SANTIAGO DE CHILE/WÜRZBURG

Was wussten Pinochets deutsche Freunde?

Einst Ort düsterer Machenschaften: Eingang zur Colonia Dignidad.
Foto: Archivdpa | Einst Ort düsterer Machenschaften: Eingang zur Colonia Dignidad.

Die Führung um Chiles Diktator Augusto Pinochet (1973-1990) wusste von den düsteren Machenschaften in der Colonia Dignidad. Aber auch in Deutschland waren ranghohe Berater aus dem rechtskonservativen politischen Umfeld im Bilde. Einige versuchten sogar, die kriminellen Vorgänge in der Siedlung mit dem zynischen Namen „Kolonie der Würde“ zu verschleiern. Das legen zumindest Geheimdokumente der damaligen Militärregierung nahe, die der Nachrichtenagentur dpa in Chile vorliegen.

Die Colonia Dignidad war unter ihrem 2010 gestorbenen Gründer Paul Schäfer ein befestigtes Lager mit sektenähnlichen Strukturen. Wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen verurteilte ein Gericht Schäfer 2006 zu 20 Jahren Gefängnis. Die seit 1991 in „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) umbenannte landwirtschaftliche Anlage liegt etwa 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile. Während der Pinochet-Diktatur war die damals hermetisch abgeschirmte Anlage Erkenntnissen zufolge eines der berüchtigten Folterzentren von Chiles Geheimpolizei.

„In diesem Organismus (Colonia Dignidad) sind tatsächlich schwere Deliktsituationen aufgetreten“, räumte Chiles Vize-Außenminister General Francisco Ramírez Migliassi in einem Geheimmemorandum mit der Registriernummer 09577 ein. Das Dokument mit Datum vom 29. Oktober 1987 wurde an den damaligen Innenminister, den Ex-Senator der mitregierenden Unión Demócrata Independiente, Sergio Fernández, weitergeleitet. Es sollten Handlungsoptionen geprüft werden, denn es gab Warnungen, die Causa „Colonia“ könnte in deutschen Medien massiv hochkochen.

Diese Warnung kam vom damaligen Kuratoriumspräsidenten der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Ludwig Martin, und dem Präsidenten des privaten Instituts für Demokratieforschung, Lothar Bossle, wie Top-Diplomat Migliassi dem chilenischen Innenministerium erklärte. Der Würzburger Soziologie-Professor Bossle war auch als enger Berater für ranghohe CDU-Politiker sowie Bayerns damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) tätig, von dem er tatkräftige Unterstützung bei seiner Karriere erhielt. Martin und Bossle, beide aus dem erzkonservativen Spektrum, seien in Chile von höchsten Regierungsstellen empfangen worden, heißt es in dem Dokument.

„Beide (sind) bewährte Freunde Chiles“, versicherte Migliassi damals und fügte hinzu: „Ihre jeweiligen Institutionen haben in Deutschland die ungerechte Desinformationskampagne (wegen der Colonia Dignidad) angeprangert.“ Sowohl Martin als auch Bossle vermuteten, dass von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) („Senor Blüme“) angeführte Kreise hinter der Kampagne steckten, die aber eigentlich ein ganz anderes Ziel habe: Bayerns Regierungschef Strauß, einen bekennenden Pinochet-Verehrer.

Migliassi schlug daraufhin ein Koordinierungstreffen vor. Dabei sollten Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um die Causa „Colonia Dignidad“ stillschweigend zu lösen. Allerdings konnte die Situation nicht so einfach bereinigt werden, wie das chilenische Regime und seine deutschen „Freunde“ sich dies vorstellten. Im Dezember 1987 lief eine Nachricht der chilenischen Botschaft in Bonn im Außenministerium in Santiago de Chile auf, die dort die Alarmglocken schrillen ließen. Eine Delegation aus Deutschland werde sich auf den Weg nach Chile machen, um dort den Fall zu untersuchen, warnten die Diplomaten in ihrem Telex. Die Vorwürfe gegen die Colonia wogen schwer: Jahrelang sollten Kinder und Jugendliche sexuell misshandelt worden sein.

Angesichts dieses Szenarios riet der neue Vize-Außenminister Ramón Valdés den Kollegen im chilenischen Innenressort, sich von dem Problem zu distanzieren und das Ganze als „private“ Angelegenheit unter Deutschen anzusehen.

In den darauffolgenden beiden Jahren verschlechterten sich die bilateralen Beziehungen zwischen Chile und der Bundesrepublik wegen der Vorgänge in der Kolonie systematisch.

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