Die Chemie der Liebe

Frühlingsgefühle: Verliebt zu sein ist purer Stress – zumindest medizinisch-chemisch betrachtet. Und noch eine schlechte Nachricht: Vor Liebe kann sich niemand schützen.
Realität statt Romantik: Für das Gefühle der Liebe ist nicht nur ein toller Mensch verantwortlich, sondern es sind auch die Moleküle Wasserstoff (H), Sauerstoff (O) und Stickstoff (N).
Foto: Illustration: Thinkstock, Julia Bruns, Daniel Biscan | Realität statt Romantik: Für das Gefühle der Liebe ist nicht nur ein toller Mensch verantwortlich, sondern es sind auch die Moleküle Wasserstoff (H), Sauerstoff (O) und Stickstoff (N).

Die ersten Sonnenstrahlen wecken Frühlingsgefühle in uns. Die ideale Zeit für Romantik und Schmetterlinge im Bauch. Was ist dran an diesem Gefühl, verliebt zu sein? Alles nur das Ergebnis eines Hormoncocktails? Professor Gerd Jungkunz ist Ärztlicher Direktor am Bezirkskrankenhaus Lohr (Lkr. Main-Spessart), Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie und Geriatrie. Er erklärt, wie die Chemie der Liebe funktioniert.

Frage: Wann waren Sie das letzte Mal verliebt?

Prof. Gerd Jungkunz: Das ist bestimmt schon 30 oder fast 40 Jahre her.

Trotzdem wissen Sie bestimmt noch, wie es sich angefühlt hat: Schmetterlinge im Bauch, weiche Knie?

Jungkunz: Natürlich kenne ich das. Aber als Wissenschaftler weiß ich, dass sich der Stoffwechsel im Körper und im Gehirn verändert, wenn man sich verliebt. Obwohl viel daran geforscht wird, ist noch nicht im Einzelnen klar, was sich genau verändert. Ein Hormon, das maßgeblich an dem Prozess beteiligt ist, heißt Oxytocin. Es ist auch bekannt als Bindungshormon. Es ist für Wärme, Zuneigung und eben die Bindung zwischen zwei Menschen zuständig. Oxytocin kommt bei Wirbel- und Säugetieren vor.

Warum bei ihnen?

Jungkunz: Die meisten Säugetiere sind nach ihrer Geburt abhängig von der Hilfe ihrer Elterntiere, besonders der Mutter, ohne sie hätten sie keine Überlebenschance. Oxytocin wird erstmals bei der Geburt ausgeschüttet und bindet das Muttertier emotional an das Neugeborene.

Und was hat das mit Liebe zwischen Erwachsenen zu tun?

Jungkunz: Sehr viel. Oxytocin wird bei Nähe, Wärme und beim Geschlechtsverkehr ausgeschüttet. Es vermittelt intensive emotionale Erfahrungen, fördert das Vertrauen und stärkt die Bindung des Paares. Das Hormon wirkt auf unser Belohnungssystem im Gehirn und ist für die Erzeugung der Gefühle zuständig, die das Verliebtsein ausmachen.

Für die große Liebe braucht's also nur etwas Oxytocin?

Jungkunz: Etwas braucht es schon. Eine weitere Rolle spielen die Geschlechtshormone. Bei Frauen sind das Östrogene und Testosteron. Bei Männern überwiegend Testosteron. Sie haben ebenfalls Einfluss auf die Gefühlswelt, aber in erster Linie steigern sie das sexuelle Verlangen. Zur nächsten Gruppe zählen Dopamin, Endorphin und Serotonin. Diese Botenstoffe werden im Gehirn ausgeschüttet und sorgen für Euphorie und ein rauschartiges Glücksgefühl. Dopamin ist der wichtigste für das Belohnungssystem. Das Belohnungssystem ist eine Art Schaltzentrale, um positive Gefühle zu verstärken und zu koordinieren. Während der Phase des Verliebtseins sinkt der Serotoninspiegel, was ein Auslöser für das berauschende Gefühl ist, das unsere Hemmschwelle sinken lässt.

Also sind die Schmetterlinge im Bauch nichts als das Resultat eines wirren Hormonspiegels?

Jungkunz: Wenn man Schmetterlinge im Bauch hat, bedeutet das ja, dass der Körper bestimmte Empfindungen verspürt. Diese äußern sich in Form von schnellem Herzklopfen, erhöhtem Puls oder Bauchkrämpfen. Das kommt, weil Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet werden. Die Stresshormone steuern zum Beispiel die Aktivierung des Gehirns. Der Unterschied zu einer Angst- oder Paniksituation besteht darin, dass beim Verliebtsein Adrenalin und Noradrenalin in Verbindung mit den Glückshormonen wirken. Wir empfinden das Kribbeln im Bauch deshalb als positiven Stress.

Was ist dann mit all den wunderschönen Liebesgedichten – nichts als ein Hormonfeuerwerk?

Jungkunz: Das kann man nicht sagen. In der Tierwelt wird Verliebtsein durch andere Sinneseindrücke ausgelöst als beim Menschen. Sie finden durch Duftstoffe zueinander. Bei Menschen spielen Duftstoffe auch eine Rolle, aber nicht in dem Maße wie bei Tieren. Wir spüren sie zwar, aber sie genügen nicht, um uns ineinander zu verlieben. Deswegen brauchen wir andere, stärkere Sinneseindrücke. Das können optische oder akustische Reize sein. Auch komplexe Erfahrungen wie Liebesgedichte, Liebesfilme oder Liebeslieder spielen eine Rolle. Um Liebe auszulösen, braucht es nicht nur den richtigen Hormoncocktail, sondern auch die richtigen Zutaten.

Wie erklären Sie, dass man blind vor Liebe ist?

Jungkunz: Beim Verliebtsein entsteht eine enge Verbindung mit dem Stresssystem. Bei starken emotionalen Ausbrüchen wie zum Beispiel Angst oder Panik schüttet unser Körper verstärkt Adrenalin aus. In solchen Situationen überlegt man nicht mehr rational. Man handelt automatisiert. Beim Verlieben stehen wir zwar unter positivem Stress, der aber trotzdem dafür sorgt, dass sich unsere Vernunft abschaltet. Wir überlegen nicht mehr, sondern handeln instinktiv. Die Ausdrücke „blind vor Liebe“ oder „verrückt vor Liebe sein“, lassen sich darauf zurückführen – wir sind in einem Ausnahmezustand.

Können Sie sich noch verlieben, da Sie wissen, dass alles nur eine chemische Kettenreaktion ist?

Jungkunz: Ich kann mich noch verlieben. Daran ändert mein Wissen um den chemischen Prozess nichts. Das Romantische und das Spannende am Verlieben ergibt sich nicht nur aus dem chemischen Prozess. Liebe kann unterschiedlich gesehen werden: philosophisch und mystisch oder eben nüchtern im Sinn der Wissenschaft, die einiges erklären und messen kann. Trotzdem ist Liebe ein Wunder, wenn man bedenkt, wie sich der ganze Prozess abspielt und welche Elemente ineinandergreifen. Schützen kann sich vor der Liebe niemand – auch nicht ein Wissenschaftler, der versucht, Liebe begreifbar zu machen.

Warum aber hält das Gefühlsfeuerwerk nur für eine gewisse Zeit an und flacht dann wieder ab?

Jungkunz: Man darf nicht vergessen, dass Verliebtsein etwas anderes ist als Liebe. Zum Verliebtsein gehört die Aktivierung des gesamten Systems, also das Zusammenspiel der Hormone. Wenn ich ein Leben lang meinen Partner liebe, habe ich deswegen nicht ein Leben lang Schmetterlinge im Bauch. Das wäre viel zu anstrengend für den Körper, einen permanenten Stresszustand auszuhalten. Die Gefühle der Verbundenheit, der Wärme oder der Zusammengehörigkeit sind die Gefühle, die sich langfristig im Gehirn abspeichern lassen. Sie sind dann für die lange Liebe zuständig und binden uns an den Partner.

Sind Sie ein Romantiker, Herr Wissenschaftler?

Jungkunz: In gewisser Weise bin ich das. Daran ändert mein Beruf nichts. Romantik ist eine Empfindlichkeit mit einer entsprechenden Stimmung und mit den richtigen Gefühlen. Ob ein Mensch romantisch veranlagt ist, ist nicht bei seiner Geburt festgelegt. Es kommt auch darauf an, welche Erfahrungen er mit Gefühlen oder romantischen Stimmungen verbindet. Menschen, die wenig Liebe bekommen haben, sind seltener romantisch und haben Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen.

Enhanced Liquid Trust – ein Oxytocin-Parfüm, das in den USA schon auf dem Markt ist. Das Produkt verspricht, das Dating- und Liebesleben anzukurbeln.

Jungkunz: Man hat schon versucht, Oxytocin therapeutisch einzusetzen. Bei psychischen Erkrankungen oder neurologischen Entwicklungsstörungen, wie zum Beispiel Autismus. Das sind Störungen, bei denen die Betroffenen Schwierigkeiten haben, emotionale Bindungen einzugehen. Der große Durchbruch ist dem Spray noch nicht gelungen. Dennoch haben Versuche gezeigt, dass es funktionieren könnte. Es ist durchaus möglich, dem Verliebtsein auf die Sprünge zu helfen. Ob man das will, ist die andere Frage.

Die Moleküle, die uns glücklich machen

Ohne Oxytocin keine Liebe, zumindest keine dauerhafte. Ausgeschüttet wird es bei Nähe, emotionaler Wärme und beim Geschlechtsverkehr. Es vermittelt enge emotionale Erfahrungen. Es mindert Angst und Stress und stärkt das Vertrauen in den Partner. Das Bindungshormon sorgt bei der Geburt für die Beziehung zwischen Baby und Mutter. Oxytocin ist wichtig für Paare, für das Mutter-Kind-Verhältnis aber auch für das allgemeine soziale Verhalten. Testosteron ist ein Sexualhormon. Es kommt bei Mann und Frau in unterschiedlicher Menge und Wirkungsweise vor. Wenn wir verliebt sind, sinkt bei Männern die Testosteronkonzentration – sie werden weniger aggressiv. Bei Frauen steigt der Spiegel und damit die Lust auf Sex. Das Geschlechtshormon hat bei beiden Partnern Einfluss auf das Gefühls- und Sexualleben. Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin sind für schweißnasse Hände, Herzklopfen, erhöhten Puls oder Magenkrämpfe zuständig. Das sind Symptome, die nach einer Panikattacke klingen, die aber auch für Verliebte gelten. Sie steuern zum Beispiel die Aktivierung des Gehirns und des vegetativen Nervensystems. Der Unterschied zu einer Angstsituation: Adrenalin und Noradrenalin wirken beim Verliebtsein in Verbindung mit Glückshormonen. Dopamin ist ein Botenstoff, der im Gehirn ausgeschüttet wird. Wenn wir verliebt sind, sorgt er für Euphorie und ein rauschartiges Glücksgefühl. Das Hormon ist wichtig für unser Belohnungssystem, in dem die positiven Gefühle verstärkt und koordiniert werden. Viele Rauschmittel funktionieren ganz ähnlich wie Dopamin und lösen deshalb Rauschzustände aus. Der Serotoninspiegel sinkt beim Verliebtsein und mit ihm die Hemmschwelle. In diesem Zustand ähneln Verliebte psychisch kranken Menschen: Sie sind unzurechnungsfähig, zwangsneurotisch und irrational. Hirnareale, die sonst für Zurückhaltung und Angst sorgen, sind inaktiv – wir machen Sachen, auf die wir als „normaler Mensch“ nie kommen würden.

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