„Natürlich gibt es da Bilder, die nicht mehr weggehen“

Till Mayer unterwegs im Krisengebiet
| Till Mayer unterwegs im Krisengebiet

Der Mann ist müde. Seine Augen sind geschlossen, sein Gesicht ist ausdruckslos. Da sind Risse in der Wand hinter ihm, Einschläge im Beton, Trümmer am Boden. Der Mann trägt eine kugelsichere Weste, in seiner Armbeuge ruht eine Kalaschnikow. Es wirkt, als würde er einmal kurz innehalten mitten im Krieg, das letzte bisschen Kraft in sich zusammensuchen, während um ihn herum gerade alles zerfällt.

Der Mann heißt Sergiy und ist ukrainischer Soldat. 1999 war er im Kosovo im Einsatz, seit 2014 kämpft er an der Front nahe Donezk. Zu Hause wartet die Familie, die er dazwischen gegründet hat. Auf Seite 114 des neuen Buches von Till Mayer wird er sagen: „Meine Seele fühlt sich leer an.“ Till Mayer hat Sergiy auf einer seiner Reisen in die Ukraine an der Front fotografiert. Das Bild vom müden Soldaten ist das Titelbild seines neuen Buches „Dunkle Reisen“ – eine Auswahl von Bildern und Reportagen aus vielen Jahren Arbeit in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt.

Der erste Satz, den der 46-Jährige darin schreibt: „Ein Krieg prägt.“ Er hat erlebt, wie Kriege Menschen verändern, Familien, Länder, Gesellschaften. Und ihn selbst. Seine dunklen Reisen, schreibt er weiter, hätten mit einem Krieg begonnen, der lange vor seiner Geburt endete: Als er die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Schrecken des Zweiten Weltkrieges betrachtet hat, war er etwa elf Jahre alt. Da war der Krieg das absolut Böse, weit weg, nicht zu fassen. Als Volontär fuhr er dann zum ersten Mal selbst in einen Krieg, mit einem Hilfsgüterkonvoi nach Bosnien. Da war der Krieg auch ein bisschen Abenteuer.

Seitdem hat er viele Kriege und ihre Folgen gesehen, allein in „Dunkle Reisen“ sind 13 verschiedene Regionen der Erde vertreten, in Nord- und Südamerika, Afrika, Asien. Und in Europa. Heute weiß Mayer: Der Krieg ist weder ein Abenteuer noch unfassbar. Wenn man ihm sehr nah kommt, greift er einem sogar direkt ans Herz. Er kann, wenn er heimkommt von einer Reise zum Krieg, „die Tür zumachen“, das eigene Leben weiterleben, weiter genießen, sagt Till Mayer in Lichtenfels, wo er als Redakteur beim „Obermain-Tagblatt“ arbeitet. „Aber natürlich gibt es da Bilder, die nicht mehr weggehen.“ Im Buch nennt er das Gefühl eine Krake in der Brust, deren Druck er spürt, wenn sie die Arme ausstreckt. Er schreibt auch: Seine Krake sei eine kleine im Vergleich zu denen, die die Menschen in sich tragen müssen, die er unterwegs trifft.

Alle von Mayers Bildern sind schwarz-weiß. Sie bilden die leisen Gefühle ab, die stumme Traurigkeit in den Augen von Kriegsveteranen, die Müdigkeit in den gebeugten Schultern der Mütter von Agent-Orange-Opfern. Aber auch den trotzigen Stolz im Blick der Kriegsversehrten, das Lachen spielender Kinder im Flüchtlingslager. Es sind Bilder, die nicht schocken, aber lange nachwirken. Wer schon lange nichts mehr fühlt bei den Todeszahlen in den Nachrichten, im Angesicht der Bilderflut in den Medien – der lässt sich vielleicht von diesen Bildern berühren, hält inne, denkt nach. Soldat Sergiy erzählt in Mayers Porträt nicht vom Töten, sondern von zwei Kindern, die auf ihn warten.

Für „Dunkle Reisen“ hat der Bamberger seinen Reportagen und Bildern jeweils einen Hintergrund, einen größeren Kontext gegeben: zusätzliche Rechercheergebnisse, nüchterne Fakten zu dem Konflikt, der das Leben der Protagonisten prägt. Aber auch über seine eigenen Gefühle und Eindrücke während der Reise schreibt er. In den Irak zum Beispiel reiste er zweimal, 2003 war er dort fast für ein halbes Jahr im Einsatz. Nur eine Woche lang ein zweites Mal 2017, um Zivilisten zu treffen, die vom Islamischen Staat als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden. „Nichts“, schreibt Mayer dazu, „wirklich nichts, so empfand ich es, war besser geworden.“ Früher, sagt er, habe er immer die Überzeugung gehabt, dass alles besser werden würde. Trotz der schlimmen Bilder, die er sah.

„Es ist zur Zeit nicht leicht, die Überzeugung aufrecht zu halten.“ Bei diesen Worten wirkt sein Gesicht ähnlich müde wie das von Sergiy, dem Soldaten. Das macht es nicht leichter, ist aber für ihn kein Grund zum Aufhören. Sondern ein weiterer zum Weitermachen. Denn der Krieg kommt immer näher. Vergessene Konflikte auf europäischem Boden wie der in der Ukraine. Rechtsradikale in Tschechien, die eine Stadt spalten. Das sind zwei Geschichten aus „Dunkle Reisen“.

„Dunkle Reisen“ soll daran erinnern, wie verwundbar Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie sind, schreibt Mayer, der auch immer wieder Hilfsorganisationen begleitet und über deren Arbeit auch in dieser Zeitung berichtet, im Buch. Es ist das richtige Buch in einer Zeit, in der so vieles falsch ist. Viele, glaubt Mayer, wollen Bilder wie seine nicht sehen, heute noch weniger als früher. Aber wenn man sie ihnen zeigt, schauen sie trotzdem hin. Und lassen sich oft berühren. Schüler hören zu, wenn er von den Welten außerhalb ihrer Filterblase erzählt, Menschen mit den verschiedensten politischen Ansichten und sozialen Hintergründen engagieren sich gemeinsam für Hilfsprojekte, die aus seinen Reportagen entstanden sind. Till Mayer hat noch eine zweite Überzeugung, wegen der er immer weiter auf seine dunklen Reisen gehen wird: „Dass der Mensch an sich doch schon etwas sehr Gutes ist.“

Till Mayer: Dunkle Reisen, Verlag Erich Weiß 2018, 128 Seiten; 15 Euro

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