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Leseranwalt: Warum das Bild von Eriksens Freundin besser nicht gezeigt worden wäre

Millionen Menschen sahen zu, als Christian Eriksen im Stadion zusammenbrach. Der Rettungseinsatz wurde abgeschirmt, aber von der entsetzten Freundin wurden Bilder veröffentlicht. Warum das keine gute Entscheidung war.
Als Ärzte im Stadion von Kopenhagen offenbar um das Leben des dänischen Fußballers Christian Eriksen kämpften, wurde der Rettungseinsatz vor den Blicken der Öffentlichkeit abgeschirmt. Die Privatsphäre des Sportlers wurde geschützt.
Foto: Martin Meissner/AP Pool | Als Ärzte im Stadion von Kopenhagen offenbar um das Leben des dänischen Fußballers Christian Eriksen kämpften, wurde der Rettungseinsatz vor den Blicken der Öffentlichkeit abgeschirmt.

Einige Millionen Menschen erlebten während einer Fußball-Übertragung ein bewegendes Geschehen um den dänischen Fußballer Christian Eriksen mit. Mediziner kämpften auf dem Platz offenbar um sein Leben. Die TV-Bilder blieben zurückhaltend, respektierten den Sichtschutz, den auch das dänische Team seinem auf dem Rasen liegenden Mitspieler und den Medizinern gewährte.

Die Notwendigkeit von Empathie in einer solchen Situation wurde auch in den Publikationen der Mediengruppe Main-Post hervorgehoben. Deshalb machte man es dem Europäischen Fußballverband (UEFA) zum Vorwurf, dass er das unterbrochene Match noch am selben Abend fortsetzen ließ, ohne den Teams die notwendige Zeit zum Nachdenken zu geben.

Ein Moment größten Schmerzes

Aber blieben auch die Journalistinnen und Journalisten selbst immer ausreichend einfühlend? Ein in der Montagsausgabe veröffentlichtes Bild ist es, das mich diese Frage stellen lässt. Im Sportteil wurde am 14. Juni die namentlich genannte Freundin von Christian Eriksens gezeigt, aufgelöst in Tränen, sichtlich in einem Moment größten Schmerzes und der Angst. Neben ihr zu sehen: Dänemarks Kapitän Simon Kjaer, der ihr Beistand leistete.

Dieses Foto hätte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht. Ich erkläre gleich, warum.

Für das Bild spricht: Es ist ein starkes Zeichen von Mitgefühl

Ja, Journalistinnen und Journalisten dürfen sich durchaus auf das öffentliche Interesse an dieser Szene berufen und darauf, dass sie in der Öffentlichkeit des Stadions stattfand. Außerdem darauf, dass dieses Bild genau das gut zeigt, was wohl viele Menschen in diesen Augenblicken bewegt hat: Es ist ein starkes Zeichen von Mitgefühl, sagen Redakteurinnen und Redakteure. Und eine Darstellung bitterer Wirklichkeit. Folglich also keine Sensationslust.

Das ist nachvollziehbar. Leider ist das aber eine Perspektive, die dem Publikum ohne Wissen um den Willen der abgebildeten Frau eröffnet wird. Und das spielt eine entscheidende Rolle.

Gegen das Bild spricht: Momente des Schmerzes und der Trauer sind Teil der Intimsphäre

Zum Schutz der abgebildeten Frau gilt es nämlich festzuhalten: Krankheit, Schmerz und tiefe Trauer unterfallen auch bei Personen des öffentlichen Lebens deren Intimsphäre. Ohne ihre Einwilligung darf darüber in der Regel nicht in Bildern berichtet werden - auch nicht unter Verweis auf das öffentliche Interesse an dieser intimen Situation. Letzteres unterstellen nun Journalisten, die dieses Bild veröffentlicht haben. Und falls sich die Freundin des Fußballes zuvor schon bewusst bei öffentlichen Auftritten mit Christian Eriksen gezeigt hat, wäre wohl das Interesse an ihrer Person zumindest prinzipiell zu rechtfertigen.

Wäre es der Abgebildeten recht gewesen, in dieser Situation gezeigt zu werden? 

Doch nach einer Abwägung des Für und Wider gebe ich zu bedenken: Hierzulande gibt es wohl nicht viele Menschen, die bis dato wussten, mit welcher Frau Christian Eriksen zusammen ist. Folglich sehe ich in seiner Freundin nicht unbedingt eine Person des öffentlichen Lebens, die man mal so einfach abbilden dürfte.

Und es wiegt schwer, dass niemand wusste, ob es der Frau, in der für sie immens schwierigen, intimen Situation tiefster Trauer und Fassungslosigkeit recht gewesen ist, aller Welt gezeigt zu werden. Zumal sie sich möglicherweise im emotionalen Moment der Aufnahme der großen Öffentlichkeit selbst nicht bewusst gewesen ist.

So meine ich, es ist unabhängig von möglicher Rechtsprechung auch ein Zeichen von Respekt, dieses Bild erst dann zu veröffentlichen, wenn die abgebildete Frau mit Abstand zum Geschehen einer Verbreitung zustimmt. Folglich zeige ich das Bild kein weiteres Mal in dieser Kolumne.

Einladung zur einer Diskussion am 21. Juni

Ich lade aber ein, digital darüber mit Redakteurinnen und Redakteuren und mit mir zu diskutieren: Am Montag, 21. Juni, um 18.30 Uhr. Ich beginne die Gesprächsrunde mit einem Kurzvortrag über die Ethik der Medizin-Berichterstattung. Zugangslinks zur Teilnahme an der digitalen Veranstaltung verschicke ich gerne, wenn Sie mir eine E-Mail schreiben an leseranwalt@mainpost.de

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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