Bad Kissingen

Wie ein Jahr mit der Pandemie das Leben im Kreis verändert hat

Am 5. März 2020 gab's im Landkreis den ersten Corona-Fall. In den Folgemonaten kam es zu einer tiefen Zäsur im öffentlichen und privaten Leben. Aber es gab auch Highlights.
Menschen in Schutzkleidung, wie hier an der Corona-Teststrecke in Oerlenbach,  gehören inzwischen zum selbstverständlichen Erscheinungsbild.
Foto: Archiv Lena Pfister | Menschen in Schutzkleidung, wie hier an der Corona-Teststrecke in Oerlenbach,  gehören inzwischen zum selbstverständlichen Erscheinungsbild.

Ein ganzes Jahr mit staatlichen Beschränkungen, regionalen Regelwerken, örtlichen Fallzahlen und teils erschreckenden Statistiken zu leben – das zermürbt. Das gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Geschehen kam auch im Landkreis Bad Kissingen teilweise komplett zum Erliegen. Der Blick zurück aufs Pandemiejahr 2020/21 zeigt auch, was kommunalpolitisch, vor allem vom Landkreis, gestemmt werden musste. Und dann gab es auch kleine gesellschaftliche Lichtblicke.

Im Januar 2020 ist das Coronavirus zwar schon Thema im Landkreis, doch so recht will noch niemand an eine Pandemie glauben, wie ein Blick ins Archiv dieser Redaktion deutlich macht. Deshalb finden es viele noch merkwürdig, dass Ende des Monats der Mundschutz in den Bad Kissinger Apotheken überall ausverkauft ist. Die erste Covid-19-Infektion im Landkreis wird am 5. März publik: Ein 26-Jähriger kommt aus dem Italienurlaub mit Fieber zurück und lässt sich testen. Das Ergebnis ist positiv.

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Am 12. März meldet das Bad Kissinger Landratsamt, dass zwei weitere Italien-Reiserückkehrer corona-positiv sind. Am Abend der Kommunalwahlen, dem 15. März, gab es schon in manchen Rathäusern die Empfehlung, Wahlpartys nur im kleinen Rahmen abzuhalten. Tags darauf wird in Bayern zum ersten Mal der Katastrophenfall ausgerufen (bis 16. Juni).

Die Führungsgruppe Katastrophenschutz nimmt im Landratsamt ihre Arbeit auf. Auch im Landkreis müssen, wie überall in Bayern, Schulen und Kindergärten schließen. Geschäfte verriegeln die Türen. Restaurants und Kneipen dürfen zunächst noch bis zum Nachmittag öffnen. Die Wirtschaft im Kreis wird zum ersten Mal schwer gebeutelt.  Zu diesem Zeitpunkt werden unzählige Veranstaltungen im Kreis abgesagt.

Alya näht Mundschutz für die Reiterswiesener Feuerwehr. 
Foto: Archiv Natascha d'Angelo | Alya näht Mundschutz für die Reiterswiesener Feuerwehr. 

Achtjährige näht Mundschutz für die Feuerwehr

Ab 22. März (bis 4. Mai) tritt in Bayern der erste Lockdown in Kraft. Ende März rüsten sich im Landkreis erstmals Ärzte für Corona-Tests im Freien. Aber auch das bringt die Corona-Pandemie hervor: Es bilden sich überall im Landkreis Hilfsinitiativen für Senioren, unter anderem in Ebenhausen, Bad Bocklet, Oberthulba, Rothhausen und Bad Brückenau. Ein weiteres Zeichen der Solidarität und der Hoffnung: An den Sonntagen wird, während des Lockdowns, in verschiedenen Kommunen (unter anderem in Münnerstadt, Garitz und Seubrigshausen) vor den Haustüren und auf Balkonen Musik gemacht. Eine nette Geste ist auch, dass Hanno Behrens vom 1. FC Nürnberg Pizza fürs Eli-Krankenhaus-Personal spendiert.

Ab 26. März ist die Corona-Teststrecke in Oerlenbach in Betrieb. Schutzkleidung, Gesichtsmasken und Testkits werden allmählich vom Freistaat an hiesige Krankenhäuser und Arztpraxen verteilt. Intensiv diskutiert wird auch im Landkreis über den Mangel an Schutzmasken für die Bevölkerung. Unternehmen und Privatpersonen aus der Region nähen spontan selbst Mund-Nasen-Schutz. Darunter ist auch die achtjährige Alya d'Angelo aus Reiterswiesen, die sich in den Kopf gesetzt hat, auf ihrer kleinen Nähmaschine Masken für die Feuerwehr zu nähen.

Aber es gibt auch technisch versierte Leute, die zündende Ideen haben. In der IT-Abteilung des Landratsamts wird die Idee geboren, mittels 3-D-Drucker Face-Shields herzustellen. Im Dezember stellt man dort auch einen Software-Roboter vor, der blitzschnell die negativen Labor-Ergebnisse von Personen, die sich auf Covid-19 testen ließen, in die Datenbank einträgt und die Leute auch gleich automatisch benachrichtigt.

Corona-Ausbruch im Seniorenhaus in Oerlenbach

Am 1. und 5. April berät der Corona-Gipfel im Kanzleramt über die Verlängerung des Lockdowns. Am 1. April wird bekannt, dass im Seniorenheim in Oerlenbach 19 Betreute und ein Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert sind. Eine Bewohnerin stirbt. In den Folgetagen werden weitere positiv Getestete in dem Heim gemeldet. In den kommenden Wochen starben in diesem Heim sieben Bewohner an oder mit Covid-19. Das Coronavirus dringt im April jedoch auch in andere Heime des Landkreises ein und fordert dort Todesopfer.

Anfang April wird ein Konzept für Intensivbetten in bestimmten Kliniken der Region Main-Rhön vorgestellt. Dr. Ralph Brath (Bad Kissingen) wird Versorgungsarzt für den Landkreis. Am 20. und 30. April wird von bundespolitischer Seite aus das Ende des Lockdowns bei Corona-Gipfeln vorbereitet.

Bis Ende Mai hat sich das Infektionsgeschehen entspannt, sodass das Landratsamt sein Bürgertelefon erst mal einstellt. Auch den Sommer über lässt es sich mit dem Coronavirus recht gut leben, nachdem Geschäfte und Restaurants unter bestimmten Hygienebedingungen wieder öffnen durften und man wieder verreisen kann.

Bad Kissinger Gesundheitstage 22020 sind von langer Hand vorbereitet. Unter strikten Hygieneschutzbedingungen können sie Mitte Oktober gerade noch stattfinden.
Foto: Archiv Siegfried Farkas | Bad Kissinger Gesundheitstage 22020 sind von langer Hand vorbereitet. Unter strikten Hygieneschutzbedingungen können sie Mitte Oktober gerade noch stattfinden.

Im September halten sich die Fallzahlen-Meldungen des Landratsamts noch in Grenzen. Seit Ende September spricht man auch im Landkreis von der 7-Tage-Inzidenz – das ist die Zahl der Fälle innerhalb von sieben Tagen, berechnet auf 100 000 Einwohner  - als kennzeichnendem Faktor für die Entwicklung der Pandemie.

Öffentliches Leben erneut heruntergefahren

Mitte Oktober zieht das Infektionsgeschehen aber auch im Landkreis allmählich wieder an. Die Bad Kissinger Gesundheitstage dürfen, unter strikten Hygienebedingungen, gerade noch stattfinden. Ende Oktober wird das Bürgertelefon des Landkreises erneut geschaltet. Die zweite Pandemie-Welle steht offenbar bevor.

Am 28. Oktober beschließen Bund und Länder einen Teil-Lockdown, der ab 2. November auch in Bayern in Kraft tritt. Am 16. Dezember wird der Lockdown light in einen harten Lockdown umgewandelt. Das bedeutet, dass auch im Landkreis das gesamte öffentliche Leben in dieser Phase wieder heruntergefahren wird.

Im Dezember gehen die Corona-Fallzahlen auch im Landkreis steil nach oben. Doch es gibt auch Hoffnung, denn am 21. Dezember wird der erste Impfstoff von der EU zugelassen. Impfteams beginnen am 27. Dezember im St.-Elisabeth-Heim in Bad Kissingen und im Seniorenheim Saaleufer (Bad Bocklet) mit der Arbeit. Das Kreis-Impfzentrum, das bis Mitte Dezember im Bad Kissinger Tattersall eingerichtet wurde, bleibt jedoch zunächst noch zu, weil zu wenig Impfstoff geliefert wird.

Corona-Ausbruch im Seniorenzentrum Münnerstadt

Doch dann kommt nach Weihnachten eine schockierende Nachricht: Im Münnerstädter Seniorenzentrum St. Elisabeth gab es vor Weihnachten einen Corona-Ausbruch. Über die Feiertage waren dort Bewohner und Belegschaft auf Corona getestet worden. Das Ergebnis nach dem Fest: 51 Senioren, die dort leben, und fünf Beschäftigte bekommen positive Testergebnisse. Insgesamt starben in der Folge elf Heimbewohner an/mit Covid-19.

Auch in den drei Kliniken im Landkreis, die Covid-19-Stationen haben, sind die Kapazitäten Anfang Januar ausgereizt. Alle 40 zur Verfügung stehenden Betten sind voll belegt.

Im Januar 2021 müssen nicht nur die Sternsinger überall improvisieren. Mancherorts werfen sie sogenannte Segenspäckchen in die Briefkästen. In einem Webinar improvisiert auch die IHK Würzburg-Schweinfurt und zeigt Praxisbeispiele zur "digitalen Sichtbarkeit von Innenstädten" sowie Konzepte zur Liquiditätssicherung für Händler und Dienstleister. Denn die Corona-Krise stellt das innerstädtische Gewerbe im Lockdown inzwischen vor extreme Probleme.

Am 27. Dezember 2020 ist Impfstart auch im Landkreis Bad Kissingen. Das erste Impfteam beginnt früh um 9 Uhr im St.-Elisabeth-Seniorenheim in Bad Kissingen.
Foto: Archiv Isolde Krapf | Am 27. Dezember 2020 ist Impfstart auch im Landkreis Bad Kissingen. Das erste Impfteam beginnt früh um 9 Uhr im St.-Elisabeth-Seniorenheim in Bad Kissingen.

Sehr gut beschäftigt ist man in diesen Tagen auch beim Labor Laboklin (Bad Kissingen) mit Corona-Tests. Dort berichtet Chefin Dr. Elisabeth Müller im Gespräch mit dieser Redaktion von 1500 bis 2000 Corona-Labor-Tests pro Tag. Im Januar werden vom Landkreis die ersten FFP2-Masken an pflegende Angehörige und Hilfsbedürftige verteilt, denn ab 18. Januar 2021 sind diese in der Öffentlichkeit Pflicht. Am 25. Januar verteilt auch die Stadt Bad Kissingen solche Masken an alle 14 000 Haushalte.

Kein Impfstoff bleibt liegen

Im Februar 2021 wird bekannt, dass der Landkreis 99 Luftfilteranlagen in seinen Kreisschulen aufstellen wird. Die Corona-Fallzahlen sind auch im Landkreis erneut rückläufig, sodass am 17. Februar die nächtliche Ausgangssperre im Kreis aufgehoben werden kann.

Das Impfen geht bis März weiter voran – allerdings eher zögerlich. Immerhin ist das Impfzentrum Tattersall inzwischen schon an vier Wochentagen offen. Der Landkreis feilt an einer Impfstrategie für immobile Bürger. Anfang März kommen etwa 1800 Impfdosen pro Woche im Landkreis an. Und auch das ist beruhigend: Nach Angaben von Versorgungsarzt Dr. Ralph Brath (Bad Kissingen) bleiben im Landkreis keine Asztrazeneca-Dosen ungenutzt liegen, es werde alles verimpft. Laut Landratsamt sind am 4. März 2021 insgesamt 7559 Landkreis-Bürger erstgeimpft und 2895 Personen haben bereits die zweite Impfung erhalten.

Die Corona-Zahlen des Robert Koch-Instituts für Bad Kissingen am Freitag
Foto: Screnshot MP | Die Corona-Zahlen des Robert Koch-Instituts für Bad Kissingen am Freitag
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