Zeitlofs

Zeitlofs Bürgermeister fühlt sich bedroht: Jetzt ermittelt die Kripo

Ein Hundestreit eskaliert - und am Ende schaltet sich die Zentrale für Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus ein. Ein ungewöhnlicher Fall aus Zeitlofs.
Tommy B.  (rechts) und seine Mutter mit ihren vier Hunden. 
Foto: Susanne Will | Tommy B. (rechts) und seine Mutter mit ihren vier Hunden. 

Wer Hunde hält, kennt das: Begegnung zweier sich fremder Hunde beim Gassigehen, sie können sich nicht riechen – und schon ist die Rempelei in Gang. So geschehen kürzlich in Zeitlofs (Lkr. Bad Kissingen). Warum dieser Vorfall nicht nur die Kripo, sondern auch die Bayerische Zentralstelle für Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus auf den Plan rief, ist ungewöhnlich. Das liegt zum einen an Matthias Hauke, der als Bürgermeister von Zeitlofs in diesem Fall eine besondere Rolle innehat. Und an dem Hundehalter, der nach der Hundekeilerei ausrastete.

Am 1. November hat die Bad Brückenauer Polizei in ihrem Pressebericht notiert, dass Tommy B. in der Nacht zum Sonntag mit seinen vier Hunden spazieren gegangen war. Und dass er dabei "mit seinem Geschrei die halbe Ortschaft weckte". Der Spaziergang habe vor dem Haus des Bürgermeisters geendet, den er auch noch "beleidigt sowie bedroht" habe. Der Mann habe einen Platzverweis erhalten, damit war die Ruhe im Ort zumindest in der Nacht gesichert.

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Warum der 35-Jährige so ausrastete, erzählt er Tage später bei sich zuhause in Zeitlofs. Wobei: Ein Zuhause ist es nicht, wo er und seine Mutter (53) wohnen. Es ist ein Haus, in dem nur ein Zimmer bewohnbar ist. Das teilen sich Mutter, Sohn und vier sehr gepflegte und folgsame Hunde: zwei Huskys, zwei Mischlinge, sie heißen Stasi, Gauner, Fidel Castro und Dora.

Bürgermeister Matthias Hauke aus Zeitlofs.
Foto: Sandra Hauke | Bürgermeister Matthias Hauke aus Zeitlofs.

Der 35-Jährige und seine Mutter scheinen am äußersten Rand der Gesellschaft zu stehen, dahingedrängt oder durch eigenes Verschulden – es scheint vorerst egal zu sein. Die Umstände, wie sie hausen, sind erschütternd und schreien nach Hilfe.

"Wir hatten bereits die Zusage für eine neue Wohnung. Nach drei Jahren hier sind wir nervlich komplett am Ende", sagt B.. Ob beide Hilfen bekommen haben, Hilfen ausgeschlagen oder nicht beantragt haben, bei dem Ersuchen um Hilfe allein gelassen wurden – es lässt sich schwer klären. Sie leben zusammen von 690 Euro staatlicher Unterstützung.

Für Hund "Castro" wurde einen Leinenpflicht angeordnet

Die mündliche Zusage für eine andere Wohnung in Zeitlofs habe er gehabt – so lange, bis es zu einem Vorfall mit einem seiner Hunde und dem Hund der Mutter des Bürgermeisters gekommen sei. "Castro" und der andere Hund hatten ein "Zusammentreffen" beim Gassigehen, das B. auch einräumt: Castro war ohne Leine auf den anderen Hund zugerannt, allerdings "hat Castro nicht gebissen". Was folgte, war eine amtliche Leinen- und Beißkorbanordnung für Castro. "Daraufhin habe ich mich mit dem Bürgermeister unterhalten, wir einigten uns auf die Leinenpflicht", so der 35-Jährige. Bürgermeister Matthias Hauke: "Die Leinenpflicht gab es aufgrund mehrfacher Beschwerden über das persönliche Verhalten und die Hundeführung von Herrn B. Wenn viele Bürger Angst haben, muss ich als Bürgermeister reagieren."

Als B. dann am 31. Oktober überraschend hörte, dass er die neue Wohnung nicht bekomme, stand für ihn der Schuldige fest: der Bürgermeister, "der hat interveniert, dass wir die Wohnung nicht bekommen". Er sei geschockt gewesen, habe viel getrunken - und er habe in der Nacht auf einer Wiese weit über dem Haus des Bürgermeister rumgeschrien. 

Die Sätze "Wir kommen noch auf dich zu, du korrupte Sau" bestreitet er nicht. Aber er will sie "keinesfalls" als Drohung gemeint haben, "nur als Ankündigung, dass er eine Anzeige wegen Korruption von mir bekommt". Und er sagt, er sei von wach gewordenen Nachbarn in dieser Nacht bedroht worden.  

Bürgermeister: "Wir führen gerade ein unsicheres Leben"

Der Bürgermeister sieht das anders. Den Vorwurf, wegen der Wohnung interveniert zu haben, weist er von sich. Matthias Hauke: "Die Besitzerin der Wohnung hat die Zusage zurückgezogen, sie hatte sich im Rathaus erkundigt, nachdem die Beschwerden von Bürgern die Runde machten." Er beschreibt, was die Drohungen mit ihm und seiner Familie machen: "Seit dieser Samstagnacht sind wir besorgt. Wenn jemand nachts schreit ,du korruptes Schwein' oder ,Jede Nacht könnte jemand kommen, du warst die längste Zeit Bürgermeister', dann denkt man sich: ,Um Gottes Willen, was ist denn jetzt los?' Wir machen uns Sorgen und Gedanken. Wir führen gerade ein unsicheres Leben."

Bürgermeister Hauke erstattete Anzeige gegen B.. Normalerweise ist das ein Fall für die Polizeiinspektion Bad Brückenau. Die Beamten nahmen in der Tatnacht auch die Anzeige entgegen. Aber nun ermittelt die Kripo in Schweinfurt – auf Initiative der Bayerischen Zentralstelle für Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET). An diese können sich bedrohte Politiker seit 11. September 2020 wenden. "Dorthin habe ich eine Mail mit den Vorgängen geschickt", so Hauke.

Kripo ermittelt wegen politischer Bedrohung und Beleidigung

Nun ermittelt die Kripo wegen politischer Bedrohung und Beleidigung. Zu oft schon hatten Lokalpolitiker von Bedrohungen berichtet. "Hass und Hetze gegen kommunale Amts- und Mandatsträger haben im Netz ein erschreckendes Ausmaß angenommen", sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich erst vor wenigen Wochen.

In enger Absprache mit ZET organisierten die bayerische Polizei und die Justiz am 3. November auch Hausdurchsuchungen in ganz Bayern. So wollten sie den Verfassern von Hassmails das Handwerk legen. In Unterfranken wurden vier Wohnungen in Bad Neustadt, im Landkreis Rhön-Grabfeld, in Schweinfurt und Würzburg durchsucht. Jetzt wird gegen vier Männer (17-33 Jahre alt) ermittelt, es geht um den Verdacht der Volksverhetzung in drei Fällen, in einem Fall um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Nun ist also aus einem Hunderempler samt Ausraster des Herrchens ein Fall für die Kripo geworden. Tommy B. sagt resigniert und ironisch dazu: "Na bravo." An der Anzeige gegen den Bürgermeister will er festhalten.

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