Bis neulich gehörte eine Bierwerbung zum Erscheinungsbild der Lohrer Altstadtgarage. In deren Treppenhaus hing seit ewigen Zeiten ein gelbes Schild mit einer schwarzen, schattenhaften Person in der Mitte: Eine Frauengestalt, die auf einem Besen reitet. „Hexe“ war zu lesen und der Schriftzug „lass dich verzaubern...“ - sowie der Hinweis auf die Arnsteiner Brauerei. Ein magischer Trank, ein verwunschenes Gebräu oder alles nur ein Märchen? Jedenfalls ist das Schild plötzlich verschwunden.
Ausgerechnet jetzt, wo Lohr das Jubiläum 300 Jahre Schneewittchen und damit seinen Status als Märchenstadt feiert. Da hätte eine Hexe doch genau zur Personalstruktur gepasst, als tragende Gestalt so etlicher Fabeln. Hat Schneewittchens böse Stiefmutter die Hexe als weitere unliebsame Konkurrenz entdeckt und deshalb aus Lohr verbannt? Nein, die Sache ist wohl etwas anders gelagert. Das Parkhaus unter dem Schlossplatz wird gerade saniert und dabei muss das Hexenschild abmontiert worden sein.
Lohr hat ja selber eine lange Brautradition – voller Biergeschichten und einem Keiler als Wappentier. Wie konnte da ein fremdes Getränk ins Herz der Stadt gelangen, noch dazu als Hexe? Die Antwort weiß Susan Schubert, die Chefin der Arnsteiner Brauerei. Demnach stammte jenes Bier nicht aus Bayern, sondern aus Hessen, und zwar von der Michelsbräu in Babenhausen. Dieses 1815 von Johann Jakob Michel gegründete Unternehmen ging später in den Besitz der Familie Schubert über, der auch die Arnsteiner Brauerei gehört.
Ortsfremdes Wappen
Das Hexe-Bier, so Susan Schubert, war eine Kreation der Michelsbräu und sei nach dem Wahrzeichen von Babenhausen, dem Hexenturm, benannt worden. Das schmackhafte und für seinen tollen Schaum bekannte Exportbier sei auch über die Arnsteiner Brauerei vertrieben worden, die wiederum ein Gasthaus in der Lohrer Altstadt beliefert. Dessen Wirtin sei von der Hexe begeistert gewesen. Im Zug des Marketings habe das zu besagtem Werbeschild im Lohrer Altstadtparkhaus geführt. Ende der Geschichte?

Heimische Bierkultur und regionales Braugewerbe sind voller Wendungen. Darum lässt sich die Erzählung noch etwas weiter spinnen. Kleine Privatbrauereien sind wirtschaftlichem Druck ausgesetzt: Viele bekannte Marken gehen unter, manche können sich unter neuen Vorzeichen behaupten.
Von Babenhausen nach Arnstein
Von der Michelsbräu heißt es, sie sei einst bei internationalen Ausstellungen vertreten gewesen und habe sogar Bier an die Baustelle des Suezkanals verschifft. Doch 2011 wurde der Braubetrieb in Babenhausen eingestellt und ging zunächst in Arnstein weiter. 2021 wurde schließlich berichtet, dass die Pfungstädter Brauerei die Michelsbräu übernehme und deren Biere allmählich vom Markt verschwinden sollten. Seit 2023 wiederum wird das Pfungstädter bei Eder & Heylands in Großostheim gebraut – aber das ist ein anderes Kapitel.
Bleiben wir bei der Hexe und lassen uns verzaubern. Auf Bierportalen im Internet sind 20 Jahre alte Bewertungen zu finden. „Im Glas sieht diese Zauberin richtig gut aus. Ein etwas helleres Bernstein, gepaart mit einer guten Menge Schaum“, heißt es. 2011 wurde die „Michelsbräu Hexe“ gleich zweimal zum Bier des Monats gekürt, dank Eigenschaften wie „süffiger Malzgeschmack“ und „leichte Kernigkeit“.
Es war einmal...
Am Schluss dieser Hexenbiergeschichte bleibt, womit sonst Märchen beginnen: Es war einmal. Und nun ist auch noch das Schild verschollen, denn sein Verbleib ist aktuell unbekannt. Die Stadtwerke Lohr, zuständig für das Parkhaus, könnten etwas wissen, aber Werkleiter Johannes Goßmann bittet um Verständnis: Wegen des Urlaubs von Mitarbeitern sei auf die Schnelle nichts darüber herauszufinden. Wo mag die Hexe auf ihrem Besen gelandet sein?
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