“.

 

Antwort von kompetenter Stelle

Das wurde mir so von der Duden-Sprachberatung bestätigt. Die hatte ich angerufen, um allen, die anhaltend gezweifelt haben, mit einer Antwort von kompetenter Stelle zu begegnen. Auch der Rhöner Leser, nach meinem (bei Duden belegten) Fehler-Eingeständnis milder gestimmt, wechselte mit seiner Kritik von der „Stilblüte“ zu einer „missglückten Formulierung“.
Wer ebenfalls die Duden-Sprachberatung, die ich empfehlen kann, in Anspruch nehmen möchte, der klicke hier: Duden-Sprachberatung.
Ja, Sprache wandelt sich. Um darüber den Abstieg in die grammatikalische B-Klasse zu vermeiden, sollte dabei das Gespür für Korrektheit erhalten bleiben. Danke, Herr W.E..
 

Diese Noten sind Meinungsbeiträge

Bleibt noch seine „glatte Sechs“ für den Sportredakteur. Die führe ich auf Gefühle zurück, zu denen sich Herr W.E. bekennt, wenn er symptomatische Beispiele dafür lesen muss, wie unsere Sprache immer mehr vereinfacht wird.
Dass Sportredakteure Spieler und Mannschaften bewerten dürfen und sollen, daran wird auch er kaum zweifeln. Das gilt umso mehr für Profispieler. Noten sind dann journalistische Meinungsbeiträge. Das gilt hoffentlich gleichermaßen für seine „glatte Sechs“.

Sport-Artikel vom 2.10.2017: 'Der Riss scheint nicht zu kitten'       -  Der ganze Artikel, dessen Überschrift grammatikalisch nicht korrekt ist. Dazu die journalistische Benotung der Leistungen von Fußballspielern - gilt als Meinungsbeitrag.
| Der ganze Artikel, dessen Überschrift grammatikalisch nicht korrekt ist. Dazu die journalistische Benotung der Leistungen von Fußballspielern - gilt als Meinungsbeitrag.



Anton Sahlender, Leseranwalt
Siehe auch: www.vdmo.de
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