LESERANWALT

Leseranwalt: Warum ich auf das Wohl eines nachdenklichen Lesers anstoßen muss

Ein Marktheidenfelder Leser wünscht sich in der Berichterstattung mehr "wohltuende Abwägung", mehr "Florett statt schwerem Säbel".
Ein Leser vermisst Zurückhaltung in Kommentaren der Journalisten. Sein Brief regt an zum Nachdenken. Ich hebe mein Glas aus gutem Grund auf sein spezielles Wohl, aber auch auf das der gesamten Leserschaft, der ich die Worte von Herrn M. K. empfehle. 
Foto: Ramos | Ein Leser vermisst Zurückhaltung in Kommentaren der Journalisten. Sein Brief regt an zum Nachdenken. Ich hebe mein Glas aus gutem Grund auf sein spezielles Wohl, aber auch auf das der gesamten Leserschaft, der ich ...

Ein Marktheidenfelder Leser macht mir ein weihnachtliches Angebot. Ein Kistchen Wein setzt er darauf aus, wenn ich ihm nachweise, dass einer unserer Berliner Korrespondenten 2020 das Wort "Staatsversagen" nicht häufiger gebraucht hat, als die Floskel "meiner Meinung nach". Ein Smiley fügt er an ;-).

Der Leser, Herr M. K., weißt mit diesem noblen Angebot darauf hin, dass er in dieser Zeitung eine Zurückhaltung vermisst, die "seiner Ansicht nach" kluge Menschen gegenüber komplexen Sachverhalten aufbringen sollten. M. K. wörtlich: "'Meiner Wahrnehmung/Meinung nach', 'vielleicht', 'müsste nicht', 'scheint mir' - all das und noch viel mehr sind doch irgendwie vergessene Floskeln, oder?" Floskel sei hier nicht negativ gemeint. Viele Dampfplauderer, Hate Speecher (Hass-Sprecher) veranlassen ihn zu der Frage: "Sollten wir ihnen nicht Vorsicht, Nachdenklichkeit, Abwägen entgegensetzen?"

Der Name des Autors steht bei meinungsbetonten Artikeln dabei

Es drängt mich, dem Marktheidenfelder spontan einfach mit "Ja" zu antworten. Nur ergänzend bedarf es einer Erklärung. Steht doch am Anfang meinungsbetonter Artikel stets der Name des Autors, der darin seine Wahrnehmungen vermittelt. Direkt aus Berlin schildert auch jener Korrespondent, wie er die politische Situation dort erlebt. Daraus entstehen Analysen oder Reportagen aus der Hauptstadt. Darin bedarf es der von Herrn M. K. vermissten Floskeln kaum. Ist doch klar, dass alle Beurteilungen, die des namentlich vorne genannten Autors sind, ohne dass er das eigens hinzufügen muss. 

Herrn M. K. geht es dabei eben auch um mehr "wohltuende Abwägung, um Florett statt schwerem Säbel". Da stimme ich zu, zumal er selbst mit seiner abwägenden Zuschrift dafür ein gutes Beispiel gibt. Der "schwere Säbel" aber, der führt zurück auf das "Staatsversagen", das M. K. oft bei einem bestimmten Autor zu lesen glaubt. Der Begriff kennzeichne "populistischen Anti-Institutionalismus", der nur für die USA journalistisch wahrgenommen werde.

Grundvertrauen in die Demokratie

Deshalb schreibt er uns ins Stammbuch: "Demokratie kann nicht leben ohne Grundvertrauen in staatliche Institutionen". Diese Aussage finde er zuweilen eben zur Politik in den USA. "Innenpolitisch" setzt er da ein Fragezeichen und dazu wörtlich "eine steile These": Das Grundvertrauen dafür finden Sie 2020 nicht in Main-Post-Berichten. Obwohl mich die Stichwortsuche zu zwei überregionalen Artikeln führt, die zeigen, dass die "steile These" nicht so ganz zutrifft, erkenne ich grundsätzlich das Nachdenken von M. K. als wichtig an. Die beiden Beispiele: "Samuel Koch fehlt die Arbeit als Schauspieler" und "Müntefering: Wir müssen das durchziehen".

M. K. stellt sich "(fast) ganz" hinter eine Schlagzeile, die er gelesen hat: "Nie war die Welt so abhängig von unabhängigem Journalismus". Dem wünscht er demokratischen Diskurs, keine Vereinfacher und keine Marktschreier – aus Sorge um seine Enkel. Worte, die ich gerne ohne Kommentar und "Säbel-Nachweise" weitergebe. Herrn M. K. danke ich ebenfalls mit Smiley ;-), auch wenn ich mit eigenem Wein auf sein Wohl anstoßen muss.

Unser Berliner Korrespondent schildert die erste 'Bürgerlage' direkt aus Berlin. Artikel aus der Main-Post.
Foto: Repro Sahlender | Unser Berliner Korrespondent schildert die erste "Bürgerlage" direkt aus Berlin. Artikel aus der Main-Post.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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