Vatikanstadt

Die Linie des Papstes ist„null Toleranz“

Sexueller Missbrauch in der Kirche ist seit Jahrzehnten bekannt. Jetzt soll ein Vatikan-Gipfel für Klarheit sorgen.
Theodore McCarrick, ehemaliger Erzbischof von Washington, wurde am Wochenende aus dem Priesterstand entlassen wegen sexuellen Fehlverhaltens.
Foto: Chip Somodevilla, afp | Theodore McCarrick, ehemaliger Erzbischof von Washington, wurde am Wochenende aus dem Priesterstand entlassen wegen sexuellen Fehlverhaltens.

Es ist das erste Treffen dieser Art, das ab kommendem Donnerstag im Vatikan beginnt. Dreieinhalb Tage lang treffen sich die Vorsitzenden der 113 katholischen Bischofskonferenzen, der Ostkirchen, Ordensobere, die Chefs der Kurienbehörden und Papst Franziskus, um über den Umgang mit sexuellem Missbrauch von Minderjährigen in der Kirche zu diskutieren. Die Organisatoren rechnen mit gut 180 Teilnehmern. Nie zuvor hat sich die Führung der katholischen Kirche mit diesem Thema so gezielt auseinander gesetzt. Vor allem die Enthüllungen in Chile und in den USA im vergangenen Jahr hatten den Papst und seine Berater dazu bewogen, das Thema Missbrauch in der gesamten Kirche nun frontal anzugehen.

Am Wochenende setzte Franziskus im Vorfeld der Konferenz ein Zeichen. Er entließ den ehemaligen Erzbischof von Washington und früheren Vertrauten, Theodore McCarrick aus dem Priesterstand. Der 88-jährige, dem Franziskus bereits im Juli die Kardinalswürde aberkannt hatte, sei in einer Untersuchung der Glaubenskongregation des sexuellen Fehlverhaltens für schuldig befunden worden. Wie es heißt, habe McCarrick in den 1980er und 90er Jahren als Bischof in den USA mehrere Minderjährige und Priesteramtskandidaten sexuell missbraucht. McCarrick ist der bislang höchste katholische Kleriker, der in den Laienstand versetzt wurde. Im Vatikan wird darauf hingewiesen, der Papst wolle mit der Entscheidung seine Linie der „null Toleranz“ im Hinblick auf Missbrauch untermauern.

Opferverbände planen Konferenzen und Mahnwachen

Angesichts der Größe und Bedeutung des Themas wirkt das Bischofstreffen kurz. Zu Beginn der Konferenz mit dem unverfänglich klingenden Titel „Der Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ sollen den Teilnehmern per Video Aussagen von Betroffenen aus allen Kontinenten der Welt vorgespielt werden. Auch während der Konferenz werden Opfer zu Wort kommen, Opferverbände planen Konferenzen und Mahnwachen in der Stadt. Papst Franziskus hatte die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen vor dem Treffen aufgefordert, Betroffene zu persönlichen Gesprächen zu treffen. So sollten auch diejenigen Bischöfe sensibilisiert werden, in deren Kulturkreisen man immer noch nicht über sexuellen Missbrauch spricht.

Wie groß die Unterschiede weltweit bei der Wahrnehmung des Themas sind, war bei der Bischofssynode zum Thema Jugend im Oktober sichtbar, als sich vor allem Bischöfe aus Afrika und Asien, aber auch aus Italien dagegen wehrten, die Formulierung „null Toleranz“ im Hinblick auf Missbrauch in das Abschlussdokument aufzunehmen. „Sexueller Missbrauch ist nicht nur ein europäisches, angelsächsisches oder westliches Problem, sondern kommt auf der ganzen Welt vor, auch dort, wo nicht darüber gesprochen wird“, sagt der deutsche Jesuit und Psychologe Hans Zollner, der das Kinderschutzzentrum an der päpstlichen Universität Gregoriana leitet. Er ist einer der Organisatoren der Konferenz.

Die Veranstaltung ähnelt einer Synode

Die Erwartungen an das Treffen, das 18 Jahre nach den ersten großen Enthüllungen in den USA stattfindet, sind hoch. Die Männer des Papstes versuchen deshalb die „übersteigerte Erwartungshaltung“ der Öffentlichkeit an die Konferenz kenntlich zu machen. „Wenn einer denkt, in dreieinhalb Tagen könne man das Problem definitiv lösen, ist das realitätsfern“, sagt Pater Federico Lombardi. Der ehemalige Vatikansprecher moderiert die Veranstaltung, die im Plenum, aber auch in Sprachgruppen stattfinden wird und dem von Franziskus bevorzugten Diskussionsformat einer Synode ähnelt. Experten, darunter Kardinäle, Bischöfe, aber auch Laien werden Referate halten. Ein Abschlussbericht mit konkreten Zielen, Forderungen oder Anordnungen ist allerdings nicht zu erwarten.

Der Papst wird vor der Abschlussmesse am Sonntag ein Schlusswort halten. Im Vorhinein teilte der Vatikan mit, es sei wesentlich, dass die Bischöfe nach ihrer Rückkehr aus Rom „die anzuwendenden Gesetze kennen sowie die notwendigen Schritte unternehmen, um Missbrauch zu verhindern, sich um die Opfer zu kümmern und sicherzustellen, dass kein Fall vertuscht oder begraben wird“. In den drei vollen Arbeitstagen sollen die Bischöfe vor allem im Umgang mit an sie gemeldeten Missbrauchsfällen geschult werden. Dabei spielt insbesondere das Thema ihrer Rechenschaftspflicht, der sogenannten accountability, eine Rolle. Während früher in der Kirche flächendeckend vertuscht wurde, hat auch der Papst inzwischen die Pflicht zur Aufklärung erkannt.

Letzte Entscheidung hinter verschlossenen Türen

Im Jahr 2016 ordnete Franziskus einen Mechanismus für die Schaffung von Ad-Hoc-Gerichten für vertuschende Bischöfe an. Wie genau die Prozesse funktionieren, wissen selbst im Vatikan die wenigsten. Die Zusammensetzung der Gremien ist ebenso unklar wie ihre Überwachung. Wieviele Bischöfe sich dabei bislang verantworten mussten, wissen Kirchenexperten nicht. Die Crux ist bis heute, dass letztendlich der Papst für die 5100 katholischen Bischöfe weltweit verantwortlich ist und die letzte Entscheidung hinter verschlossenen Türen trifft.

Um wirkliche Fortschritte beim Kinderschutz zu machen, steht der katholischen Kirche eine Art Gewaltenteilung bevor, über die wohl kaum am kommenden Wochenende entschieden wird. Im Schlepptau des Themas Missbrauch harren einige für die Kirche existentielle Fragen einer Antwort. „Es geht letztendlich auch darum, wie die Kirche insgesamt mit Macht umgeht“, sagt Organisator Zollner. Mittelfristig sei davon auszugehen, dass in der Kirche immer stärker über die Beteiligung von Laien und darunter auch Frauen nachgedacht werde. „Denken Sie etwa an die Erzdiözese München-Freising, wo zahlreiche Laien und insbesondere Frauen in höheren Positionen sind“, sagt der Jesuit. So etwas habe Auswirkungen und fände Nachahmer.

Schmerzhafte Momente für die Betroffenen

Im Vatikan wird darauf hingewiesen, dass die Konferenz den Anfang eines Prozesses bildet und nicht sein Ende. Das zu hören ist vor allem für die Betroffenen schmerzhaft, die seit Jahrzehnten Transparenz, das Ende jeder Vertuschung und klare Vorgehensweisen fordern. Auch den verschiedenen Aspekten des Missbrauchs wird auf weltkirchlicher Ebene noch kaum Rechnung getragen. Der Missbrauchsgipfel hat den Kinderschutz zum Thema, wie die Kirche mit missbrauchten jungen Erwachsenen, Ordensschwestern und insbesondere Frauen umgehen will, ist weiterhin völlig offen.

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