SYDNEY

Australien entschuldigt sich für Zwangsadoptionen

Will sich für Zwangsadoptionen entschuldigen: Australiens Premierministerin Julia Gillard.
Foto: dpa | Will sich für Zwangsadoptionen entschuldigen: Australiens Premierministerin Julia Gillard.

Minderjährig und schwanger, das war im prüden Australien der 50er bis 70er Jahre eine Schande. Der Staat zog mit den Moralaposteln in der Gesellschaft gegen junge Mütter zu Felde. Vielen wurden die Babys noch im Kreißsaal weggenommen, oft gegen den Protest der Mütter. Die jungen Frauen wurden gezwungen, die Adoptionspapiere zu unterschreiben. 150 000 Kinder kamen so in Familien, die der Staat als würdig befand. Diese Zwangspolitik beschämt die Regierung heute. Am Donnerstag (21. März) will sich Premierministerin Julia Gillard dafür im Parlament entschuldigen.

Viele minderjährige Mütter wurden damals in Anstalten für gefallene Mädchen abgeschoben. „Eine Mutter sagte zu mir: Ich hatte drei Möglichkeiten. Das Baby zur Adoption freizugeben, einen Mann zu heiraten, der kein Interesse daran hatte, oder von einer Brücke zu springen“, sagt Anne, eine Sprecherin der Organisation Adoption Jig-saw, die sich um Opfer von Zwangsadoptionen kümmert. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen.

„Mir sagte man: Halt die Klappe und sieh zu, dass Du hier fertig wirst.“
Australierin, die mit 15 Jahren schwanger wurde und ihr Kind nie zu Gesicht bekam

„Mir sagte man: Halt die Klappe und sieh zu, dass Du hier fertig wirst“, berichtet eine Frau, die 1966 als 15-Jährige schwanger war, in einer Umfrage des Instituts für Familienstudien. Ihren Sohn bekam sie nie zu Gesicht. Als sie protestierte, hielt man ihr ein anderes Kind an die Brust. „Ich konnte mich deshalb später nie dazu durchringen, meine drei Kinder zu stillen“, sagt sie.

Eine andere Frau, die sehr jung schwanger wurde, heiratete den Vater des Kindes, das ihr weggenommen wurde, später. „Wir haben neun Jahre keine weiteren Kinder bekommen, weil wir so traurig waren, dass uns das erste gestohlen wurde“, berichtet sie in der Umfrage.

„Aber wer genauer hinschaut, sieht meine Berührungsangst und emotionalen Narben.“
Angela Barra, die als Kind zwangsadoptiert wurde

„Horror unserer Geschichte“ – so nannte ein Parlamentsausschuss die Praxis im vergangenen Jahr. „Keine Frage, das hat Müttern, Vätern, adoptierten Kindern und allen Angehörigen schweren Schaden zugefügt“, sagte die Grünen-Ausschussvorsitzende Rachel Siewert. Das Parlament empfahl die formelle Entschuldigung.

Nicht alle finden das richtig. „Wir beurteilen die Vergangenheit nach den heutigen Standards, mit moralischem Dünkel und Arroganz“, schrieb die Kolumnistin Miranda Divine. „In vielen Fällen haben Mütter ihre Kinder aus Liebe zur Adoption freigegeben.“

Viele Mütter hätten damals eingesehen, dass die Adoption das Beste für ihr Kind war, sagt Terri Kelleher, Sprecherin des christlichen Familienverbandes (AFA). „Ich würde von der Regierungschefin gerne ein Dankeschön an diese Mütter und die Adoptiveltern hören, die den Kindern in den meisten Fällen ein fröhliches und stabiles Zuhause gegeben haben.“

Eine Frau schrieb an die Zeitung „Daily Telegraph“: „Ich habe 1964 ein Kind bekommen und wie viele unverheiratete Frauen beschlossen, das Baby zur Adoption freizugeben. Jetzt will sich die Regierung für meine Entscheidung entschuldigen. Ich finde aber, ich habe richtig gehandelt.“

Angela Barra bezeichnet sich als „Überlebende“ einer Zwangsadoption. Sie fand ihre biologischen Eltern erst nach jahrelanger Suche. „Wer mich kennenlernt, sieht ein fröhliches Gesicht und eine liebenswürdige Erscheinung. Aber wer genauer hinschaut, sieht meine Berührungsangst und Beklemmung, meine körperlichen und emotionalen Narben“, schrieb sie über ihr Leben. Sie begrüßt die Entschuldigung. „Ich warte vor allem darauf, dass sie konkrete Schritte ankündigen, die sicherstellen, dass so etwas nie wieder passiert – sonst wäre die ganze Entschuldigung sinnlos.“

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