Auf den Mix kommt es an

Wir müssen in den nächsten Jahren darüber sprechen, wie wir Qualitätsjournalismus künftig mit öffentlichem Geld unterstützen können, sagt Professor Klaus Meier (44), Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) steht offenbar vor dem Aus, die Frankfurter Rundschau (FR) hat Insolvenz angemeldet. Beginnt jetzt das große Zeitungssterben?

Prof. Klaus Meier: Ich denke nicht. Die FTD ist vor zwölf Jahren gegründet worden. Da boomte das Anzeigenaufkommen, jetzt bröckelt es gerade im Bereich der Wirtschaftsmedien mehr und mehr. Die FR hat eine ganz bestimmte Zielgruppe – überregional das linksliberale Milieu und lokal bezogen auf Frankfurt. Diese beiden Zeitungen stellen eine Ausnahme dar. Aber natürlich gibt es einen allgemeinen Trend: Die Auflagen der Zeitungen sinken.

Sie haben den Auflagenschwund statistisch in die Zukunft gerechnet. Demnach erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung 2034.

Meier (lacht): Es ging mir nur darum, auf diesen Trend aufmerksam zu machen, den wir seit 20 Jahren beobachten. Seitdem verlieren die Zeitungen jedes Jahr drei, inzwischen sogar vier Prozent Auflage pro Jahr. Und das wird in nächster Zeit so weitergehen. Aber wie es sich in 20 Jahren entwickelt, kann niemand vorhersagen. Neue digitale, mobile Medien können den Trend massiv beeinflussen.

Die Auflagen sinken, weil junge Leser nicht mehr am Kiosk, sondern im Internet landen. Ist diese Erklärung zu einfach?

Meier: Absolut, es gibt viele Gründe. Bei den Regionalzeitungen kommt ein Trend hinzu: Die Menschen haben eine geringere Ortsbindung, höhere Mobilität. Wenn junge Menschen nicht bis 35, 40 Jahre ans Medium Tageszeitung gewöhnt sind, werden sie auch keine abonnieren, wenn sie sesshafter geworden sind.

Welche Rolle spielt heute die Regionalität einer Zeitung, die Regionalisierung der Stoffe? Anders gefragt: Können Regionalzeitungen hoffen, dass sie die letzten sind, die sterben?

Meier: Es gibt zwei Bereiche, in denen diese Hoffnung berechtigt ist. Da sind einmal die starken überregionalen Medien wie „Süddeutsche Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, auch „die Tageszeitung“ (taz) mit ihrem besonderen Modell. Die werden auf längere Sicht überleben. Das Gleiche gilt für die Regionalzeitungen. Das allerdings nur, wenn sie sich ihrer Region massiv annehmen, wenn sie die Probleme der Region beschreiben, wenn sie im Lokalen recherchieren. Die allermeisten Leser interessieren sich vor allem für regionale und lokale Themen.

Sind Journalisten zu sehr auf Tagesaktualität fixiert, Nahost, Eurokrise, Klimawandel? Viele stürzen sich am selben Tag auf dieselben Themen und haben dann oft noch die gleiche Sichtweise.

Meier: Der Trend wurde auch durch das Internet beflügelt. Was „Spiegel online“ als Aufmacher hat oder andere große Online-Medien, das finden wir am Abend in der Tagesschau und im Heute-Journal, und wir haben es am nächsten Tag in der Tageszeitung. Das kann für Intensivnutzer ermüdend sein. Die sagen sich dann am nächsten Tag: Das brauchen wir doch nicht noch mal. Andererseits gibt es sehr viele Menschen, die sich nicht rund um die Uhr informieren. Deswegen muss die lokale, regionale Tageszeitung diese Mischung hinbekommen.

Diese Mischung?

Meier: Ja, eine Mischung aus kurzen aktuellen und langen hintergründigen Themen. Man kann die Tagesschau des Vortages in kleineren Artikeln abbilden. Wichtig sind größere Geschichten, die die Bundespolitik herunterholen in die Region. Wenn der Nahostkonflikt das Thema ist wie aktuell, kann die Regionalzeitung den Nahostexperten der Universität vor Ort befragen. Damit schafft man eine Einmaligkeit und eine Nähe, die andere Medien wie „Spiegel online“ oder die „Tagesschau“ so nicht schaffen können.

Eben sprachen wir über den richtigen Mix bei den Inhalten. Aber haben wir denn noch die richtigen Journalisten? In einigen Verlagen ist die Redaktion überaltert, es wurde zuletzt wenig Nachwuchs eingestellt.

Meier: Auch das stimmt. Entscheidend ist aber nicht das Alter, das man in Jahren mit sich herumträgt. Redaktionsbefragungen zeigen mir, dass auch Ältere offen sind für Neuerungen. Andererseits ist nicht jeder junge Mensch per se ein innovativer Kopf. Dabei ist eines in der Branche extrem wichtig: Man muss ausprobieren wollen, man muss auch mal scheitern können mit einer neuen Idee.

Was muss Journalistenausbildung leisten?

Meier: Crossmedialität ist das Stichwort. Jeder muss die Online-Klaviatur beherrschen. Und muss sich dem Publikum viel mehr öffnen als früher. Das Publikum will mitreden, nicht nur in Form von Leserbriefen, sondern bei Facebook, Twitter, in den sozialen Medien. Da muss man sich auf Diskussionen einlassen, muss auch nörgelnde, nervige Nutzer ernst nehmen.

Der Speck des alten Print-Geschäfts schmilzt, wenn die Auflage sinkt und ein Teil des Anzeigengeschäfts ins Internet abwandert. Wer soll Qualitätsjournalismus finanzieren? Was halten Sie von Subventionen?

Meier: Das ist die zentrale Frage. Wenn der Markt hier versagt, für eine für die Demokratie so wichtige Institution wie den Journalismus, da müssen wir überlegen, wie der Staat eingreifen kann. Ich plädiere nicht dafür, die Verlage direkt zu unterstützen. Wir müssen aber Wege finden, wie wir qualitätsvollen Journalismus öffentlich unterstützen können – mit politischer Unabhängigkeit. In Nordrhein-Westfalen gibt es Pläne für eine NRW-Journalismus-Stiftung zur Förderung journalistischer Vielfalt, die an recherchierende Journalisten Stipendien vergibt oder Redaktionen eine Recherche ermöglicht, die andernfalls nicht finanzierbar wäre. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber es wird das große Thema sein in den nächsten Jahren. Darüber muss unsere Gesellschaft sprechen.

Prof. Klaus Meier

Der Medienwissenschaftler lehrt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wo er seit 2011 den Lehrstuhl für Journalistik I innehat. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Ethik und Qualität des Journalismus, Innovationen in Redaktionsorganisation und Redaktionsmanagement sowie neue Konzepte der Journalistenausbildung im digitalen Zeitalter. Meier lehrte zuvor an der Technischen Universität Dortmund und der Hochschule Darmstadt, davor wiederum war er Redakteur bei der Frankenpost in Hof. Meier ist verheiratet und hat ein Kind. FOTO: privat

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