BERLIN

Starker Kostenanstieg bei Krankenkassen

Syringe with 500 euro note PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY 09872CS U       -  Umstrittene Geldspritze: Die Zusatzbeiträge vieler Krankenkassen-Versicherter könnten bis 2020 für Durchschnittsverdiener auf über 600 Euro im Jahr steigen.
Foto: Imago | Umstrittene Geldspritze: Die Zusatzbeiträge vieler Krankenkassen-Versicherter könnten bis 2020 für Durchschnittsverdiener auf über 600 Euro im Jahr steigen.

Ausgerechnet im Wahljahr 2017 müssen die mehr als 53 Millionen Bundesbürger, die Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse sind, mit stark steigenden Zusatzbeiträgen rechnen. Bis zum Jahr 2020 könnten sich diese Beiträge, die ausschließlich die Arbeitnehmer und die Rentner aufzubringen haben, von derzeit im Durchschnitt 1,1 Prozent auf bis zu 2,4 Prozent mehr als verdoppeln, bei finanzschwachen Krankenkassen drohen sogar noch höhere Zusatzbeiträge. Diese Zahlen, über die zuerst Spiegel online berichtete, liegen deutlich über den internen Schätzungen der Kassen, die bislang bekannt geworden sind.

Ein Durchschnittsverdiener mit einem beitragspflichtigen Einkommen von 2000 Euro müsste in diesem Fall in vier Jahren 48,40 Euro pro Monat zusätzlich bezahlen, derzeit sind es 22,20 Euro. Bei einem Bruttoeinkommen von 4000 Euro stiege der Zusatzbeitrag von 44,40 Euro auf stolze 96,80 Euro pro Monat – fast 1200 Euro im Jahr. Zudem steigt nach einem Beschluss der Koalition auch der Beitrag zur Pflegeversicherung, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte bezahlen, am 1. Januar um 0,2 Punkte.

„Die Reformen der letzten Jahre haben sich nicht mit Einsparungen beschäftigt, sondern die Kosten erhöht.“
Doris Pfeiffer, Chefin des Kassenverbandes

Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, klafft in den Kassen der Krankenkassen derzeit ein Loch von 14,4 Milliarden Euro, bis 2020 steigt das Defizit auf bis zu 37 Milliarden. Wegen des deutlichen Anstiegs der Ausgaben reichen den Allgemeinen Orts-, den Ersatz sowie den Innungskassen die Überweisungen aus dem Gesundheitsfonds, in den die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie die Steuermittel aus dem Bundeshaushalt fließen, längst nicht mehr aus. Schon in diesem Jahr mussten etliche Kassen die Zusatzbeiträge zum Teil deutlich erhöhen.

Nach Wasems Berechnungen steigen die Gesundheitsausgaben viel schneller als die Einkommen der Versicherten. Gleichzeitig nehme durch die demografische Entwicklung die Zahl der Alten zu, während sich die Zahl der Beitragszahler langfristig verringere. Der Gesundheitsökonom kritisierte zudem, dass die Politik sich in den vergangenen Jahren nicht an eine Drosselung der Ausgaben gewagt habe. Ähnlich argumentierte auch Doris Pfeiffer, die Vorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung: „Die Reformen der letzten Jahre haben sich nicht mit Einsparungen beschäftigt, sondern die Kosten erhöht.“

Auch die Politik sieht das Problem, dass ohne Gegensteuern die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben immer größer wird. „Der große Kostenanstieg rollt erst an“, prognostiziert der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach. Das Gesundheitssystem stehe vor wesentlich stärkeren Reformen als das Rentensystem. Nach seinen Worten steigen allein durch die Baby-Boomer-Generation, die nun in das Alter schwerer Erkrankungen wie Krebs komme, die Kosten auf Dauer um acht bis zehn Prozent pro Jahr. Alleine durch Sparen würde man diese Entwicklung nicht in den Griff bekommen.

Sozialdemokraten, Grüne und die Linke sowie Sozialverbände forderten als Konsequenz eine Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Gesundheitskosten durch Arbeitgeber und Versicherte. Es könne nicht sein, dass ausschließlich den Versicherten die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen aufgebürdet würden, sagte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Edgar Franke (SPD). Linken-Chef Bernd Riexinger sprach sich für die Bürgerversicherung aus. „Alle müssen einzahlen.“

„Leistungen für das gesamte Gesundheitssystem müssen von allen Bürgern bezahlt werden.“
Ulrike Mascher, VdK-Präsidentin

Auch Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, kritisierte die einseitige Belastung der Versicherten. „Leistungen für das gesamte Gesundheitssystem wie der Krankenhausstrukturfonds, der Innovationsfonds, die Patientenberatung und die Prävention müssen von allen Bürgern bezahlt werden, und nicht nur von den Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen.“ Dies gelte auch für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge, die nach den Plänen von Gesundheitsminister Hermann Gröhe aus dem Gesundheitsfonds erfolgen solle.

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