„Ich, erbärmlich in meinem Sein“

Phänomen Hildegard von Bingen: Die Ordensfrau lebte vor 900 Jahren. Ganz vergessen war sie nie. In den 1970er Jahren begann ihre Wiederentdeckung in der Klostermedizin, die einen Hildegard-Boom auslöste. Nun ist sie sogar die erste deutsche Kirchenlehrerin.
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Eine Kultfigur ist sie längst, seit kurzem sogar Kirchenlehrerin. Hildegard von Bingen ist die bislang einzige deutsche Frau, die den Ehrentitel „Doctor ecclesiae“ tragen darf. Die Nonne hat neben dieser offiziellen Auszeichnung weitere beeindruckende Beinamen: Sich selbst hat sie als „Posaune Gottes“ bezeichnet, von anderen wird sie „Rheinische Sybille“ oder „Prophetissa Teutonica“ genannt, die deutsche Prophetin, darüber hinaus als „Deutschlands größte Frau“ gerühmt und seit Jahrhunderten als Volksheilige verehrt, obwohl ihre Kanonisierung erst vor wenigen Monaten im Schnelldurchlauf erfolgte. Sie war bei ihren Zeitgenossen hoch angesehen, Kaiser und Könige, Theologen und Päpste schätzten sie – ebenso der aktuelle katholische Oberhirte.

Papst Benedikt XVI. beschrieb sie bei zwei Generalaudienzen im Herbst 2010 als „bedeutende Frauengestalt des Mittelalters, die sich durch geistliche Weisheit und Heiligkeit des Lebens auszeichnete“. Er betonte, „dass auch die Theologie einen besonderen Beitrag von den Frauen erhalten kann, denn sie sind in der Lage, mit der ihnen eigenen Intelligenz und Sensibilität über Gott und die Glaubensgeheimnisse zu sprechen“. Mit diesen Worten war klar, dass die berühmte Benediktinerin aus dem Rheinland rund 830 Jahre nach ihrem Tod in der Achtung des Papstes ganz oben angekommen ist. Sozusagen über Nacht machte er Hildegard im Mai vergangenen Jahres zur Heiligen der Universalkirche, im Oktober erhob er sie in den elitären Kreis derer, die einen prägenden Einfluss auf die Theologie der christlichen Westkirche hatten – und haben. Nur vier Frauen wurden bislang zur Kirchenlehrerin ernannt: 1970 Teresa von Avila und Katharina von Siena, 1997 Thérese von Lisieux und nun Hildegard von Bingen.

Nicht nur in Kirchenkreisen, auch bei weltlichen Sinnsuchern steht sie im Blickpunkt. Hildegard wird als Ökotante vermarktet und gilt als die erste Emanze. Mit Hildegards Tinkturen und Rezepten, Kräuter- und Gewürzmischungen wird gefastet, gekocht und gebacken. Wer's glaubt, heilt mit der von ihr zugeschriebenen magischen Kraft der Steine seine Zipperlein. Erdverbundene Pragmatiker setzen eher auf warme Füße und gute Verdauung dank Hildegards Erkenntnisse über die positiven Eigenschaften von Dachsfell und Dinkel. Jetztzeitmystiker versetzen sich verzückt in ihre Visionen und lauschen fasziniert ihren musikalischen Kompositionen. Psychologen und Psychotherapeuten attestieren der Ordensfrau eine narzisstische Persönlichkeit, Neurologen erkennen in ihr eine Migränepatientin.

Jede Gruppe pickt sich einen Teil aus ihrem Werk und Wirken und ihrer Persönlichkeit heraus, interpretiert sie in seinem Sinne, hebt sie in den Himmel, schüttelt verwundert den Kopf, analysiert sie wissenschaftlich oder verlässt sich auf sein Gefühl. Hildegard fasziniert. Und sie scheint es vielen auf ganz unterschiedliche Weise recht zu machen. Das macht sie zu einem Phänomen.

Für Dr. Johannes Gottfried Mayer ist sie „radikal ganzheitlich“. Der Leiter der bundesweit einzigen Forschergruppe Klostermedizin, ein gemeinsames Projekt des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg und des Arzneimittelherstellers Abtei, hat gerade eine Neuauflage des vergriffenen Handbuches zur Klosterheilkunde herausgegeben (siehe Text auf der linken Seite). Mayer schreibt darüber hinaus an einem Buch, in dem Hildegard mehr als ein Kapitel gewidmet ist. Der Wissenschaftler beleuchtet nicht nur ihre Bedeutung innerhalb der mittelalterlichen Heilkunde. Er bezieht bei seiner Betrachtung ihres Werkes „Causae et curae“ (Von der Ursache und Behandlung der Krankheiten) auch ihre kosmologische Weltsicht mit ein. „Der Mensch hat nämlich Himmel und Erde in sich“, war Hildegard überzeugt.

„Causae et curae“ ist laut Mayer „weit mehr als ein medizinisches Werk“. Die Nonne umkreist darin in scheinbar ungeordneter Reihenfolge und in ihrer sehr eigenwilligen Sprache die Themen Schöpfung, Sexualität und Fortpflanzung, ebenso die Beziehung von Körper und Seele und den Zusammenhang von Lebensführung und Erkrankung. „Alles geht bei ihr ineinander über.“ Und im Textaufbau erkennt der Wissenschaftler sehr wohl eine Ordnung: in ständig wiederkehrenden Schleifen. Sie erinnern ihn an eine Musikkomposition mit Refrain, der lautet: „Der Mensch ist aus den vier Elementen geschaffen.“ Wenn dieser Satz kommt, dann weiß Johannes G. Mayer: „Jetzt kommt eine neue Strophe.“ Im Zuge seiner Forschungen ihres Textes hat er diese Besonderheiten des Textes erkannt und war verblüfft – wieder einmal – über die Universalität der Frau, die in einer Zeit lebte, in der ihren Geschlechtsgenossinnen das Bücherschreiben, Predigen oder sogar das Auslegen der Heiligen Schriften nicht zugestanden wurde. Genau das hat Hildegard getan.

Sie leistete sich noch mehr, äußerte sich über Erotik, beschrieb den weiblichen Orgasmus, ebenso „Männer mit einer besonders männlichen Geschlechtskraft“. Dabei zog sie ungewöhnliche Vergleiche, sprach von zwei zeltartigen Gebilden, „in die er bläst wie eine Esse. Diese beiden Organe umgeben den Stamm aller männlichen Kräfte und sind ihm eine Hilfe; so baut man ja auch kleine Gebäude als Bollwerke um einen Turm. Und deshalb sind ihrer zwei, damit sie um so kräftiger den besagten männlichen Stamm umgeben, festigen und aufrichten können.“ Diese Worte diktierte Hildegard ihrem Sekretär und lebenslang nahestehenden geistlichen Beistand, dem Mönch Volmar, Propst im Kloster Disibodenberg. Seine Reaktion ist allerdings nicht überliefert.

Die Leiterin der Frauenklause war bereits 42 Jahre alt und lebte seit gut 30 Jahren hinter Klostermauern auf dem Berg des heiligen Disibod, als sie erstmals mit ihren göttlichen Visionen ins Licht der Öffentlichkeit und damit auch aus dem Schatten ihrer Vorgängerin und Lehrerin Jutta von Sponheim trat. Hildegard erzählte zuerst Volmar von ihren „Gesichten“, die sie seit frühester Kindheit hatte und die sie erschreckten und sehr verunsicherten. „Ich weinte oft“, bekannte Hildegard später im Vorwort ihres ersten Werkes „Scivias“ (Wisse die Wege). Deshalb hat sie lange geschwiegen. Doch im Jahr 1141 forderte das „lebendige Licht“ sie auf, alles aufzuschreiben. Die Geschichte nahm ihren Lauf.

Allerdings war der Grat schmal – ob ihre Visionen als von Gott kommend angesehen werden oder eher als Teufelwerk. Hildegard blieb nicht untätig und fragte den einflussreichsten Geistlichen ihrer Zeit: Abt Bernhard von Clairvaux. In diesem Brief zeigt sich erstmals ihr taktisches Geschick, mit dem sie all ihre Ziele unermüdlich verwirklichen sollte. Sie gab sich unterwürfig und ungebildet, blieb aber hartnäckig. „Ich, erbärmlich und mehr als erbärmlich in meinem Sein als Frau“, schrieb sie Bernhard. Die entscheidende Antwort ließ ihr Papst Eugen III. ausrichten. Hildegard soll ihre Visionen aufschreiben. Das „lebendige Licht“ befahl ihr kurz darauf, ein eigenes Kloster zu gründen – auf dem Rupertsberg hoch über Bingen. Die Nonne wurde Äbtissin. Später kam noch ein Tochterkloster in Eibingen hinzu. Damit war ihr Weg nicht zu Ende. Ihre Visionen und enzyklopädisches Wissen füllten weitere Handschriften. 1179 stirbt sie hochbetagt.

Hildegards Verehrung beruhte vor allem auf ihren göttlichen Eingebungen. Ihre heilkundigen Ausführungen brauchten Jahrhunderte, bis sie die Welt eroberten. 1970 begann ihre Karriere als Kräuterfrau. Damals prägte der österreichische Arzt Gottfried Hertzka den Begriff „Hildegard-Medizin“, vermarktete ihn erfolgreich und löste einen Hildegard-Boom aus. In Konstanz behandelte er seine Patienten bereits seit Jahren mit von ihm entwickelten Rezepturen, die sich an Hildegard orientierten. Seine Nachfolger kreierten darüber hinaus eine Ernährungstherapie. Darin nimmt der Dinkel einen hohen Stellenwert ein. Nur: „Die Dinkel-Rezepte sind ein Bluff, von Hildegard gibt es kein einziges“, sagt der Würzburger Medizinhistoriker Mayer. Allerdings äußerte sich die Ordensfrau lobend über die Getreidesorte, deren positive Eigenschaften laut Mayer unbestritten sind. „Dinkel ist eine gute Alternative zu Weizen, gerade für Allergiker. Und er ist ursprünglicher, nicht so hochgezüchtet und leicht verdaulich.“ Der Dinkel hätte wahrscheinlich auch ohne die Werbung der Hildegardianer am Bodensee Einzug in die Vollwertküche gehalten – nur nicht so schnell.

Es gibt viele Hildegard-Rezepte, die nicht authentisch sind. „Wir können dennoch viel von ihr lernen, aber man kann nicht generell sagen: Alles ist gut bei ihr oder alles ist schlecht“, sagt Mayer, der die Hildegard-Medizin lieber Gewürz-Medizin betiteln würde. Denn in diesem Bereich gebe es bei ihr „die meisten Treffer“, das heißt, die gesundheitlichen Wirkungen konnten nachgewiesen werden. Beispielsweise für Salbei, Muskatnuss, Galgant, Ingwer und Zimt. „Gerade für den Ingwer gibt es sehr gute Studien. Sie bestätigen seine positiven Inhaltsstoffe und Eigenschaften.“ Fernsehkoch Alfons Schuhbeck, der mit Johannes Mayer seit mehreren Jahren in regem Austausch steht, schwört bekanntlich sehr auf Ingwer – in jeder Form.

Nichts mit Klostermedizin haben Hildegards Ausführungen über die Kraft der Steine zu tun. „Damit bewegt sie sich im Bereich der weißen Magie“, sagt Mayer. Auch bei einigen Pflanzen kommt Übernatürliches ins Spiel. So regte die heilkundige Nonne an, bei geistiger Verwirrung eine Schlüsselblume samt Wurzel auf die Stirn des Betroffenen aufzulegen, weil sie die Kraft der Frühlingssonne in sich trägt. Johannes Mayer schmunzelt: „Das ist zauberisches Denken. Niemand würde dazu eine klinische Studie starten.“

Lebensstationen Hildegards

Bermersheim oder Niederhosenbach gelten als Geburtsorte Hildegards. Sie wird 1098 als jüngstes von zehn Kindern geboren. Ihre adeligen Eltern sind Hildebert und Mechthild.

Nach neueren Forschungen beginnt ihr Leben im Benediktinerkloster Disibodenberg nicht im Alter von acht, sondern von 14 Jahren. Ihre Lehrerin ist Jutta von Sponheim. Nach Juttas Tod wird Hildegard 1136 zu ihrer Nachfolgerin als Leiterin der Nonnengemeinschaft innerhalb des Männerklosters gewählt.

Zwischen 1147 und 1150 gründet Hildegard auf dem Rupertsberg bei Bingen ihr eigenes Kloster, 1165 in Eibingen auf der gegenüberliegenden Rheinseite ein Tochterkloster. Dorthin werden nach ihrem Tod 1179 ihre Gebeine überführt und bis heute als Reliquie verehrt.

Predigtreisen führen Hildegard unter anderem nach Köln, Trier, Metz, Kitzingen, Würzburg und Bamberg. Text: cj

Die Seherin: Hildegard empfängt eine göttliche Botschaft. Miniatur aus ihrem Werk „Scivias“ (Rupertsberger Codex).
| Die Seherin: Hildegard empfängt eine göttliche Botschaft. Miniatur aus ihrem Werk „Scivias“ (Rupertsberger Codex).
Kosmos Mensch: Die Miniatur aus dem sogenannten Codex Lucca des „Liber divinorum operum“ zeigt eine Vision Hildegards.
| Kosmos Mensch: Die Miniatur aus dem sogenannten Codex Lucca des „Liber divinorum operum“ zeigt eine Vision Hildegards.
Der mystische Leib: Illustration aus dem um 1165 entstandenen Hildegardis-Codex (Faksimile), der sich in Eibingen befindet.
| Der mystische Leib: Illustration aus dem um 1165 entstandenen Hildegardis-Codex (Faksimile), der sich in Eibingen befindet.
Blaue Vision: Miniatur aus dem sogenannten Lucca-Codex (um 1220/30) des „Liber divinorum operum“ Hildegards.
| Blaue Vision: Miniatur aus dem sogenannten Lucca-Codex (um 1220/30) des „Liber divinorum operum“ Hildegards.
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