Bad Kissingen

Bad Kissingen: Er bekam Tantiemen von den ganz großen Orchestern

Mit dem Wiener Concert Verein reiste Philipp Schmutzer noch umher. Als die Münchner Philharmoniker in der Kurstadt engagiert waren, ließ er sich dauerhaft hier nieder.
Aufrechte Haltung, stolzer Blick: Philipp Schmutzer im Jahr 1912 auf einer Repro-Aufnahme des damaligen Bad Kissinger Foto-Ateliers Carl Schneider.
Foto: Archiv Manfred Getzner | Aufrechte Haltung, stolzer Blick: Philipp Schmutzer im Jahr 1912 auf einer Repro-Aufnahme des damaligen Bad Kissinger Foto-Ateliers Carl Schneider.

Kurt Rieder hat jetzt Blut geleckt. Vor kurzem erst war der Fördervereinsvorsitzende der heutigen Staatsbad Philharmonie Kissingen bei seinen musikhistorischen Nachforschungen auf Valentin Hamm gestoßen, der ab 1855 ein nicht ganz unbedeutender Konzertmeister im Kissinger Kurorchester war. Es dauerte nicht lange, da hatte er auch schon die Notenblätter von dessen weltberühmtem Milanollo-Marsch ausgegraben – Musik, die jährlich zum Geburtstag von Queen Elizabeth II. vom königlichen Leibregiment bei der Truppenparade gespielt wird (wir berichteten).

Jetzt ist Rieder Philipp Schmutzer auf der Spur, jenem Musiker und Komponisten aus dem österreichischen Feldkirch, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im damaligen Kurorchester Bad Kissingens mitwirkte. 1921 ließ Schmutzer sich sogar dauerhaft in der hiesigen Grabengasse nieder. Belegt ist, dass sowohl die Wiener als auch die Münchner Philharmoniker, die seinerzeit hier nacheinander in Sachen Kurmusik engagiert waren, Stücke von ihm in ihren Repertoires hatten.

Anfrage ans Stadtarchiv

Alles fing damit an, dass der Musikhistoriker Manfred Albert Getzner aus Feldkirch im Frühjahr 2020 beim Bad Kissinger Stadtarchiv nach alten Notenblättern des "Komponisten Philipp Schmutzer" forschte. Doch im Stadtarchiv konnte man mit diesem Namen zunächst nichts anfangen.

Als Rieder davon erfuhr, ließ ihm das keine Ruhe. Im Internet stieß er auf Getzners Buch über die "Musikerfamilie Schmutzer" (1981) und dessen dreibändiges Werk über die "Komponisten Vorarlbergs" (2017). Er war bass erstaunt, als er darin Hinweise darauf fand, dass Philipp Schmutzer Anfang des 20. Jahrhunderts als Pianist im Kurorchester mitgewirkt hatte. Daraufhin ließ er im Stadtarchiv nachforschen, ob der Komponist in einem alten Wohnmelderegister auftaucht.

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Tatsächlich gab es eine Karteikarte, die belegt, dass Schmutzer von Ende März bis Anfang Oktober 1918 in der Kurstadt wohnte (bei der Familie Meml, Grabengasse 1) und beim "Wiener Concert Verein" mitwirkte. Das passt, dachte sich Rieder. Denn sowohl die Wiener Symphoniker als auch später die Münchner Philharmoniker, hatten damals alljährlich zur Saison Engagements für die Kurmusik in Bad Kissingen. 1918 waren die Wiener allerdings zum letzten Mal da gewesen.

Die Münchner Philharmoniker vor der Drehbühne in Bad Kissingen, im Sommer 1927.
Foto: Archiv Manfred Getzner | Die Münchner Philharmoniker vor der Drehbühne in Bad Kissingen, im Sommer 1927.

Engagement bei Prinz Georg von Sachsen

In einem Telefongespräch mit Musikhistoriker Getzner, dessen Urgroßmutter Hermine eine Schwester jenes Philipp Schmutzer war, erfuhr Rieder interessante Details über den Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Kurorchester der Kurstadt mitwirkte. 

Schmutzer wurde 1868 in Feldkirch geboren. Sein Vater war in der Stadt Musikdirektor und Chorregent der Dompfarrkirche gewesen und hatte auch seinen Söhnen Philipp und Anton eine musikalische Ausbildung angedeihen lassen. Philipp soll auf den Instrumenten Piano, Violine und Fagott sehr bewandert gewesen sein, schreibt Getzner. Offensichtlich war er so begabt, dass er im Alter von 17 Jahren den damals renommierten Jakob-Stainer-Preis einheimste.

Später studierte er am Konservatorium in München. Dann folgte der Militärdienst. Schon als 20-Jähriger soll Schmutzer als Komponist und Musiklehrer erste Erfolge gefeiert haben: 1890 wurde nämlich sein Violinkonzert in e-moll in Innsbruck uraufgeführt. Bei Getzner belegt ist auch, dass Schmutzer einst sogar als Dirigent und Solist in der k. und k. österreichischen Regimentskapelle Nr. 11 des Prinzen Georg von Sachsen auftrat.

Porträtfoto eines Bad Kissinger Fotografen

Nach 1900 muss er als Musiklehrer in Innsbruck und freischaffender Künstler öfter Konzertreisen mit dem um dieselbe Zeit gegründeten Wiener Concert Verein (den späteren Wiener Philharmonikern) unternommen haben. Bereits 1912 war er erstmals in Bad Kissingen, denn in einem von Getzner angelegten Werksverzeichnis findet sich das "Berühmte Meister-Große phantastische Potpourri für Klavier", das den Vermerk trägt: "Komponiert im Juni 1912 in Bad Kissingen".

Das Bad Kissinger Salonorchester 1918 vor dem Kamin im Unteren Lesesaal des Regentenbaus: Philipp Schmutzer sitzt links am Klavier. Die Aufnahme stammt ursprünglich vom einstigen Foto-Atelier Carl Schneider in Bad Kissingen.
Foto: Archiv Manfred Getzner | Das Bad Kissinger Salonorchester 1918 vor dem Kamin im Unteren Lesesaal des Regentenbaus: Philipp Schmutzer sitzt links am Klavier.

Bereits 1909 hatte Schmutzer für die Komposition "Berg Isel", die er anlässlich der 100-Jahrfeier des Tiroler Freiheitskampfes Erzherzog Eugen gewidmet hatte, von diesem eine Goldene Nadel mit  Brillanten verliehen bekommen. Auf einem Porträtfoto von 1909 trägt er diese Nadel am Revers. Die Repro-Aufnahme wurde 1912 von Carl Schneider gemacht, der ein Fotoatelier in Bad Kissingen betrieb – ein weiterer Beleg für Schmutzers wiederholte Aufenthalte mit den Wienern in der Kurstadt, schreibt Getzner.

Carl Schneider nahm auch jenes Bild auf, das später auf einer Postkarte vermutlich quer durch die Welt geschickt wurde: Es zeigt das "Kurorchester von Bad Kissingen im Jahr 1918" mit Schmutzer am Klavier, im Kreis einiger Musikern im Unteren Lesesaal. Denn zur Zeit der Wiener Philharmoniker in Bad Kissingen wurde oft auch in kleiner Besetzung Musik gemacht, weiß Fördervereinsvorsitzender Rieder.

Schmutzers Brief an seine Tochter Olga

Auch 1920 hielt sich Schmutzer offenbar in Bad Kissingen auf, denn Musikhistoriker Getzner nennt eine Komposition ("Tantum ergo"), die den Vermerk "Komponiert in Bad Kissingen, 1920" trägt. Da waren aber in der Kursaison schon die Münchner Philharmoniker für die musikalische Unterhaltung der Gäste zuständig. Stempel dieses Orchesters auf Schmutzers Partituren, die im Feldkircher Archiv lagern, zeigen, dass seine Werke von diesem Ensemble sehr geschätzt wurden.

Manfred Getzner (Feldkirch) freut sich, dass er mit den Erkenntnissen aus seinen Büchern in Bad Kissingen solch eine Begeisterung auslöste, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Er selbst hat Schmutzers Tochter Olga noch gekannt. In seinem Buch von 1981 findet sich ein Brief des Komponisten an Olga, in dem es um die Tantiemen aus der Verwendung seiner Werke durch andere Orchester geht. Daraus lässt sich folgern, dass die Münchner Philharmoniker 22 Stücke von ihm in ihrem Repertoire hatten.

Familienfoto mit tiefer Wirkung: Die Familie Schmutzer mit (links unten) dem kleinen Philipp und (dahinter) seiner großen Schwester Hermine, der Urgroßmutter des Musikhistorikers Manfred Getzner.
Foto: Archiv Manfred Getzner | Familienfoto mit tiefer Wirkung: Die Familie Schmutzer mit (links unten) dem kleinen Philipp und (dahinter) seiner großen Schwester Hermine, der Urgroßmutter des Musikhistorikers Manfred Getzner.

Manfred Getzner sucht nach weiteren Noten

Darunter waren, laut Getzner, die "Andreas-Hofer-Ouvertüre", die "Zaubergeige", der "Kurgarten-Marsch" und der "Kissinger Bratwurstglöckle-Marsch". Die meisten dieser Noten gelten heute als verschollen. Weil Schmutzer in Bad Kissingen aber auch privat Klavierunterricht gab, hofft Getzner nun, noch weitere Stücke des Komponisten aufzustöbern, "denn vielleicht befindet sich ja in den Nachlässen Bad Kissinger Bürger irgendwo noch das eine oder andere Notenblatt von ihm." Wer also in seinem persönlichen Bestand auf Stücke des Komponisten stößt, kann sich mit dem Förderverein der Staatsbad Philharmonie Kissingen in Verbindung setzen (Kurt Rieder, Tel. 0971-6 81 66).

Schmutzers Ende war tragisch. 1935 wurde er sehr krank und konnte irgendwann nicht mehr spielen und Geld verdienen. Er starb am 29. April 1937, im Alter von 69 Jahren, im Haus des Schuhmachermeisters Hartmann in der Mühlgasse 1 in Bad Kissingen und wurde auf dem Kapellenfriedhof in einem Armengrab beigesetzt.

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