Ein Gespräch über Gott und die Welt

Im Interview: Professor Klaus Schilling von der Universität Würzburg war intensiv an der Rosetta-Mission zu einem Kometen beteiligt. Jetzt spricht er über außerirdische Welten, ein Leben nach dem Tod und die Zerbrechlichkeit des Planeten Erde.

Klaus Schilling ist Professor für Robotik und Telematik und leitet den Lehrstuhl für Informatik an der Universität Würzburg. Der 58-Jährige war einer von vielen Köpfen hinter der spektakulären Rosetta-Mission, mit der vor wenigen Tagen erstmals einer Raumsonde die Landung auf einem Kometen in rund 500 Millionen Kilometern Entfernung gelang. Ein Gespräch über die Menschheit, das Weltall, technische Errungenschaften und die Religion.

Frage: Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Klaus Schilling: Das ist die Frage, die alle stark bewegt. Wir würden ganz gerne Antworten finden, die wissenschaftlich fundiert sind. Aber leider kennen wir bisher nur ein paar wichtige Grundbausteine. Bildlich ausgedrückt: Wir kennen ein paar wenige Steinchen, aber längst nicht das ganze Mosaik. Daran müssen wir noch weiter forschen. Wir Wissenschaftler sind immer Suchende nach neuen Zusammenhängen und Fakten. Deshalb auch die Rosetta-Mission zum Kometen, um ein besseres Verständnis über die ursprüngliche Materie zur Entstehungszeit unseres Sonnensystems zu erzielen. Die Kometen sind ein glücklicher Zugang zu unverfälschtem Ursprungsmaterial, weil sie sich durch eine Schwerkraft-Störung abweichend von ihrer früheren Umlaufbahn auf die Sonne und in die Nähe der Erde zu bewegen. Der Original-Aufenthaltsort ist in 50-facher Entfernung von der Erde zur Sonne ganz weit draußen im All und ist mit der heutigen Leistungsfähigkeit unserer Raketen unerreichbar.

Also, Außerirdische: Eher ja oder eher nein?

Schilling: Außerirdisches Leben hat bisher weder jemand bewiesen noch widerlegt. Wir als Wissenschaftler, insbesondere die Astronomen, suchen momentan danach, wo in anderen Sonnensystemen Planeten sind, die im richtigen Abstand zu ihrer Sonne stehen, so dass sich dort Wasser ansammeln und mögliche Voraussetzungen für die Entstehung von Leben bieten kann. Man hat gerade auch durch Satellitenbeobachtungen, schon Tausende von Lichtjahren entfernt, einige Kandidaten entdeckt. Ob sich das Leben dort auch tatsächlich entwickelt hat, wäre dann die nächste schwierig zu beantwortende Frage.

Wie entdeckt man so kleine Kometen?

Schilling: Kometen sind relativ gut zu orten durch ihren Schweif. Mit Hochleistungstele-skopen kann man sie deshalb von der Erde aus sehr gut lokalisieren. Kometen sind in einem vorhersagbaren Orbit um die Sonne unterwegs, denn es wirkt hier vor allem die gut bekannte Gravitation. Komet Tschuri benötigt für einen Umlauf um die Sonne 6,6 Jahre, der Komet Halley dagegen über 76 Jahre.

Das Rosetta-Projekt begann vor 25 Jahren, Sie waren schon damals beteiligt. Wie begann alles?

Schilling: Damals wurden die ersten Ideen überprüft, ob man überhaupt so etwas Verrücktes machen kann, wie auf einem Kometen zu landen. Es wurden dann Konzepte entwickelt, wie man sich dem Kometen annähern, die Sonde verankern und wie man dort vernünftig bohren kann, ohne dass man eine nennenswerte Schwerkraft vorliegen hat, die das unterstützt. Letztlich hat die dort vorgeschlagene Technik die Gutachter überzeugt, aber das Projekt musste in den 15 Jahren Entwicklungszeit noch mehrere Wandlungen durchlaufen. Das erste Sondenmodell hatte noch Nuklearbatterien der NASA mit an Bord. Als die NASA ausgestiegen ist, mussten wir Europäer nach anderen Lösungen suchen und kamen auf die beiden großen Solarflügel, jeder mit einer Spannweite von 17 Metern. Sie erzeugen nun die nötige Sonnenenergie, denn Nuklearbatterien haben wir in Europa nicht.

Es klingt verrückt, ein Raumfahrtprojekt über zehn Jahre vorauszuberechnen.

Schilling: Ein wenig ist es das schon. Aber die Planetenbahnen kann man sehr gut vorhersagen. Das ist wichtig, denn die stärksten heutigen Raketen sind nicht leistungsstark genug, um Komet Tschuri zu erreichen. Die Raumsonde muss nah an verschiedenen Planeten vorbeifliegen, um neuen zusätzlichen Schwung aufzunehmen und damit bis zum Kometen zu kommen. Für solche Manöver müssen Sie über den Zeitraum von über zehn Jahren präzise vorhersagen, wo sich Planeten und der Komet zum entsprechenden Zeitpunkt befinden. Das können die Flugdynamiker aber mittlerweile sehr gut.

Welche Kosten umfasste das Projekt?

Schilling: 1,3 Milliarden Euro und es arbeiteten mehrere Tausend hochqualifizierte Ingenieure in ganz Europa an dieser anspruchsvollen Realisierung. Es war eine der bisher teuersten Missionen in der europäischen Raumfahrt-Geschichte.

Sie müssen gespannt sein auf die Ergebnisse?

Schilling: Ja, und es geht noch spannend weiter: Rosetta begleitet jetzt in nächster Nähe den Kometen bei seinem Vorbeiflug an der Sonne. Dadurch heizt er sich auf, sublimiert auch Materialien aus dem Kern und bildet damit den bekannten Schweif. Das ist richtig spannend, denn das sind die unverfälschten Materialien aus der Ursprungszeit des Sonnensystems. Jetzt sitzen die Astrophysiker und Chemiker bereits intensiv daran, die bisher erzielten Messungen auszuwerten und wir können fantastische Ergebnisse aus den Messungen der Landesonde in nächster Zeit schon erwarten.

Gab es Überlegungen, Proben zurück auf die Erde zu bringen?

Schilling: Das waren unsere Träume am Anfang. Dann hätte das Material sehr viel intensiver mit Großgeräten untersucht werden können. Statt Proben zur Erde zu bringen, wurde das Labor zum Kometen gebracht.

Woran ist der Plan gescheitert?

Schilling: Letztendlich am Geld. Technisch wäre es anspruchsvoll, aber möglich gewesen. Nach dem Erfolg dieser aktuellen Mission wäre es ein logischer nächster Schritt, diese Ursprungsmaterialien der Kometen zur Erde zu transportieren.

Die Errungenschaften der Technik haben aber die Welt nicht nur besser gemacht . . .

Schilling: Das ist nicht die Schuld des erzielten Fortschritts, sondern eine Frage, wie die Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten der Technik umgehen. Fortschritt wird man dann erreichen, wenn Natur- und Geisteswissenschaften gemeinsam verantwortlich die Gefahren und Chancen analysieren und beeinflussen. Als Resultat kommt man sicher auch zu dem Schluss, dass manche Forschungen besser nicht fortgeführt werden sollten, andere gezielt aber schon. Da sind die Diskussionen um Gentechnologien und Atomkraft ja gerade besonders aktuell. Aber zurück zur Raumfahrt: Würden Sie auf die Navigation mit GPS verzichten wollen, weil es einen militärischen Ursprung hat? So kann man heute in einer fremden Stadt gezielt an den gewünschten Ort fahren.

Wie konnte dann ein Flugzeug auf seinem Weg von Malaysia nach China verschwinden?

Schilling: Das ist in der Tat verwunderlich, denn es gibt sehr gute Infrastruktur sowohl am Boden als auch Satelliten in Erdumlaufbahnen, die einen ständigen Informationsfluss bereitstellen. Man konnte ja aus den Satellitenbeobachtungen auch einen Teil des Flugverlaufs rekonstruieren. Da müssten mehrere eigentlich unwahrscheinliche Zufälle und Ausfälle zusammenkommen, so dass ein Passagierflugzeug unbeobachtet verschwinden kann.

Ist eine Besiedelung des Mars ernsthaft denkbar?

Schilling: Dafür wissen wir leider vom Mars immer noch zu wenig. Nach den letzten Forschungsergebnissen ist es offensichtlich, dass es Wasser an der Marsoberfläche gegeben hat. Was die Wissenschaft stark beschäftigt, ist die Frage: Warum ist es verschwunden? Wenn uns auf der Erde so etwas passieren würde, wäre dies hochdramatisch. Wir versuchen als Wissenschaftler, unsere Umgebung noch besser zu verstehen, so dass wir Hinweise geben können, was gefährlich sein könnte für die Erde. Wir müssen die Erde bewahren, und dazu müssen wir sie noch besser verstehen.

Ist die Erde ausgeforscht?

Schilling: Nein, bei weitem nicht. Es gibt auch hier jede Menge zu tun. Wir haben hier intensive Sonneneinstrahlung, Vulkanismus, Regen, Erosion, alles ist im Fluss und reagiert ständig mit anderen Bestandteilen. Auch die Lebewesen beschleunigen sehr stark diese Prozesse. Das macht es schwer, auf der Erde in die Urzeit zurückzuschauen.

Wann entstand die Erde?

Schilling: Vor ungefähr 4,6 Milliarden Jahren. In dem rotierenden Urstaub entstanden Wirbel und Verdichtungen, aus denen sich schließlich die Planeten und auch die Erde gebildet haben.

Glauben Sie an Gott?

Schilling: Das ist ein Thema, zu dem ich als Techniker eigentlich nichts sagen kann. Aber als Mensch betrifft jeden von uns der Anfang und das Ende unseres Daseins ganz einschneidend und natürlich muss sich jeder von uns mit diesen wichtigsten Fragen auseinandersetzen. Von den Wissenschaftlern in Theologie, aber auch der Philosophie kommen hier ja eindrucksvolle Anregungen und Anstöße zu möglichen Antworten. Für mich persönlich bejahe ich die Frage nach Gott. Es ist für mich unvorstellbar, wie die wundervolle Ordnung und Harmonie unseres beobachtbaren Kosmos aus reinem Zufall hätte entstehen sollen.

Ist der rationale Wissenschaftler im Konflikt mit dem Menschen Klaus Schilling?

Schilling: Nein, das ergänzt sich. Das sind Welten, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Das Wissen, die Traditionen und die Erfahrungen in diesen beiden Bereichen müssen sich wechselseitig stützen und gemeinsam weiterentwickeln.

Gehen Sie in die Kirche?

Schilling: Ja, sicher.

Der Wissenschaftler Kurt Gödel will in den 40er Jahren Gott in einer mathematischen Formel nachgewiesen haben . . .

Schilling: Ich glaube, die Mathematik kann hier nicht das Wesentliche von Gott oder von Nächstenliebe beschreiben. Wichtig ist doch eher, was Gott in uns bewirkt. Wie er Menschen veranlasst, Gutes zu tun, all dies ist nicht mehr in Formeln zu fassen. Es geht doch darum, wie man die Welt ein Stückchen besser machen kann. Da arbeiten ja die Religionen genauso daran wie auch wir in der Technik.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Schilling: Ich hoffe es.

Wie kann ein Mann der Zahlen hoffen?

Schilling: Das ist eine andere Ebene und das steht nicht im Kontrast zueinander, sondern ergänzt sich. Aber jeder Mensch ist ein sehr faszinierendes komplexes Wesen, das versucht, Wissen und Erfahrungen in Einklang zu bringen, um damit meist Positives zu bewirken.

Wie lange existiert die Menschheit?

Schilling: Vielleicht seit 20 000 Jahren, der Kosmos dagegen rund 4,6 Milliarden Jahre. Bildlich ausgedrückt nimmt die Menschheit im Buch der Entstehungsgeschichte des Universums den Raum eines kleinen i-Tüpfelchens ein. Auch in den gigantischen Weiten des Universums kennen wir nur einen winzigst kleinen Bestandteil wirklich halbwegs gut. Insofern sollten wir uns nicht so wichtig nehmen und mit Demut unser menschliches Wirken bewerten.

Und wie lange wird die Menschheit existieren?

Schilling: Das hängt von uns allen ab und ich hoffe doch, dass es noch ein bisschen weitergeht. Aber wir sind keine Hellseher. Wie oft war die Menschheit schon nah dran, sich auszulöschen? Wenn Vernunft die Weiterentwicklung ermöglicht, werden durch die Forschung die Lebensumstände der Menschen sicher weiter verbessert werden. Wenn sie mit den Astronauten sprechen, sind alle besorgt um die Erde, wenn sie aus dem All zurückkehren. Denn sie haben dort gesehen, wie unser blauer Planet sich gegenüber der Schwärze des Weltalls abhebt, und wie empfindlich die dünne Atmosphärenschicht der Erde ist. Dies steht beispielsweise im Kontrast zu den öden und leeren Oberflächen von Mond oder Mars. Die Raumfahrt führt uns eindringlich vor Augen, dass wir all unsere menschlichen Kräfte einsetzen müssen, um unseren Heimatplaneten als wunderschönen, wohnlichen Platz zu erhalten.

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