MÜNSTERSCHWARZACH

Brief für Aufhebung des Zölibats

Wunibald Müller
Foto: Norbert Schwarzott | Wunibald Müller

Der unterfränkische Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller hat sich bei Papst Franziskus für die Aufhebung des Zölibats eingesetzt. „Die Tür dazu ist nicht geschlossen. Sie ist lediglich angelehnt. Es liegt an Ihnen, ob sie geöffnet wird. Öffnen Sie die Tür“, schreibt der Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen) in einem persönlichen Brief, der der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt.

Bei seiner Arbeit sei er in 25 Jahren vielen Priestern begegnet, die sich aufgrund des Zölibats in seelischer Not befänden. Müller, der sich im Recollectio-Haus vor allem um Geistliche in Lebenskrisen kümmert, schreibt, dass auch immer mehr jüngere Priester sich nicht mehr in der Lage sähen, den Erwartungen eines ehelosen Lebens nachzukommen. Wörtlich heißt es in dem Schreiben (Dokumentation in Auszügen):

„Lieber Papst Franziskus, ich bin dabei vielen Priestern begegnet, die auf eine überzeugende Weise zölibatär leben und von denen durch ihr Zeugnis Segen für sie und andere ausgeht. Ich bin aber auch unzähligen Priestern begegnet, die sich auch aufgrund des geforderten zölibatären Lebensstils in einer großen seelischen Not befinden. Diese Priester – unter ihnen auch immer mehr jüngere Priester – sehen sich nicht in der Lage, den in sie gesetzten Erwartungen hinsichtlich eines zölibatären Lebensstil nachzukommen, ja erleben diese Lebensform als eine Last. Sie versuchen ihre Sehnsucht nach Beziehungen, in denen sie sich gehalten erleben, in Beziehungen zu finden, die manchmal mit dem zölibatären Lebensstil in Einklang zu bringen sind, oft aber auch nicht. Die sich daraus ergebende Spannung verschärft ihre seelische Not.“

Segensreiches Wirken des Papstes

Das segensreiche Wirken von Papst Franziskus habe dazu beigetragen, dass die Bereitschaft unter den Priestern, die in Beziehungen lebten, zugenommen habe, sich zur Wahrheit zu bekennen. Es dürfe nicht länger sein, dass Geistliche, die am Zölibat scheiterten, nur vor der Alternative stünden, ihr Priesteramt zu verlassen oder im Amt zu bleiben und im Geheimen sexuelle Beziehungen zu pflegen, so Müller.

Wörtlich heißt es dazu: „Ein anderer Grund, der für eine Entkoppelung von Priesteramt und Zölibat spricht, ist, dass die Priester, die angetreten sind mit der Absicht, zölibatär zu leben, es dann aber doch nicht tun beziehungsweise sich nicht dazu in der Lage sehen, nicht länger vor der Alternative stehen, entweder ihr Priesteramt zu verlassen oder im Amt zu bleiben und im Geheimen in sexuellen Beziehungen zu leben. Hier wird ein entscheidender Lebensbereich dann in einem Dunkelraum gelebt. Die dort praktizierte Sexualität und Intimität kann sich nicht wirklich entfalten und ist deswegen in besonderer Weise auch anfällig für psychisch und spirituell ungesunde Verhaltensweisen, die das zölibatäre Leben eher verdunkeln und in Misskredit bringen, ganz abgesehen davon, dass daraus ein ernstes Glaubwürdigkeitsproblem für die Kirche erwächst. So manche Sünden und manche schäbigen und psychisch ungesunden Verhaltensweisen und Entwicklungen könnten vermieden werden, wenn der ganze Bereich des Sexuellen und der Intimität innerhalb einer Priesterschaft, die zölibatäre und verheiratete Priester einschließt, einen selbstverständlichen Platz hätte.“

Für das Priestertum der Frau

Eine Entkopplung von Priestertum und Zölibat sei zudem ein wirkliches Ernstnehmen der menschlichen Konstitution „und dabei auch der Macht und der Kraft der menschlichen Sexualität“, schreibt der Psychotherapeut. Theologisch ausgedrückt sei dies eine „Schöpfermacht und Schöpferkraft“, die Gott den Menschen in der Sexualität geschenkt habe.

Müller plädiert in dem Schreiben an den Papst zudem für das Priestertum der Frau:

„Als Sie erklärten, dass die Tür zum Priestertum der Frau zu sei, waren viele Frauen in der Kirche enttäuscht. Die Diskussion darüber wird weitergehen und im Himmel, davon bin ich überzeugt, findet bereits eine heftige Diskussion darüber statt. Ich sehe vor mir die heilige Edith Stein (1891 bis 1942, geborene Jüdin und später Nonne im Karmelitinnenorden, im KZ Auschwitz ermordet, Anm. d. Red.), wie sie die wohlverdiente himmlische Ruhe des seligen Papstes Johannes Paul II. mit Überlegungen über das Frauenpriestertum stört, die sie schon zu Lebzeiten entwickelt hat: 'Die neueste Zeit zeigt einen Wandel durch das starke Verlangen nach weiblichen Kräften für kirchlich-karitative Arbeit und Seelsorgehilfe. Von weiblicher Seite regen sich Bestrebungen, dieser Betätigung wieder den Charakter eines geweihten kirchlichen Amtes zu geben, und es mag wohl sein, dass diesem Verlangen eines Tages Gehör gegeben wird. Ob das dann der erste Schritt auf einem Wege wäre, der schließlich zum Priestertum der Frau führte, ist die Frage. Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen.'“

Müller schreibt weiter: „Diese Tür ist für den Augenblick geschlossen. Es liegt an der Ruach, dem heiligen Geist, ob sie eines Tages doch noch geöffnet wird. Die Tür, die zur Entkopplung von Priestertum und Zölibat führt, ist nach meiner Einschätzung im Unterschied dazu nicht geschlossen. Sie ist lediglich angelehnt. Es liegt an Ihnen, ob sie geöffnet wird. Öffnen Sie diese Tür! Darum bitte ich Sie inständig.“ TEXT: KNA

Recollectio-Haus

Hilfe bei emotionalen und spirituellen Krisen: Das Recollectio-Haus ist eine Einrichtung der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen). Es wird finanziell mitgetragen von den Diözesen Augsburg, Freiburg, Limburg, Mainz, München und Freising, Paderborn, Rottenburg-Stuttgart und Würzburg, das geht aus der Homepage des Hauses hervor. Das Recollectio-Haus versteht sich als ein Angebot für Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die im spirituellen Ambiente der geistlichen Gemeinschaft der Benediktiner von Münsterschwarzach innehalten wollen, über ihr Leben nachdenken wollen, dem nachspüren wollen, was sie in eine Krise gebracht hat und neue Kraft schöpfen wollen für ihr berufliches und persönliches Leben. Ein Team aus geistlichen Begleitern, Psychotherapeuten und Ärzten begleitet sie. Text: San

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