Bad Kissingen

Landkreis Bad Kissingen: Nicht nur auf dem Bau fehlen die Lehrlinge

Immer mehr Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, auch im Bäderlandkreis. Warum das nicht nur an der Corona-Pandemie liegt und welche Branchen besonders leiden.
In vielen Branchen herrscht Lehrlingsmangel.
Foto: Julia Volkamer | In vielen Branchen herrscht Lehrlingsmangel.

Im September 2021 sind viele junge Menschen im Landkreis Bad Kissingen ins Berufsleben gestartet. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres allerdings hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mainfranken Alarm geschlagen: Auch 2021 seien wieder etliche Lehrstellen in der Region unbesetzt geblieben, heißt es von der IHK. "Wir spüren, dass es im Moment schwierig ist, die Plätze zu besetzen", bestätigt Lukas Kagerbauer, Bereichsleiter Ausbildung bei der IHK Würzburg-Schweinfurt.

Die Probleme zeigen sich bei Betrieben in nahezu allen Branchen, erklärt Kagerbauer. "Es kommen rund 1,7 freie Stellen auf jede Bewerbung. Die Jugendlichen sind sehr zurückhaltend", sagt er. In ganz Mainfranken gebe es rund 500 Ausbildungsverhältnisse weniger als noch vor einem Jahr. "Das trifft Region und Wirtschaftsraum, es ist ein Schlag ins Kontor", so Kagerbauer.

Lukas Kagerbauer von der IHK Würzburg-Schweinfurt sieht vielschichtige Ursachen für fehlende Auszubildende.
Foto: Archiv Lisa Marie Waschbusch | Lukas Kagerbauer von der IHK Würzburg-Schweinfurt sieht vielschichtige Ursachen für fehlende Auszubildende.

Die Corona-Pandemie habe freilich ihren Anteil an der Misere. Die Berufsorientierung sei durch die Pandemie nicht gewährleistet gewesen, meint Kagerbauer. "Es gab kaum Praktikumsplätze, Messen haben in digitaler Form nur zum Teil funktioniert." Bei den Jugendlichen habe das zu großer Unsicherheit geführt, welchen Berufsweg sie einschlagen sollten.

Die Gründe für die schwindenden Ausbildungsverhältnisse führen für Kagerbauer abseits von Corona allerdings weiter: "Da kommen mehrere Faktoren zusammen." Gerade in ländlichen Kreisen wie Bad Kissingen sei die räumliche Hürde oft ein Hemmnis. "Auch die demografische Entwicklung, - wir haben weniger Schulabgänge und mehr Renteneintritte - spielt eine Rolle", sagt er.

Weniger Lehrstellen, aber noch viel weniger Bewerbungen

Zudem gebe es in von der Pandemie besonders betroffenen Branchen wie Gastronomie oder Tourismus weniger Lehrstellen. Dabei betont Kagerbauer allerdings, dass es sich branchenübergreifend um einen Rückgang von nur rund sechs Prozent handle. "Das Problem ist mehr auf der anderen Seite", sagt er. Schließlich habe man im Vergleich zum Vorjahr insgesamt mehr als zwölf Prozent weniger Bewerbungen.

"Man darf da nicht locker lassen. Wir sind dabei alles zu tun, um Bewerber und Betriebe zusammenzubekommen", so Kagerbauer, "aber es ist im Moment eine sehr schwierige Situation für nahezu alle Betriebe. Das betrifft nicht nur die kleinen und mittleren, sondern auch die großen. Die Zahlen der Bewerbungen haben sich über die letzten Jahre halbiert und jetzt nochmal reduziert."

Prekäre Situation für Hotels und Gaststätten

Heinz Stempfle, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes und Inhaber des Westpark-Hotels in Bad Kissingen, wird beim Thema Ausbildung emotional. "Das berührt mich sehr, es kann einem direkt himmelangst werden", sagt er. Und weiter: "Ich sehe da sehr schwarz." Für seine Branche spiele Corona natürlich eine Rolle, doch schon vor der Pandemie habe es immer weniger Bewerbungen gegeben. Entsprechend viel bleibe oft an den Betreiberinnen und Betreibern sowie deren Familien hängen. Aber: "Ewig können die Familien es nicht machen und dann verschwinden immer mehr Lokale und Hotels."

Es gebe vom Gaststättenverband bereits Bestrebungen, Lehrlinge aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, sagt Stempfle. "Die ganze Gastronomiegesellschaft zerbricht sich den Kopf, wie man die Situation verbessern kann. Das Problem ist die Attraktivität. Die jungen Leute müssten ja auch am Wochenende und abends ran. Da will niemand arbeiten, aber da wollen alle zum Essen gehen. Man darf nicht zu pessimistisch sein, aber die Situation ist schon sehr prekär."

Auch der Gastronomiebranche bereiten die unbesetzten Lehrstellen große Sorgen, bestätigt Heinz Stempfle, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes.
Foto: Archiv Siegfried Farkas | Auch der Gastronomiebranche bereiten die unbesetzten Lehrstellen große Sorgen, bestätigt Heinz Stempfle, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes.

Die Probleme der Branche werden auch an der Garitzer Berufsschule deutlich. Dort werden unter anderem Köchinnen und Köche, Hotelkauf- und -fachleute, Restaurantfachleute, Experten für Systemgastronomie sowie Fachkräfte für das Gastgewerbe beschult. In der ersten Jahrgangsstufe besuchen die Berufsschule für diese sechs Ausbildungsberufe rund 70 Lehrlinge.

Garitz ist Anlaufpunkt für alle Auszubildenden aus den Kreisen Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld, Haßberge sowie Stadt und Landkreis Schweinfurt. Zwar sei die Zahl an Neulingen in den letzten Jahren recht stabil, sagt Verwaltungsangestellte Katja Müller, allerdings längerfristig betrachtet enorm zurückgegangen, gerade in Anbetracht des großen Zuständigkeitsbereiches der Schule.

Baubranche: "Die Masse ist nicht mehr da"

Zu Beginn des Ausbildungsjahres war im Kreis Bad Kissingen auch rund ein Drittel der gemeldeten Lehrstellen in der Baubranche unbesetzt, wie die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt vermeldete. Und das trotz des anhaltenden Baubooms. Beate Glatt, beim Eltingshäuser Bauunternehmen Peter Heil unter anderem für die Ausbildung zuständig, bestätigt: "Sonst hatten wir sieben oder acht neue Azubis, dieses Jahr sind es nur vier."

Die Firma mit ihren rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern lege nicht von vornherein eine Anzahl an Lehrstellen fest, sondern richte sich nach Qualität und Quantität der Bewerbungen. "Es ist nicht so, dass wir gar nichts bekommen. Aber die Masse ist nicht mehr da", sagt Glatt. "In der Baubranche geht die Zahl an Ausbildungen schon länger zurück. Man wird eben auch mal schmutzig und die Einstellung zur Arbeit ist eine andere als früher."

Für den kaufmännischen Bereich habe das Unternehmen laut Glatt keine Probleme. Ein Arbeitsplatz am Schreibtisch oder auch in der Großindustrie wirke vielleicht verlockender für junge Menschen, vermutet sie. Und generell sei die klassische Lehre wohl etwas aus der Mode geraten: "Für ein duales Studium könnte ich, wenn ich wollte, 20 Bewerbungsgespräche führen", so Glatt.

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