Mainz

Chef des „heute-journals“: „Journalismus ist Empathie“

Das „heute-journal“ wird sonntags bald eine halbe Stunde lang sein. Warum das so ist und was an Marietta Slomka so besonders ist, erklärt Redaktionsleiter Wulf Schmiese.
Kay-Sölve Richter gehört zur Stammbesetzung des „heute-journals“. Die bekanntesten Gesichter der ZDF-Nachrichtensendung dürften aber weiterhin Claus Kleber und Gundula Gause sein.
Foto: Klaus Weddig, ZDF | Kay-Sölve Richter gehört zur Stammbesetzung des „heute-journals“. Die bekanntesten Gesichter der ZDF-Nachrichtensendung dürften aber weiterhin Claus Kleber und Gundula Gause sein.

Claus Kleber und Marietta Slomka sind die bekanntesten Gesichter des „heute-journals“. Mit ihren Kollegen berichten sie im ZDF tagtäglich über das akutelle Geschehen. Nun stehen Änderungen bei der Sendung an. Wulf Schmiese, Redaktionsleiter des „heute-journals“, spricht mit uns über die Sendung und aktuelle Fragen zum Journalismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Herr Schmiese, wer ist die beste Nachrichtenmoderatorin oder der beste Nachrichtenmoderator im deutschsprachigen Raum?

Wulf Schmiese: Für mich sind das Marietta Slomka und Claus Kleber.

Das müssen Sie jetzt sagen als Redaktionsleiter des „heute-journal“.

Schmiese: Das sage ich nicht nur als Chef der beiden. Auch als Zuschauer und als Kollege, der erlebt, wie gut sie vorbereitet sind. Und wie ernst sie ihre journalistische Aufgabe nehmen. Wir alle waren zuvor Korrespondenten und kennen uns lange.

An der Auswahl und Aufbereitung der Nachrichten gibt es massive Kritik, besonders von Rechtspopulisten, die etwa dem ZDF vorwerfen, von der Merkel-Regierung gesteuerte Propaganda zu betreiben. Hören Sie so etwas oft?

Schmiese: Zuweilen, und das ist auch eine Masche: Je lauter die Kritiker sind, desto stärker schallt das Echo. Vieles wiederholt sich. Und bei genauem Hinhören sind die Vorwürfe eben nicht massiv, sondern oft schlicht falsch. Es gibt da ein großes Missverständnis: Es wird den Moderatoren unterstellt, sie würden ihre eigene Meinung vertreten. Dabei ist es so, vereinfacht gesagt: Ist ihr Gesprächspartner links, vertreten sie eine rechte Meinung. Ist er rechts, konfrontieren sie ihn mit linker Meinung. Und das meine ich bildlich, nicht im parteipolitischen Sinne. Das ist das journalistische Handwerk - immer den „Advocatus Diaboli“, den Anwalt des Teufels, also den Skeptiker geben und eine Gegenposition einnehmen.

Und welcher Vorwurf erwies sich als berechtigt?

Schmiese: Als Donald Trump US-Präsident wurde, da haben wir doch schon arg empört reagiert.

Wie meinen Sie das?

Schmiese: In Beiträgen hieß es etwa, diese oder jene Aussage Trumps sei „unsäglich“ gewesen. Das mag durchaus zugetroffen haben, aber wir mussten uns klarmachen: Journalismus ist Empathie. Das heißt, sich in die Rolle des anderen hineinversetzen zu können. Zu begreifen, welche Anliegen Politiker oder auch Wähler haben. Diesen 360-Grad-Blick, den versuchen wir jeden Tag aufs Neue - im Falle Trumps, glaube ich, haben wir uns anfangs damit schwergetan. Dabei muss es immer unser Anliegen sein, etwas verstehen zu wollen, und dadurch den Zuschauern verständlich zu machen.

Die Vermischung von Meinung und sachlicher Berichterstattung ist ein Problem im Journalismus.

Schmiese: Gewiss nicht nur dort! Das „heute-journal“ ist allerdings ein Magazin, das täglich zwei abgesetzte Nachrichtenblöcke hat. Die sollen so nüchtern sein, wie man früher einen Scheck ausfüllte: Darauf soll der Betrag in Ziffern und ausgeschrieben stehen, das war?. Keine Interpretation, ob das nun viel oder wenig, teuer oder billig ist. Ansonsten darf im „heute-journal“ durchaus Haltung oder Meinung sichtbar werden. Das ist aber nie eine parteipolitische Meinung. Denken Sie an die Schalten zu unseren Korrespondenten, die wir fragen: „Wie schätzen Sie das ein?“ Gleichwohl: Insgesamt müssen die Sendungen ausgewogen sein.

„In unsicheren Zeiten kommen die Menschen zu einem Sender wie dem ZDF, von dem sie den Eindruck haben: Der ist unser Nachrichten-Notariat.“
Wulf Schmiese, ZDF-Redaktionsleiter

Müssen Sie die AfD als größte Oppositionspartei im Bundestag besonders berücksichtigen?

Schmiese: Wir haben keine Berührungsängste. Wir führen keine Strichlisten, aber wir haben einmal fürs erste Halbjahr 2018 ausgerechnet, wie oft genau welche Partei vorkam, mit O-Tönen in Beiträgen und in Interviews. Es zeigte sich, dass wir ausgewogen berichtet haben. Die Parteien kamen in etwa so häufig vor, wie es der Stärke ihrer Fraktionen im Bundestag entspricht.

In Österreich ist die rechtspopulistische FPÖ Teil der Regierung. Immer wieder gibt es aus ihren Reihen Angriffe auf den Rundfunk. Könnte das auch bei uns passieren, wenn die AfD nach den Landtagswahlen, etwa in Sachsen, an die Regierung kommen sollte?

Schmiese: Das muss man sehen. Es gibt dazu zwei Theorien. Die eine ist, dass Systemgegner - und so nennen sich ja manche selbst - das politische System akzeptieren, wenn sie in ihm integriert sind. Die andere Theorie ist, dass sie mit Kritik an den Medien verstärkt Stimmung machen wollen. Einige halten es ja für einen Wahlkampfschlager, gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu mobilisieren. Kritik an ZDF, ARD und Deutschlandfunk ist keinesfalls verboten. Dennoch glaube ich, auch mit Blick auf die besten Quoten des „heute-journal“ seit 25 Jahren: Würden wir eine Umfrage durchführen - die große Mehrheit würde für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stimmen.

Wie erklären Sie sich das?

Schmiese: In unsicheren Zeiten kommen die Menschen zu einem Sender wie dem ZDF, von dem sie den Eindruck haben: Der ist unser Nachrichten-Notariat.

Was viele Zuschauer sehr zu stören scheint, ist, wenn etwa „heute-journal“-Moderatorin Marietta Slomka hartnäckig nachfragt.

Schmiese: Solche Kritik kommt aber meist aus der jeweiligen Fankurve der interviewten Politiker. Als Alexander Dobrindt hart ran genommen wurde, regten sich CSU-Freunde auf; bei Sigmar Gabriel waren es Genossen, die schimpften; und so geht das quer durch alle Parteien. Marietta Slomka arbeitet wie eine Chirurgin, ihr Skalpell sind ihre Fragen: Präzise und schnell kommt sie zum Kern, und das kann den Interviewten schon mal wehtun. Im „heute-journal“ haben wir keine Zeit für Small Talk - und die befragten Politiker sind Profis.

Seit 2001 ist Marietta Slomka (49) Moderatorin des „heute-journals“. 
Foto: Malte Christians, dpa | Seit 2001 ist Marietta Slomka (49) Moderatorin des „heute-journals“. 

Kleber befragte Ende Januar Lungenfacharzt Dieter Köhler. Der zweifelte an, dass die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub gerechtfertigt sind - und befeuerte damit den Streit um Diesel-Fahrverbote. Haben Sie darüber diskutiert, ob Sie ihm eine Bühne vor einem Millionenpublikum bieten sollten? Immerhin vertreten er und eine Gruppe von über hundert Ärzten eine Minderheitenmeinung ...

Schmiese: Andererseits war er als ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie mit seinen Ansichten schon auf dem Markt, und es ist wichtig, mit den Menschen zu reden, nicht über sie. Claus Kleber hat ihn übrigens sehr kritisch befragt. Später hat Professor Köhler Rechenfehler eingestanden, worüber wir selbstverständlich berichtet haben.

Reicht eine halbe Stunde „heute-journal“ überhaupt, um die wichtigsten Themen des Tages zu erklären?

Schmiese: Wir sind froh, dass wir eine halbe Stunde haben. Und wissen Sie, was mich wirklich beeindruckt? Dass es durchschnittlich täglich an die vier Millionen Menschen in Deutschland sind, die jede Ausgabe von der ersten bis zur letzten Minute schauen - da wird nicht zwischendurch um- oder weggeschaltet, wie die Quotenkurve zeigt. Dreißig Minuten sind lang in Zeiten, in denen Informationshäppchen en masse angeboten werden und das Info-Verhalten zunehmend asthmatisch wird mit wenigen Zeichen und Bildern wie auf Twitter oder Instagram.

Vom 31. März an wird das „heute-journal“ auch sonntags in einer Länge von 30 anstatt nur 15 Minuten ausgestrahlt. Wie kam es dazu?

Schmiese: Auch ein Sonntag ist inzwischen oft ein reichhaltiger Nachrichtentag. Sonntags haben wir starke Quoten - Millionen schalten nach dem „Tatort“ zu uns. Offenbar haben viele nach der Krimiwelt das Bedürfnis zu erfahren, was in der echten Welt los ist. Da wollen wir den Zuschauern künftig mehr bieten, ohne aber ein besonders gekennzeichnetes „heute-journal am Sonntag“ zu produzieren. Es bleibt bei den wochentäglichen Moderatoren im bekannten Studio. Was wir schaffen müssen, ist: möglichst ein politisches Gespräch zu liefern und zwei, drei zusätzliche Beiträge.

Der Spiegel“ hatte den „Fall Relotius“, beim WDR kamen in einer Doku-Reihe Komparsen zum Einsatz. Wie schließen Sie aus, dass das „heute-journal“ auf einen Betrüger hereinfällt oder Beiträge nicht authentisch sind?

Schmiese: Indem wir uns auf unsere Reporter und Korrespondenten im In- und Ausland verlassen. Die sind alle auf Herz und Nieren geprüft. Zunehmend schwierig wird es mit Material aus dem Internet. Da müssen unsere Online-Kollegen hier schnell tätig werden und alles überprüfen. Natürlich können da auch Fehler passieren. Aber Fehler sind keine Fake News. Fake News sind bewusste Lügen und Täuschungen, die im Journalismus nichts zu suchen haben.

Fühlt sich die „heute-journal“-Redaktion eigentlich von der Nachrichtensatire „heute-show“ gut getroffen?

Schmiese: Kürzlich erst habe ich mit Oliver Welke darüber geredet. Dass er und sein Team auch mal uns karikieren, ist deren ureigene Aufgabe. Es ist doch wunderbar unterhaltsam, was die „heute-show“ macht.

Von der wurden Sie mal mit der Rubrik „Mein Gott Schmiese!“ bedacht. Wegen Ihrer Moderationen im „ZDF-Morgenmagazin“. Nett war das nicht. Sind Sie drüber hinweg?

Schmiese: Klar, da war ich ja auch Anfänger. Und: I'm still standing.

Wulf Schmiese (51) ist aktuell Redaktionsleiter des „heute-journals“. Zuvor war er beim ZDF-Hauptstadtstudio und moderierte das ZDF-Morgenmagazin.
Foto: Torsten Silz | Wulf Schmiese (51) ist aktuell Redaktionsleiter des „heute-journals“. Zuvor war er beim ZDF-Hauptstadtstudio und moderierte das ZDF-Morgenmagazin.

Die „heute-show“ wird auch kritisiert, etwa von Ihrem Phoenix-Kollegen Erhard Scherfer. Der twitterte: „Alles einfach nur blöd, scheiße und verkackt finden“, das sei kein Konzept.

Schmiese: Karikieren war immer Teil politischer Berichterstattung. Wer sich allerdings ausschließlich über Karikaturen informieren würde, bekäme ein Zerrbild der Wirklichkeit.

Sie waren vor Ihrer Zeit beim ZDF unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Was macht Ihnen mehr Sorgen: die Zukunft der gedruckten Zeitung oder die Zukunft des linearen Fernsehens?

Schmiese: Beides verändert sich. Wobei ich glaube, dass es die gedruckte Zeitung schwerer haben wird.

Für die ZDF-Doku „Zeitungen in Not“ haben Sie sich im vergangenen Jahr mit den Problemen der Branche befasst: Auflagenverluste, noch nicht zufriedenstellende digitale Erlöse ...

Schmiese: In Norwegen haben es die Tageszeitungen geschafft, ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Indem sie aufs Lokale setzen. Der Slogan einer Zeitung dort heißt: „Das Wichtigste auf der Welt passiert da, wo du lebst.“ Darum kümmert sich kein Fernsehsender. Der andere Weg ist, und davon bin ich überzeugt: Wir Journalisten müssen klarmachen, dass wir eben anders sind als irgendwelche Influencer. Wir prüfen Quellen und gewichten Informationen, und wenn wir einen Fehler machen, korrigieren wir uns. Wenn dieser Unterschied deutlich ist, wird Journalismus überleben.

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