Kontroverse Meinungen über das "verlorene Jahr"

Zum Artikel "Das verlorene Jahr - Jungsein lässt sich nicht nachholen" (7.1.):

Sie schreiben „jung sein, lässt sich nicht nachholen“ und führen verschiedene Beispiele an, weshalb die aktuelle Situation für Sie und Ihre Altersgenossen so schwierig ist. Akzeptiert, es ist blöd, kein Auslandssemester machen zu können, frierend Veranstaltungen zu besuchen oder das „normale“ Studentenleben nicht haben zu können. 
 Wo ich Ihnen aber widersprechen muss, ist die Aussage, dass sich das Leben nie so radikal verändert wie in den Zwanzigern. Fragen Sie mal Ihre Eltern nach Ihrer Pubertät – die ist Ihnen gar nicht aufgefallen, aber Ihr Umfeld hat das vermutlich als relativ radikal erlebt. Und warten Sie mal auf Ihre Vaterschaft, sofern Sie diese in Ihrer Lebensplanung vorgesehen haben – da werden Sie nur noch müde lächeln über Ihre Aussage und zwar nicht nur im sprichwörtlichen Sinn.
Ganz haben sich aber bei mir die Nackenhaare gestellt, als Sie Ihren Lesern ein Gejammer über Erwachsenwerden und bevorstehendes Spießertum zumuten. Sollten Sie meinen, dass ihr „Leben“ nach Ihrem Studienabschluss endet und alles, was in diesem Jahr (oder zwei) verpasst wurde, nicht mehr nachgeholt werden kann, dann kann ich Sie (als über 50-Jähriger) beruhigen: es genügt ein Perspektivwechsel?  Fragen Sie mal einen Menschen über 80. Womit ich auf ein Telefonat mit meiner Mutter zurück kommen. Sie hat Ihren Artikel gelesen und mir heute erzählt, dass dieser sie den ganzen Tag in eine fast depressive Stimmung versetzt hat. „Wie kann ein 24-Jähriger schreiben, dass er in dieser Zeit was verpasst, wenn er noch 50 oder 60 Jahre vor sich hat? Was soll ich mit meinen 84 Jahren sagen, ich habe vielleicht noch fünf, sechs Jahre, wenn’s gut geht“. Nehmen Sie mal diese Perspektive ein und freuen Sie sich auf Ihr Leben, wenn Sie „endgültig“ erwachsen geworden sind.

Andreas Mergler, 97074 Würzburg

Ein super Artikel. Sicher werden Ihnen einige Larmoyanz vorwerfen, ich aber  kann Sie gut verstehen, weil ich mich noch an meine erste Studentenbude erinnere (endlich Auszug von daheim), Diskussions- und Alkoholabende mit Mitstudierenden etc.  Und Sie haben Recht - um das werden Sie gerade gebracht. Ich kann Ihnen aber zum Trost sagen, dass ich (66 Jahre alt) auch um Einiges gebracht werde. Meine Altersgruppe, endlich in Rente, die nochmal durchstarten wollte und die Welt sehen wollte, ist auch ausgebremst.  Bei uns kommt noch der Faktor Gesundheit und Fitness dazu. Da läuft die Zeit. Kann ich den Langstreckenflug nach Australien nächstes Jahr körperlich noch durchstehen? Leider tröstet es Sie auch sicher nicht, wenn ich Ihnen sage, dass meine Mutter in Ihrem Alter schwanger im Luftschutzbunker gesessen hat. Jetzt wünsche ich Ihnen, dass Ihnen doch noch ein Wenig von dem Studentenleben bleibt bevor das von Ihnen erwähnte Spießertum vor der Tür steht.

Andrea Schöberl, 97320 Sulzfeld

Haben die polemischen Leserbriefschreiber den nachdenklichen Artikel des jungen Mannes überhaupt sorgfältig gelesen und verstanden? In vielen
Berichten über Senioren und verschiedene Bereiche der Arbeitswelt und Gesellschaft wird täglich geschildert, welche harten Herausforderungen
die Pandemie mit sich bringt. Nun wagt es doch tatsächlich ein junger Mann, zu beschreiben, was sich in seinem Leben und sicherlich auch in
dem vieler anderen Heranwachsenden und jungen Erwachsenen ebenfalls verändert hat, was ihn belastet und beschäftigt. Er klagt niemanden an,
er zeigt nur auf, was Corona mit seiner Generation macht. Das ist überfällig, wesentlich und sein gutes Recht. Die gehässigen und unsachlichen Reaktionen der vermutlich älteren Foristen bestätigen, was die junge Generation immer wieder vorbringt: Uns hört man nicht zu, wir fühlen uns mit unseren Fragen und Sorgen nicht ernstgenommen, wir stehen am Rand der öffentlichen und politischen Wahrnehmung und Würdigung. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen und Hürden zu meistern, da ist jeder Verweis auf "früher" fehl am Platze. Ich danke dem jungen Mann für seinen berührenden persönlichen Beitrag und wünsche allen jungen
Menschen, dass sie jetzt nicht vereinsamen und dass sie ihre Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche, im einsamen Digitalsemester oder holprigen Berufsstart gut meistern, dass die Gesellschaft ihnen zuhört und sie mehr wertschätzt.

Eva Peteler, 97080 Würzburg

Angesichts der vielen Menschen, die sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart ihre gesamte Kindheit und/oder Jugend durch unsinnige Kriege, daraus resultierende Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung verloren haben, sind die Äußerungen von Herrn Huber überzogen und spiegeln die Ansprüche einer verwöhnten Wohlstandsgesellschaft wider.

Irene Düring, 97475 Zeil

Was würden all die 826 000 000 Menschen zu Ihrem Artikel sagen, die in absoluter Armut täglich von 1,25 US-Dollar leben müssen? Was würden die Menschen im südöstlichen Nigeria zu ihrem Artikel sagen, für die meine Frau, ich und viele andere seit Jahren ehrenamtlich arbeiten? Die Menschen in Nigeria und vielen anderen Ländern der Erde werden hart von Corona getroffen. Deren Leben hat sich komplett zum Schlechteren geändert; alles dreht sich bei Jung und Alt seit Monaten um wirkliche Existenzfragen wie: Haben wir heute Abend etwas zu essen auf dem Tisch? Wer kann uns Arbeit geben? Wo gibt es sauberes Trinkwasser?“ Wie können wir für mehr Sicherheit unserer Kinder in unseren Schulen sorgen? Wir können verstehen, dass vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf vieles verzichten müssen. Das machen übrigens derzeit alle Generationen! Man kann sich darüber auch beklagen. Man sollte jedoch alles richtig einordnen. Reflektieren wir doch mal unser Leben, mit dem Leben anderer und zwar außerhalb unserer Echo-Glocke, außerhalb Deutschlands und Europas. Ist es nicht notwendig, sich eigentlich weniger zu beklagen und demütig und dankbar zu sein, wie es bei uns ist? Mit einem sehr guten Gesundheitssystem, einem Sozialstaat, der viele auffängt, einem Sicherheits-Standard, der beispiellos ist. Wie gesagt, ich kann junge Menschen sehr gut verstehen, auch weil ich mit 21 Jahren 15 Monate Wehrdienst leisten musste, mich täglich anbrüllen lassen musste und oft zu Dingen gezwungen wurde, die ich nicht machen wollte und die ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Der damals 18-monatige Zivildienst war übrigens auch kein Zuckerschlecken! Der Blick über den Tellerrand macht demütig. Er schafft aber auch ein neues Verständnis für die eigene Situation. Und er schafft den Impuls, aktiv anzupacken und Lösungen für wirklich drängende Probleme zu schaffen.

Hans Ulrich Hutten, 97534 Waigolshausen

Zum einen möchte ich klarstellen, dass auch mich das Maskentragen stört, ich wieder gerne Freunde ungezwungen treffen, stornierte Urlaubsreisen nachholen möchte,
sowie die Möglichkeit wieder ins Kino, Theater und zu Tanzveranstaltungen gehen zu können. Zum anderen möchte ich die Sichtweise einer Generation, von der schon viele verstorben sind oder, aufgrund der jetzigen Situation, in Alters- und Pflegeheimen vereinsamen, versuchen aufzuzeigen. Meine Mutter (Jahrgang 1919), die leider schon vor  5 Jahren verstarb, war gerade einmal 20 Jahre, als der 2. Weltkrieg ausbrach. Sie verlor mehr als nur ein Jahr ihrer Jugend. Sie erzählte oft davon, auf was sie alles als junger Mensch verzichten musste, bzw. nicht mehr möglich war. Ihre ganze Generation wurde um ihre jugendliche Unbeschwertheit beraubt.
Bitte nicht falsch verstehen, ich gönne der heutigen Jugend ihre Freiheiten und Möglichkeiten, sich in der ganzen Welt zu bewegen, aber das geht halt zur Zeit nicht. Es ist erst wieder möglich und geht schneller, wenn sich die Mehrzahl der Menschen an die bestehenden Vorgaben der Wissenschaftler und Mediziner hält.
Dann ist bestimmt auch vieles wieder möglich und nachzuholen.

Evelyn Hain, 97084 Würzburg

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