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Dinge mit besonderem Wert, oder: Warum sammelt der Mensch?

So was gibt's noch: Das Historische Archiv der WVV in Würzburg erzählt mit einer wilden Sammlung Alltagsgeschichte(n).
Foto: Johannes Kiefer | So was gibt's noch: Das Historische Archiv der WVV in Würzburg erzählt mit einer wilden Sammlung Alltagsgeschichte(n).

Kaffeekannen, Briefmarken, Schallplatten, Oldtimer, Teddybären, Kronkorken, Elefantenfigürchen, Milchkannen . . . nichts, was man nicht sammeln könnte. Aber wann wird aus dem Zusammentragen mehr – und was unterscheidet die Hobbysammlung vom Museum der Dinge? Ein Gespräch mit dem Volkskundler und Ethnologen Guido Fackler, der an der Universität Würzburg die Professur für Museologie und materielle Kultur inne hat.

Frage: Herr Professor Fackler, warum sammelt der Mensch?

Prof. Guido Fackler: Die Frage klingt so richtig einfach und ist richtig schwer. Der Mensch als Jäger und Sammler – der Spruch kommt ja nicht von ungefähr. Es ist ein menschliches Phänomen, dass man sammelt. Ganz zu Beginn der Menschheitsgeschichte natürlich Nahrung. In der Antike, in Griechenland und Ägypten, beginnt es dann, dass Sammlungen entstehen. Im Totenkult zum Beispiel werden Grabbeigaben angesammelt. Sammeln ist also ein uraltes Phänomen, zeiten- und kulturenübergreifend. Entsprechend vielfältig sind die Antworten. Warum sammelt man? Da gibt es viele Theorien aus dem philosophischen, psychologischen, pädagogischen Bereich. Im Laufe des Lebens kann sich das verändern.

Kinder sammeln Kastanien, einfach so. Und die Älteren?

Fackler: Alles! Es gibt für alles Museen. Und alles wird gesammelt. Zur Frage warum? Was beim Sammeln sicher eine Rolle spielt: Dass man sich mit seiner Vergänglichkeit auseinandersetzt. Kinder machen das sicher nicht bewusst. Aber wenn es darum geht, Erinnerungen und Erlebnisse festzuhalten, etwas mitzunehmen, einzusammeln, zu bewahren – da setzt man sich auch mit sich selbst auseinander, mit dem was war. Und man konstruiert vielleicht auch so etwas wie eine eigene Geschichte, wenn man bestimmte Dinge aufhebt oder nicht aufhebt. Das sieht man ja auch an Souvenirs: Wer bin ich? Wo war ich? Da geht es um Erinnerungen, aber auch um eine Form von Selbstdarstellung. Wie repräsentiere ich mich über Dinge, die ich angesammelt habe?

Sammeln Sie selber?

Fackler: Das war klar, dass diese Frage kommt. Ich wollte früher Saxofonist werden und habe relativ schnell kapiert, dass das nichts wird, dass ich dafür nicht versiert genug bin. Dafür habe ich begonnen, Miniatur-Saxophone und kleine Scherz-Saxofone zu sammeln.

Sammeln als Ersatz?

Fackler: Eher Sammeln aus ästhetischem Interesse an dem Instrument. Weil ich finanziell nicht in der Lage bin, Originalinstrumente zu sammeln, stellt das eine Form von Kompensation dar: Ich gehe vom Großen ins Kleine und sammle Miniatur-Saxofone. Für mich hat das Sammeln aber an Reiz verloren, als sich meine Leidenschaft für Saxofone immer mehr rumgesprochen hat und ich sie geschenkt bekommen habe. Aufblasbare Saxofone und so. Da wären wir bei einem anderen wichtigen Sammelmotiv: Jagdfieber! Da bin ich ein Beispiel dafür. Die Spaß-Saxofone haben mich überhaupt nicht mehr interessiert, wenn ich sie nicht mehr selbst finden konnte und ihnen nicht selbst hinterhergejagt bin. Ich habe auch viele Schallplatten zu Hause. Mit der Streaming-Welt ist es für mich nicht mehr spannend, Schallplatten zu sammeln.

Waren Sie Flohmarkt-Jäger? Zufallssammler?

Fackler: Zumindest habe ich bei den Dingen, die ich gesammelt habe, darauf geachtet, dass es nicht zum Exzess werden sollte. Den Perfektionismus, den Zwang, der sich durch den Jagdtrieb entwickelt, hatte ich nie. Aber ich glaube, dass es relativ viele zwanghafte Sammler gibt. Wir wissen ja nicht, was sich hinter Wohnungstüren verbirgt. Es ist ja auch die Frage: Wann bin ich Sammler? Wie viele Sammelstücke braucht es dafür? Fünf? Oder 500? Müssen die Stücke etwas wert sein? Da gibt es alle Varianten.

Ein Kollege sammelt Schwimmstifte. Er hat 100.

Fackler: Das ist doch schon was. Wie hat seine Sammlung begonnen? Weshalb interessieren ihn gerade Kugelschreiber, in denen etwas schwimmt? Wenn man noch auf die Motive schaut, weshalb man sammelt: Man grenzt sich von anderen ab, ist extrem spezialisiert in einem Bereich und hat ein Expertenwissen. Man findet andererseits eine Gemeinschaft, die auch Nähe bringt: Unter Sammlern ist man in einem Kreis von Gleichgesinnten, das ist gemeinschaftsbildend. Trotz Konkurrenz.

Profitiert die Wissenschaft, die Fachwelt von Hobbysammlern?

Fackler: Das Museum ist immer davon ausgegangen: Wir haben eine Sammlung, hier sitzen die Experten dafür. Aber unsere Warenwelt vervielfältigt sich ja unendlich seit Beginn der Massenproduktion. Man geht heute davon aus, dass jeder von uns mehrere Zehntausend Gegenstände besitzt. In früheren Kulturen waren es ein paar Hundert Gegenstände über ein ganzes Leben, wenn überhaupt. Also wo soll das Expertentum heute herkommen? Museen sind daher vermehrt auf das differenzierte Wissen von außerhalb angewiesen, wenn sie spezielle Sammlungen haben.

Damit hätten wir also schon viele Motive für das Sammeln gesammelt: eigene Geschichte, Ästhetik, Jagdfieber, Gemeinschaft, herausragendes Spezialwissen.

Fackler: Das Ordnen ist beim Sammeln auch ein wichtiger Aspekt: Einen gewissen Bereich meines Lebens habe ich im Griff, weil ich ihn systematisieren kann. Und bewahren und pflegen. Das ist ein starkes Motiv.

Dann ist die Frage: Sammle ich nur für mich? Oder zeige ich meine Sammlung anderen – vielleicht in einem Privatmuseum?

Fackler: Das Repräsentationsbedürfnis spielt eine Rolle, sicher. Denn ich glaube schon, dass der Sammler die Dinge auch zeigen möchte. Alle denken, man spinnt, aber man hat ja beispielsweise die größte Lady-Di-Sammlung Deutschlands oder die gigantische Überraschungsei-Kollektion! Das Alleinstellungsmerkmal, ob Spinner oder nicht, und das Hervorheben und Abgrenzen funktioniert nur, wenn ich mit meiner Sammlung an die Öffentlichkeit gehe. Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen hat eine Liste, wie viele Museen es in Unterfranken gibt. Wir haben mal eine Umfrage gemacht und gemerkt, wir wollen den Begriff offener und weiter machen. Also auch mit der Bierseidel-Sammlung, die z. B. alle drei Monate mal sonntags für zwei Stunden öffnet. Da kamen rund 200 Museen und Sammlungen zusammen. In Prichsenstadt zum Beispiel gibt es ein Fossilien- und Mineralienmuseum: Die Fossiliensammlung Hans Klein ist in der Wohnung des Sammlers zugänglich. Und da Museum kein geschützter Begriff, wird er auch gerne benutzt, wenn private Sammlungen öffentlich zugänglich gemacht werden.

Wann ist ein Museum ein Museum? Wenn es sammelt?

Fackler: Natürlich! Die Frage geht aber noch weiter: Was soll ein Museum heute sammeln? Was aus der Alltagskultur? Ist das Handy wirklich wichtig? Oder sind es nicht vielmehr die Geschichten „in“ diesem Handy? Die Fotos, Chats und so weiter, die mehr über diesen Gegenstand erzählen als das Handy an sich. Da sind wir schnell im Bereich des Immateriellen. Der Umgang mit den Dingen hat sich da in Museen auch verändert: Früher hätte man sich am Materiellen abgearbeitet und den Gegenstand beschrieben und analysiert. Wer hat ihn produziert, aus welchem Material besteht er, wie ist er stilistisch, ästhetisch zu bewerten? Inzwischen rückt bei kulturgeschichtlichen Museen die Frage in den Vordergrund, was die Dinge für die Menschen bedeuten. Es geht von der Geschichte des Objekts weg zur Geschichte und den Geschichten hinter dem Objekt. Kennen Sie eigentlich das WVV-Archiv? Sehr reizvoll.

Das Historische Archiv der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH?

Fackler: Genau, im alten Gaswerk hinter dem Bahnhof, geöffnet jeden ersten Donnerstag im Monat ab 14 Uhr für vier Stunden. Eigentlich sollte die Mitarbeiterin Marelis Lange dort archivieren. Aber sie hat festgestellt, dass das Archiv viele Gegenstände aus Würzburgs Mobilitätsgeschichte gesammelt hat, von Straßenbahnen zum Beispiel. Und dann kamen immer mehr Leute und haben Sachen gebracht. Jetzt ist daraus quasi nebenbei eine beeindruckende Alltagskultur-Sammlung entstanden und weil diese nicht zu den eigentlichen Aufgaben zählt, wirkt das provisorisch und nur grob aufgearbeitet. Aber unglaublich spannend: Denn durch die unmittelbare, dichte Präsentation werden die Besucher und Besucherinnen animiert, über die angesammelten Dinge zu reden, sich zu erinnern: So eine Kaffeemaschine hat meine Oma auch gehabt! Es ist daher immer die Frage, was man als Zweck eines Museums definiert. Ist es der Zweck, die Dinge für die Ewigkeit zu bewahren und zu erhalten? Oder gehe ich auf die Ebene des Publikums und möchte ich einen Austausch über die Dinge erreichen? In dieser Hinsicht macht das WVV-Archiv viel richtig.

Weil es nicht elitär daherkommt!

Fackler: Das führt mich zu einem letzten, wichtigen Aspekt. Wer kann was sammeln? Das hat sich von den Eliten zur ganzen Gesellschaft entwickelt, vom Besonderen zum Alltagsgegenstand. Früher waren es Herrscher, Gelehrte, Akademiker, wohlhabende Bürger, die Kunst- und Wunderkammern mit Exotischem und Wertvollem bestückten. Die normale Bevölkerung hat ums Überleben gekämpft. Jetzt gibt es weit mehr Dinge, die weit weniger kosten – jeder kann irgendetwas sammeln. Zum Beispiel Schwimmstifte.

Der Kollege erzählt übrigens, dass er vor 30 Jahren dazu kam, als er in der Würzburger Weinstube Popp für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gespendet und dafür so einen Stift mit einem Rettungsschiff drin bekommen hat. Wie auf festgelegtem kleinem Raum mit festgelegten Mitteln Unterschiedliches gestaltet wird, das hat ihn fasziniert.

Fackler: Schön! Genau um solche persönliche Faszination und Geschichten geht es.

Mit dem Sammeln beschäftigt sich an der Universität Würzburg in diesem Wintersemester eine öffentliche Ringvorlesung der Fächer Geschichte, Kunstgeschichte und Museologie in Kooperation mit dem Museum für Franken und dem Museum am Dom: „Sammlungen – Provenienz – Kulturelles Erbe“. Referenten aus ganz Deutschland diskutieren dabei Fragen zur Provenienzforschung, decken Verstrickungen von Politik, Kunstmarkt und Kunsthandel auf oder stellen unterschiedliche Sammlungen und Sammler vor. In der nächsten Woche, am 25. Oktober, spricht Dr. Adelheid Rasche vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg über Kleidung und Textilien als Sammlungsobjekt: „Ewig in Mode?“

Zwei Höhepunkte zum Vormerken: Mit dem Galerist und Mäzen Egidio Marzona spricht am 29. November (im Museum am Dom) einer der wichtigsten Kunstsammler der Avantgarde des 20. Jahrhunderts über seine Leidenschaft. Und der Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, Professor Markus Hilgert aus Berlin, nimmt am 17. Januar den Handel mit Kulturgütern kritisch in den Blick.

Die Vorlesungen sind immer donnerstags von 18.15 bis 20 Uhr im Hörsaal 5 im Philosophiegebäude am Hubland Süd, Eintritt frei. Das Programm: www.phil.uni-wuerzburg.de

Guido Fackler hat die Professur für Museologie an der Uni Würzburg begründet - und Sammlungen im Blick.
Foto: Alice Natter | Guido Fackler hat die Professur für Museologie an der Uni Würzburg begründet - und Sammlungen im Blick.
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