„Höllenangst, das ist nicht Jesu Lehre“

Sachbuch: Der Journalist und Buchautor Franz Alt fragt, was Jesus in seiner Muttersprache

Aramäisch wirklich gesagt hat.

Jesus, wie ihn das 19. Jahrhundert gesehen hat: Diese Bergpredigt stammt vom dänischen Maler Carl Bloch.
Foto: Freechristimages | Jesus, wie ihn das 19. Jahrhundert gesehen hat: Diese Bergpredigt stammt vom dänischen Maler Carl Bloch.

Was hat Jesus wirklich gesagt und gewollt? Die Diskussion darüber ist wahrscheinlich so alt wie die christlichen Gemeinden und Kirchen. Nach allem, was die theologische Forschung weiß, wurden die Evangelien in griechischer Sprache verfasst. Der evangelische Pastor Günther Schwarz (1928 - 2009) hatte die Idee, das Neue Testament aus dem Griechischen in die Sprache Jesu, das Aramäische, zurück zu übersetzen. Sein Ergebnis: Dadurch sollen sich andere Inhalte ergeben als im griechischen Text, der auch den verschiedenen Übersetzungen ins Deutsche zugrunde liegt. Der Fernsehjournalist und Buchautor Franz Alt ist von dieser Methode überzeugt und hat auf dieser Basis ein Buch geschrieben, in dem er den aramäischen Jesus wiederentdecken will.

Frage: Herr Alt, Sie schreiben in ihrem neuesten Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“, jede Generation sei aufgefordert, die Aussagen Jesu neu für sich zu überprüfen. Was hat sich denn für Sie ergeben, wenn man Jesus in die aramäische Sprache zurück übersetzt?

Franz Alt: Ich habe jetzt mein fünftes Jesusbuch geschrieben. Mir sind bei meinen früheren Büchern schon einige Widersprüche im Neuen Testament aufgefallen. Der Jesus der Bergpredigt, der Pazifist, kann nicht aufgerufen haben, Schwerter zu kaufen.

Oder die Jungfrauengeburt: 2000 Jahre lang spielen Theologen Ersatzgynäkologen und sagen, Maria sei Jungfrau gewesen. Dabei hat sie noch andere Kinder gehabt. Solche Widersprüche haben mich beschäftigt. Dann bin ich auf die Bücher von Günther Schwarz über den aramäischen Jesus gestoßen. Dort habe ich gelernt: Das Wort Jungfrau gibt es im Aramäischen gar nicht.

Wie haben die Kirchen, katholische und evangelische, auf die Thesen von Schwarz reagiert?

Alt: Gar nicht. Schwarz hat allen Bischöfen beider Konfessionen im deutschsprachigen Raum seine Bücher geschickt, und nicht eine einzige Reaktion erhalten. Da lernt jemand 40 Jahre lang Aramäisch, um den historischen Jesus besser zu verstehen, und die Kirche reagiert nicht – das hat mich als Journalisten aufgeregt. Darüber schreibst Du etwas, habe ich mir gesagt.

Was haben Sie noch herausgefunden?

Alt: An 48 Stellen übersetzt Schwarz das Neue Testament anders. Zum Beispiel spricht der aramäische Jesus achtmal von Wiedergeburt. Der jüdische Gelehrte Schalom Ben-Chorin sagt, zur Zeit Jesu war Wiedergeburt in Israel Volksglaube. Aber die Theologen haben das im Laufe der Zeit per Mehrheitsbeschluss herausgestrichen und Jesus ständig korrigiert. Ich habe jedenfalls ein stark anderes Jesusbild gefunden, als das von den Kirchen überlieferte.

Wiedergeburt ist eine buddhistische Vorstellung, nicht christlich.

Alt: Wiedergeburt geht aus dem aramäischen Kontext hervor. Ich sehe sie mit dem Dalai Lama als zweite Chance, das ist doch vernünftig. Er ist der 14. Dalai Lama und ich glaube, er ist nur so weise, weil in ihm 14 Inkarnationen koordiniert sind. Ganz persönlich: Ich bin seit 49 Jahren mit einer Frau verheiratet, die Erinnerungen an ein früheres Leben hat. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir noch nicht verstehen.

Wie viel Buddhismus steckt im Christen Franz Alt?

Alt: Doch schon einiges. Ich bin nach wie vor Mitglied der katholischen Kirche, aber ich bezeichne mich lieber als „Jesuaner“. Die Idee einer Wiedergeburt gefällt mir sehr, aber die buddhistischen Rituale sind nicht so wichtig für mich. Ob ich bete oder meditiere ist eigentlich egal. Es ist eine Mischung, die ich mir zurecht gelegt habe. Ich sehe mehr darauf, was alle Religionen verbindet: An einer besseren Welt zu arbeiten.

Haben Sie noch ein Beispiel für eine Rückübersetzung?

Alt: Es gibt die Geschichte von Jesus und dem Kinderschänder: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt“ beginnt die Stelle im Markusevangelium. Das angebliche Jesuswort besagt dann, es wäre besser, es würde ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er würde in der Tiefe des Meeres versenkt. Aber Jesus war doch ein Menschenfreund und hat sicher auch Kinderschänder nicht verdammt. Günther Schwarz übersetzt die Stelle ganz anders: Kinderschänder, das ist, als wenn ein Mühlstein an eurem Hals hängt und ihr würdet in die Tiefe des Meeres versenkt werden. Das ist keine Verdammnis, sondern die Intention, den Anderen zu verstehen, ihm zu helfen, dass er sich ändert. Die Kirche hat daraus Angst vor Höllenstrafen gemacht. Höllenstrafen – das ist nicht Jesu Lehre!

Die Frage ist aber auch: Bei dieser Rückübersetzung kann es Fehler geben und neue Spielräume für Interpretationen. Wie gehen Sie damit um?

Alt: Das ist nicht auszuschließen. Schwarz hat immer betont, dass seine Rückübersetzungen den augenblicklichen Stand seines Wissens widergeben. Er hat immer gesagt, ich kann mich irren. Er war kein Rechthaber, er war ein Lernender. Das hat mich an ihm überzeugt. Das ist mir lieber, als wenn ein Bischof sagt, das machen wir seit 2000 Jahren so.

Wie beten Sie das Vaterunser?

Alt: Schwarz hat es einfacher übersetzt. Statt „und führe uns nicht in Versuchung“ übersetzt er einmal „und führe uns in der Versuchung“, ein andermal „und rette uns aus unserer Versuchung“. Gott ist doch kein Sadist, der darauf lauert, dass wir etwas falsch machen. Jesus hat doch von einem liebenden Vater gesprochen. Jesus hätte auch nicht das Glaubensbekenntnis gebetet: Wenn Gott der Allmächtige wäre, wie er dort genannt wird, würde er keine Kinder in Afrika verhungern lassen.

Sie kommen zu Folgerungen, über die gläubige Leser sicher stolpern werden: Jesus wäre demnach nicht Gott gewesen, wie es auch im Glaubensbekenntnis steht.

Alt: Jesus hat sich selbst nie als Gott bezeichnet, er hat von Gott als seinem Vater gesprochen, aber Söhne und Töchter Gottes, das sind wir alle auch. Die kritische Bibelwissenschaft weiß das schon lange, aber in der Volksfrömmigkeit ist es noch nicht angekommen.

Aber die Kirche bekennt, dass Jesus Gott sein muss, sonst hätte er uns nicht erlösen können.

Alt: Das ist eine ganz schlimme Sache, das Erlösungswerk. Erlösen kann sich jeder nur selbst, indem er etwas dafür tut. Gott hat nur unsere Hände, um das Gute zu tun. Wenn wir Atomkraftwerke bauen, ist es unsere eigene Schuld.

Sie folgern auch: Jesus ist nicht am Kreuz gestorben und nach drei Tagen auferstanden, sondern er hat die Kreuzigung überlebt und wurde gesund gepflegt.

Alt: Ich habe mir schwergetan, das zu schreiben und es letztlich auch offengelassen. Feststeht: Es gibt Berichte, dass er nach der Kreuzigung gesehen wurde, gesprochen und gegessen hat. Nur: Die Naturgesetze sagen, tot ist tot. Wieso soll Gott eine Ausnahme machen? Nirgendwo im Neuen Testament steht, dass Jesus tot war. Es heißt „Er gab seinen Geist auf“. Im Aramäischen heißt das, er war bewusstlos. Er wurde gepflegt und konnte nach drei Tagen das Grab verlassen. Das halte ich für denkbar, aber ich sage noch einmal, ich habe es im Buch offengelassen. Muss ich die Auferstehung glauben, wenn ich die Möglichkeit habe, das rational zu erklären?

Was fasziniert Sie so an Jesus? Sie nennen ihn „den einzigartigsten Menschen aller Zeiten“.

Alt: Das Geheimnis dieses Meisters aus Nazareth und der ganzen Jesus-Botschaft ist für mich sein unglaubliches Gottvertrauen. Wir sagen Glaube dazu, aber das Wort Glaube ist für mich immer mit Rom verbunden und der Drohung „wehe, wenn du nicht glaubst“. Schon im Griechischen ist „pistis“ immer Glaube und Vertrauen. Schon aus dem Griechischen kann ich es anders übersetzen, ohne dass der erhobene moralische Zeigefinger dabei ist. Wenn zwischen zwei Menschen Vertrauen herrscht, ist vieles möglich, was sonst nicht ginge. Wenn ich nur glaube, und immer wieder überprüfen muss, ob es auch stimmt, funktioniert es oft nicht.

Ihr Ideal ist ein Jesus ohne die Amtskirchen beider Konfessionen?

Alt: Alle Institutionen sind Machtstrukturen. Genau davor hat der Meister aus Galiläa immer gewarnt. Vor Macht und vor Geld. Das sind die großen Verführer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus einen Petrus beauftragt, der erste Papst zu sein, nach dem sich alles richten muss. Das passt überhaupt nicht zu Jesus. Das ist im dritten und vierten Jahrhundert dazu gezaubert worden. Papst Franziskus hat ja gesagt, er will eine Kirche von unten, und damit hat er das Papstamt praktisch schon abgeschafft.

Was ergibt die Methode von Günther Schwarz in dieser Frage?

Alt: Nach Günther Schwarz ist das vermeintliche Jesuswort an Petrus – „Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue“ – ein Gotteswort an Jesus: Du bist der Fels. Aber weil der aramäische Name „Kephas“, der Simon gegeben wurde, genau wie „Petrus“, Stein oder Fels bedeutet, konnte man das leicht auf den Apostel Petrus ummünzen. Ich bleibe dabei: Wir müssen zum aramäischen Jesus zurück, zum Ur-Jesus, dann kommen wir an die Quelle. Dann sind viele Streitpunkte weg: Die Jungfrauengeburt, die eine „heilige katholische Kirche“, die ökumenischen Streitfragen. Dann ist alles viel menschlicher und wenn es menschlich ist und nicht dogmatisch, kann man sich an der Quelle viel eher verständigen. Das ist der aramäische Ur-Jesus, deswegen glaube ich, dass das Buch wichtig ist: Jesus an der Quelle finden.

Kritiker schreiben, das ist ein echter Alt.

Alt: . . . das ist ja nichts Schlechtes!

. . . er missbraucht Jesus für seine Lebensthemen – Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Frieden, Ökologie. Ärgert Sie das?

Alt: Das sind ja die Themen Jesu. All das, was in meinen Büchern steht, hat Jesus gefordert. Das ist genau richtig, warum soll mich das ärgern? Die Lehre Jesu ist eine ethische Basis, die uns heute helfen kann.

Noch eine Kritik: Alt wirft der Kirche vor, Jesus zu überhöhen, tut es aber selbst auch.

Alt: Nein, ich stelle Jesus auf die Erde, auf der er selber stand. Zum Beispiel, indem ich sage, er war kein Gott. Ich will fragen, was Jesus uns heute zu sagen hat, will ihn heutig machen, aber nicht überhöhen.

Und was hat Jesus uns heute zu sagen? Zur Flüchtlingskrise etwa?

Alt: Vielleicht würde er sagen: Was heute Assad ist, war damals Herodes. Und meine Eltern waren Flüchtlinge. Weihnachten ist ein Flüchtlings- und Ausländerfest. Jesus hätte Verständnis für Flüchtlinge. Mein Freund, der Dalai Lama, ist seit 60 Jahren ein Flüchtling. Alle Religionen wollen eines: die Liebe. Die Liebe ist die eigentliche neue Religion. Wenn wir das verstünden, würden wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen wie gerade in Syrien.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Alt: Angst vor dem, was nach dem Tod kommt, habe ich weniger. Es gibt ja eigentlich keinen Tod, sondern eine Wiedergeburt. Ich habe eher Angst vor Krankheit, vor Demenz. Ich habe aber die Hoffnung, dass auch eine Krankheit noch einen Sinn ergeben könnte. Dann wird man besser damit fertig.

Zum Werk und zum Autor

Günther Schwarz war evangelischer Theologe (1928 bis 2009). Er entwickelte eine von der wissenschaftlichen Theologie nicht übernommene Methode der Rückübersetzung von Texten des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Aramäische, die Sprache Jesu. 1993 veröffentlichte er sein Buch „Das Jesus-Evangelium“.

Laut der Homepage (www.jesus-forscher.de), die sein Sohn betreut, ging er davon aus, dass die wirkliche Lehre Jesu „in unseren Bibeln nur noch stark entstellt enthalten ist. Er versuchte die wirklichen Worte Jesu über das Aramäische, der Alltags- und Lehrsprache Jesu, wiederherzustellen.“ Seine These: Die frühchristlichen Übersetzer und Textbearbeiter hätten das, was Jesus in Aramäisch verkündigt und gelehrt hat, „überwiegend so falsch übersetzt, dass der von Jesus gemeinte Sinn nur selten erkennbar ist“. Der Grund sei meist ungenügende Kenntnis des Griechischen oder des Aramäischen.

Franz Alt ist Fernsehjournalist und Buchautor (geb. 1938). 20 Jahre moderierte er für den Südwestfunk das Politikmagazin „Report“. Elf Jahre leitete er die Zukunftsredaktion des Senders. Seine Bücher erreichen eine Auflage von über zwei Millionen. Jesus hat er fünf Bücher gewidmet: „Frieden ist möglich“, „Liebe ist möglich“, „Jesus - der erste neue Mann“, „Der ökologische Jesus“. Neu ist:

„Was Jesus wirklich gesagt hat. Eine Auferweckung.“ Gütersloher Verlagshaus, 352 Seiten, gebunden, 22,90 Euro. Text: San

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